Allerheiligen

Predigt des Gottesdienstes aus der Kathedrale St. Sebastian in Magdeburg

Predigt von Bischof Gerhard Feige

Wann fühlt man sich glücklich? Für die meisten gehören dazu vor allem: gesund und erfolgreich zu sein, das Leben genießen zu können und von anderen geliebt zu werden. Umgekehrt würde das dann heißen: Wer arm ist, krank oder einsam, muss ein unglücklicher Mensch sein.

Das jedenfalls wird uns auch täglich in der Werbung vor Augen geführt: Glücklich sind die Schönen und Reichen, die Attraktiven und Selbstbewussten.

Im heutigen Evangelium dagegen haben wir etwas ganz anderes gehört. Jesus spricht ausgerechnet dort vom Glück, wo die Glücksforschung es kaum ansiedeln würde: bei denen, die all das nicht haben, was andere genießen: Er nennt die Armen, die Traurigen, diejenigen, die sich nach Gerechtigkeit und Frieden sehnen, und die, die beschimpft und verfolgt werden. Gerade denen wird hier verheißen, dass sie glücklich sein werden.

Jesus redet sie mit „Selig seid ihr“ an – und diese „Seligpreisung“ bedeutet nichts anderes als tiefes Glück, tiefe Erfüllung. Das aber stellt alles auf den Kopf, was die meisten Menschen glauben und was sie sich erhoffen. Ist das verrückt oder zynisch? Für wen soll das gelten? Wen meint Jesus eigentlich damit?

Das fragt man sich schon seit Jahrhunderten. Manche haben diesen Text so verstanden, dass er tatsächlich nur für diejenigen gedacht ist, die ganz besonders radikal ihren Glauben leben wollen: gesellschaftliche Aussteiger oder eben heiligmäßig Veranlagte.

Für christlich „Normalsterbliche“ sei es unmöglich, so friedlich, barmherzig und vertrauensvoll zu sein. Andere – zum Beispiel Martin Luther – waren davon überzeugt, dass man das durchaus wörtlich nehmen müsse und sehr wohl so leben solle – allerdings aber nur im Privatbereich. Wenn man ein öffentliches Amt habe, könne man sich nicht nach diesen Maßstäben Jesu richten.

Fazit also: Mit den Seligpreisungen lasse sich keine Politik machen. Umgekehrt hielten Marxisten wie Ernst Bloch oder Schriftsteller wie Leo Tolstoi gerade die darin gepriesenen Verhaltensweisen für bestens geeignet, eine gerechte und friedliche Gesellschaft herbeizuführen.

Wieder andere – zum Beispiel Friedrich Nietzsche oder Karl Marx – fanden diese Worte Jesu ärgerