Feiertag, 15.11.2020

von Christopher Hoffmann, Neuwied

„Sklaverei beenden ist Gottesdienst!“ Christen im Kampf gegen Kinderarbeit

Kinderarbeit ist in den meisten Ländern der Welt verboten. Trotzdem schuften in vielen Nationen Millionen Minderjährige. Dafür werden sie nicht nur schlecht bezahlt, sondern riskieren zum Teil ihr Leben und verlieren ihre Kindheit. Deutschland will mit einem Lieferkettengesetz politisch dagegen vorgehen. Auch die Kirche setzt sich international für Kinder und ihre Rechte ein.

© Dazzle Jam / Pexels

„Dass ich gläubiger Christ bin, ist für mich wahnsinnig wichtig, weil sonst wär ich vielleicht schon verzweifelt daran, dass ich nicht alles geschafft hab und dass so viele da noch arbeiten.“

„Wir brauchen eine weltweite neue Verantwortungsethik und müssen verstehen, dass nicht die einen in den reichen Ländern zu Lasten der anderen in den armen Ländern ihre Produkte fertigen können.“

„Ich glaub einfach als Christ: Es ist einfach Gottesdienst, Kinder aus Sklaverei zu befreien und ihnen Lebensperspektiven zu ermöglichen. Es geht darum Menschenwürde durchzusetzen und das ist praktizierter Gottesdienst.“

Jamal ist fünf Jahre alt und lebt in Indien. Das einzige Spielzeug, das er kennt, ist ein Hammer. Damit zerkleinert er Steine. Je größer Jamal wird, desto größer werden auch der Hammer und die Steine. Steine aus einem indischen Steinbruch, die später verarbeitet in Grabsteinen, Pflasteranlagen oder Einbauküchen, auch in Deutschland verkauft werden.

Das erzählt mir Benjamin Pütter, einer der erfahrensten Experten zum Thema Kinderarbeit. 88 Mal war er schon in Indien, dem Land mit den weltweit meisten Kinderarbeitern. Er hat sein ganzes Leben dem Kampf gegen Kinderarbeit verschrieben.

Kinderarbeit für deutsche Produkte

Ich treffe ihn in seinem Büro in Freiburg, von wo aus er kirchliche Hilfswerke berät. Der heute 62-jährige kann und will sich nicht damit abfinden, dass Kinder für deutsche Produkte ihre Kindheit verlieren. Dass sie nicht zur Schule gehen können. Dass sie dadurch in einen lebenslangen Kreislauf aus Armut und Abhängigkeit geraten.

Schon 1998 konzipierte er zusammen mit Kailash Satyarthi, der später den Friedensnobelpreis erhielt, einen globalen Marsch gegen Kinderarbeit, um auf das Problem aufmerksam zu machen: Den „Global March against child labour“.

Bis heute geht er der Frage nach, in welchen Produkten sich Kinderarbeit verbirgt und stößt dabei auch immer wieder auf neue Erkenntnisse vor Ort: In den vergangenen Jahren hat Benjamin Pütter bei seinen Recherchen aufgedeckt, dass Kinderarbeit im Bereich von Natursteinen, die bei uns in Deutschland als Grabsteine oder Küchenplatten genutzt werden, großes Leid verursacht.

Lebenserwartung beträgt etwa 30 Jahre

Kinder wie Jamal gehen ihm nicht aus dem Kopf. Benjamin Pütter erzählt mir, was er in Indien erlebt hat:

„Wenn wir jetzt also in den Steinbruch reingehen und dort sehen wir die Kinder, die an diesen Schlagbohrmaschinen arbeiten. Ich wollte mich mit welchen unterhalten: es ist im wahrsten Sinne des Wortes ohrenbetäubender Lärm. Die Jugendlichen waren bereits ertaubt. Dann werden sie völlig durchgeschüttelt, die Schleimbeutel sind kaputt – aber das Schlimmste ist natürlich der Steinstaub.

Die Lebenserwartung von Kindern, die bereits im Steinbruch aufgewachsen sind, weil sie mitgenommen wurden und den Steinstaub immer eingeatmet haben, die ist gerade mal 30 Jahre."

Was kann man dagegen tun? Benjamin Pütter verweist für den Kauf von Grabsteinen auf das XertifiX-Siegel – ein unabhängiges Kontrollsystem, auf das jeder private Käufer und jede öffentliche Hand bei der Beschaffung achten kann. Wenn ein Produkt das XertifiX-Siegel trägt, gibt es unabhängige und unangekündigte Kontrollen in den Steinbrüchen.

„Viele Kinder arbeiten in Sklaverei“

Aber Kinderarbeit gibt es in vielen Produkten, die auch in den Regalen deutscher Geschäfte angeboten werden: Kleidung, Feuerwerkskörper, Räucherstäbchen, Tee aus Darjeeling, Goldschmuck, Schokolade.

Bei Teppichen hatte sich die Situation verbessert, nachdem es in den 1990er Jahren eine große Kampagne gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie gab. Aber da es im öffentlichen Bewusstsein wieder ruhig um das Thema wurde, musste Benjamin Pütter bei seinen letzten Reisen mit Journalisten in Indien erneut feststellen, wie Kinder an Knüpfstühlen leiden: 

„7.000 Knoten im Schnitt am Tag zu machen, und die abzuschneiden mit so einem Hackbeil, da haut man sich wenn man müde wird auch irgendwann mal in den Finger und haut sich ne Fingerkuppe ab oder verletzt die Nägel. Wäre jetzt nicht so schlimm, wenn man Salbe drauf macht, ein Pflaster drum, kann das wieder heilen.

Nur viele Kinder arbeiten weit weg von zu Hause in Sklaverei und sind angekettet am Knüpfstuhl. Und dann sagt der Besitzer: „Was? Da kommt Blut in meinen Teppich?“ Und träufelt dann Schwefel - das ist das was vorne am Streichholzkopf dran ist - in die Wunde und zündet es an, damit sie sofort vernarbt.“

Bestechung ermöglicht Kinderarbeit

Kinderarbeit in Indien – eigentlich ist sie dort verboten. Doch die Korruption erschwert den Kampf gegen Kinderarbeit enorm: 

„Da war ich bei so einem Besitzer von Knüpfstühlen, der Teppiche produzierte für Deutschland. 180 Kinder haben für ihn gearbeitet und dann hab ich gefragt: Hören Sie zu hier: 180 Kinder, wenn ich das erzähle, sie kommen wahnsinnig lang ins Gefängnis, da hat das Oberste Gericht in Indien eine Entscheidung erlassen.

Und dann hat er mich nur angelächelt und hat gesagt: ‚Wem wollen Sie es denn erzählen? Glauben Sie denn nur die Polizisten wären auf meiner Gehaltsliste? Ich zahl jeden Monat hier auch an die Gerichte Geld.‘ Gesetze werden einfach nicht eingehalten, das ist das Problem.“

Bittere Berichte

Die Bergstadt Kalimpong in Nord-Indien. Hier leben die Schwestern des französisch-katholischen Cluny-Ordens. 500 Kinder konnten die Ordensfrauen in den vergangenen zehn Jahren aus Kinderarbeit befreien und in einem Schutzhaus unterbringen.

Die Journalistin Susanne Arlt hat das Projekt, das vom katholischen Hilfswerk caritas international unterstützt wird, für die Sendung „Weltzeit“ in DLF-Kultur besucht und sich mit diesen Kindern unterhalten. So auch mit dem heute 16-jährigen Anil, dessen Name geändert wurde, um seine Identität zu schützen. Er erzählt, was er vor rund zehn Jahren tagtäglich erleiden musste:

„Schon ganz früh, so um drei Uhr musste ich aufstehen, danach das ganze Gebäude säubern. Die Toiletten musste ich auch reinigen. Ich habe in einem Schlachthof gearbeitet und Hühnchen verkauft. Dort kamen auch viele Kunden vorbei, die musste ich auch bedienen. Jeden Tag habe ich von drei Uhr früh bis elf Uhr abends geschuftet. Vier Jahre lang ging das so. Nie hatte ich einen freien Tag. Immer musste ich arbeiten. Freizeit gab es für uns nicht.“

Als Anils Mutter starb, war er noch sehr klein. Weil sein Vater Alkoholiker ist, lebte er bei seiner Großmutter. Dann tauchten eines Tages fremde Männer auf.

„Die Männer kamen aus den Bergen in unser Dorf. Sie haben mir versprochen, dass ich in eine gute Schule komme, sie mir Geld geben würden und gut für mich sorgen würden, wenn ich mit ihnen komme. Meine Großmutter war natürlich sehr erfreut darüber und hat mich ihnen übergeben. Ich war damals noch sehr klein, zwei Jahre musste ich für sie arbeiten und zur Schule haben sie mich nie geschickt.“

© Benjamin Pütter

Die Kirche setzt sich für die Kinder ein

Die Nonnen kamen 2006 mit dem Ziel nach Kalimpong, Kinderarbeit in dem Bergdorf ein Ende zu setzen.  Damals schufteten dort in fast jedem Haushalt der Stadt ein bis zwei Kinder für Familien oder in den Geschäften. Zusammen mit Sozialarbeitern besuchten die Ordensfrauen viele Häuser, viele Restaurants und machten das Elend öffentlich.

In ihrem Schutzzentrum erhalten die ehemaligen Kinderarbeiter nun drei Mal täglich eine warme Mahlzeit. Und sie können zur örtlichen Schule gehen – denn Bildung ist der Schlüssel, um Kinderarbeit zu entkommen.

Dass fremde Personen in Dörfer kommen und den Ärmsten der Armen falsche Versprechungen machen, damit sie ihre Kinder verkaufen, das hat auch Benjamin Pütter erlebt. Oft werden sie in weit entfernte Distrikte gebracht und sehen ihre Familien nie wieder. Sie arbeiten dann auch in Arbeitsstätten, die Produkte für den deutschen Markt herstellen, wie T-Shirts, Natursteine für Gartenanlagen oder Teppiche.

Wie Pütter mehr als 600 Kinder befreite

Gemeinsam mit indischen Bürgerinitiativen und – damit es legal ist – auch mit Vertretern des Arbeitsministeriums, des Regierungspräsidiums und der Polizei hat Benjamin Pütter schon über 600 Kinder befreit. Oft unter Lebensgefahr.

Die Kinder kommen dann in Übergangszentren der Hilfswerke und erhalten eine Schul- und Berufsausbildung. Wenn irgendwie möglich, werden sie wieder in ihre Ursprungsfamilien gebracht. Zu sehen, dass diese jungen Menschen daraufhin ihren eigenen Weg einschlagen und Erfolg haben, ist für Benjamin Pütter die größte Motivation: 

„Einen, den wir als 15-jährigen befreit haben, der Analphabet war, ist heute Bürgermeister seiner Stadt. Andere haben nicht nur einfach Schneider gelernt, sondern haben einen Schneiderbetrieb und sind die Chefs davon. Andere sind einfach Bauern geblieben oder geworden und leben mit ihrer Familie und wissen, dass sie Rechte haben und das macht es unterschiedlich.“

© Benjamin Pütter

Corona erschwert die Hilfe

Seit 25 Jahren engagiert sich Benjamin Pütter gegen Kinderarbeit – er hat die katholischen Hilfswerke MISEREOR, das Kindermissionswerk DIE STERNSINGER und caritas international beraten. Er sagt: Es ging immer in die richtige Richtung, die Zahl der Kinder in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen ging weltweit stets zurück. Aber durch Corona und die damit verbundenen Folgeerscheinungen hat sich die Situation nun wieder gedreht:

„Wenn ich mir Indien anschaue, zum Beispiel, wo es seit fast einem halben Jahr einen Lockdown gibt und dort bedeutet für Tagelöhner, die von der Hand in den Mund leben und das wirklich gemein: sie verdienen an dem Tag Geld und können sich davon Gemüse kaufen. Reis haben sie zu Hause und können somit dann noch Gemüse dazutun und essen. Sobald Lockdown ist, ist am nächsten Tag nur noch Reis da, mit ner wässrigen Soße, da beginnt sofort der Hunger.“

Auf dem bitterarmen Land Indiens ist an digitalen Unterricht zu Hause während des Lockdowns nicht zu denken. Je länger aber die Phase andauert, in denen Kinder nicht zur Schule gehen können, desto größer ist die Gefahr, dass die Heranwachsenden auch nach dem Lockdown nicht mehr in die Schule geschickt werden, sondern für das Familieneinkommen sorgen müssen oder sogar aus der Not heraus verkauft werden.

Insofern hofft Benjamin Pütter, dass das Thema im kommenden Jahr in den öffentlichen Fokus gerückt wird. Die internationale Arbeitsorganisation ILO hat für 2021 das „Jahr der Kinderarbeit“ ausgerufen.

Das Ziel: die Zahl der Jungen und Mädchen, die in der Kinderarbeit stecken, darf nicht wieder ansteigen, nachdem man jahrzehntelang auf einem guten Weg war. Benjamin Pütter hält an der Hoffnung fest, trotz all der bedrückenden Situationen, denen er ständig ausgesetzt ist.

Helfen, weil es christlich ist

Es ist eine Hoffnung, die er aus seinem christlichen Glauben gewinnt, wie er mir erzählt. Mich begeistert, dass Benjamin Pütter als evangelischer Theologe für katholische Hilfswerke arbeitet und dabei hinduistische und muslimische Kinder aus Sklaverei befreit – er lebt Ökumene und interreligiösen Dialog. Sein christlicher Glaube stärkt ihn dabei:

„Wir als Christen glauben an die Gleichheit des Menschen. Geboren sind wir alle gleich und sollten auch die gleichen Chancen haben. Und aus einem christlichen Verständnis heraus ist es doch da wohl völlig klar, gerade den Schwächsten, denen die sich nicht selber wehren können, Hilfe zu Teil werden zu lassen.

Als Christ hab ich an der Seite der Unterdrückten zu stehen, und nicht an der Seite der Unterdrücker! Und dazu gehört auch, dass die politischen Rahmenbedingungen stimmen und deswegen ist es auch notwendig – auch für ein katholisches Hilfswerk – sich mit der Regierung auseinanderzusetzen. Nicht nur am 6. Januar die Sternsinger hinzuschicken und gemeinsam zu singen, sondern auch zu sagen: So, ihr habt aber auch eine Verantwortung und sie auch daran zu erinnern.“

„Wir stehlen den Kindern die Zukunft“

Auch für den deutschen Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller, spielt der christliche Glaube in seinem Engagement für eine Welt ohne Kinderarbeit, eine entscheidende Rolle. Der CSU-Politiker setzt sich gemeinsam mit seinem Kabinettskollegen, dem Arbeitsminister Hubertus Heil von der SPD, für ein so genanntes Lieferkettengesetz ein.

Damit ist gemeint, dass zum Beispiel eine Jeans von der Baumwollernte über die Näherin in Bangladesch bis zum Modehaus bei uns gemäß ökologischen und sozialen Standards hergestellt wird. Also mit Mindestlohn und menschenwürdigen Arbeitsbedingungen. Und ohne Kinderarbeit. In einem Telefoninterview während des Lockdowns spreche ich mit dem Entwicklungsminister.

Dabei kommt er schnell auf die Bedeutung der Zehn Gebote für sein Handeln zu sprechen. Er hält sie für hochaktuell. So hat er beispielsweise für das erste Gebot:

„Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“,

eine für mich beeindruckende Lesart:

„Das definiere ich so, dass wir in Demut unser Tun auf dem Planeten sehen. Und es gibt einen über uns, der für uns diesen Planeten geschaffen hat und deshalb geht es um den Erhalt der Schöpfung in der Verantwortung vor Gott und kommenden Generationen.“

Und noch ein weiteres Gebot nennt Müller, das ihm besonders wichtig ist: das siebte:

„‘Du sollst nicht stehlen‘ – wir stehlen den Kindern die Zukunft, indem wir sie als Sklaven schuften lassen für unsere Produkte und wir stehlen aber auch der Natur die Grundlagen, indem wir Natur und Mensch ausbeuten."

© Photothek.net

Wie Politik und Kirche helfen können

Unterstützung erhält der gläubige Katholik von seiner Kirche: In einem gemeinsamen Aufruf setzten sich im Juli mehr als 115 Bischöfe und Kardinäle aus 31 Ländern weltweit für ein Ende von Kinderarbeit und Ausbeutung von Mensch und Natur in globalen Lieferketten ein. Darunter sind auch viele deutsche Bischöfe, die fordern, dass die Bundesregierung ein so genanntes Lieferkettengesetz einführt. In dem Schreiben betonen die Bischöfe:

„Besonders anfällig […] sind die Millionen Arbeitskräfte am Beginn von globalen Lieferketten – darunter zahllose Frauen. […] Verantwortungslose Unternehmen sind schon lange in verschiedene Missstände verwickelt: […] sie verunreinigen Böden, Wasser und Luft oder machen sich mitschuldig an schweren Menschenrechtsverletzungen in aller Welt, wie Zwangs-und Kinderarbeit.

Wir […] schlagen einen Ausweg vor, der […] das Leben über den Profit stellt. Die Corona-Krise sollte als Chance genutzt werden, um einen fairen Wandel in Gang zu setzen und einem neuen Wirtschaftssystem den Weg zu bahnen, das vornehmlich dem Menschen und dem Planeten dient.“[1]

Lieferkettengesetz zum Schutz der Kinder

Auch Benjamin Pütter unterstützt das Lieferkettengesetz und verteidigt es mit ganzer Kraft gegen Kritik: Denn manche Wirtschaftsvertreter wollen, dass es bei einer freiwilligen Empfehlung bleibt.

Eine Überprüfung der Bundesregierung im Februar 2020 ergab, dass weniger als 20% der deutschen Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern für die Einhaltung der Menschenrechte in ihren Lieferketten Sorge tragen.

Deshalb findet Benjamin Pütter, dass es ein verpflichtendes Gesetz braucht – auch damit diejenigen, die Menschenrechtsverletzungen nachgehen, keinen Wettbewerbsnachteil haben. Kritiker des Gesetzes behaupten, dass die Einhaltung der Menschenrechte gar nicht nachverfolgt werden könne.

Dem hält Pütter entgegen, dass in anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder den Niederlanden schon Gesetze verabschiedet wurden, die Unternehmen verpflichten Menschenrechte in den Lieferketten einzuhalten. Auch Deutschland müsse jetzt nachziehen. Und sich dann für ein europaweites Lieferkettengesetz einsetzen.

Dem Argument, ein Lieferkettengesetz sei mitunter auch von Nachteil für Menschen in Entwicklungsländern, da sie dann Jobs verlieren könnten, kann Benjamin Pütter nichts abgewinnen. Er findet es angesichts der katastrophalen Arbeitsbedingungen, die er mit eigenen Augen gesehen hat, zynisch:

„Der Vorwurf, dass es dann an den Anfängen der Lieferkette zu Problemen kommt, die Leute ihre Arbeit verlieren, das ist dasselbe Argument warum Sklaverei nicht abgeschafft werden sollte – da haben die Südstaaten gesagt: den Sklaven wird es noch schlechter gehen, wenn wir die Sklaverei abschaffen, die brauchen unsere Arbeitsplätze. In Indien war das das Gleiche: Die Engländer haben gesagt: Wenn wir die Inder freilassen, die werden ja alle arbeitslos. Da gibt’s nur Chaos. Und Mahatma Gandhi hat gesagt: Quit – haut ab! Wir werden Probleme haben, aber es werden unsere eigenen sein.“

Internationaler Tag der Kinderrechte steht bevor

Am kommenden Freitag, am 20. November, ist der Internationale Tag für Kinderrechte. Er erinnert daran, dass jedes Kind das Recht auf ein kindgerechtes Aufwachsen hat, auf ein Leben, das gerade in jungen Jahren die Möglichkeit zur Entfaltung braucht.

Benjamin Pütter hofft, dass dieser Tag den Menschen auch bewusstwerden lässt, wie wichtig ihre Kaufentscheidung dabei ist: Jeder kann sich informieren, ob etwa Tee, Kaffee oder Schokolade mit einem unabhängigen Siegel versehen ist. So wie GEPA oder Fair Trade, die Benjamin Pütter für verlässliche Siegel hält. Sie garantieren, dass unangekündigte Kontrollen in der Herstellung stattfinden, um Kinderarbeit auszuschließen.

Die Arbeiter erhalten einen fairen Lohn. So kann der Verbrauchter mit seinem Kaufverhalten zu einer gerechteren Welt beitragen:

„Das Wunderschöne ist ja: Wenn man sich nur eine Sache vornimmt und dort für sich selbst eine Veränderung anbringt, dass das ja schon riesige Auswirkungen weltweit hat. Also zum Beispiel ich sag: Nur bei Bananen, werd ich jetzt immer drauf achten, dass sie fair gehandelt sind oder meine Großmutter ist gestorben und ich werde nur drauf achten, dass bei dem Grabstein […] dass er ein XertifiX-Siegel hintendrauf hat.

Oder aber eben täglich, wenn ich bei der Schokolade drauf acht und dann fragen Sie natürlich Ihre Nachbarn, ihre Freunde, fragen Sie: Wieso hast du da immer nur fairtrade-Schokolade? Und dann fängt diese Person an darüber nachzudenken und achtet vielleicht beim Kauf von T-Shirts immer darauf. Und jeder der wieder etwas tut ist ein Steinchen in dem Mosaik, das zur Veränderung beiträgt. Lassen Sie sich nicht entmutigen, dass Sie nicht alles tun können, fangen Sie irgendwo an!“ 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.

Musik:

Ben Williams – We shall overcome

Peter Krämer - Awakening

London Symphonic Orchestra – Fairtrade?

Ludovico Einaudi - Fly

Chilly Gonzalo – Manifesto

Ludovico Einaudi – Divenire


[1] Quelle:https://www.cidse.org/wp-content/uploads/2020/07/DE-Bishop-Statement-HRDD-6-July-2020-1.pdf, Ausdruck vom 21.07.2020 um 20:50 Uhr


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Dieser Beitrag wurde am 15.11.2020 gesendet.


Über den Autor Christopher Hoffmann

Christopher Hoffmann, geboren 1985 im Hunsrück, ist Pastoralreferent und Rundfunkbeauftragter bei der Katholischen Rundfunkarbeit am SWR.  Nach dem Studium der Theologie in Trier und Freiburg und der Seelsorgeausbildung im Rheinland ist er aktuell in der Pastoral für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Raum Neuwied aktiv. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er am ifp in München. In seiner Freizeit liebt er Musik und singt seit vielen Jahren in verschiedenen Bands und Chören. Kontakt: christopher.hoffmann@bistum-trier.de

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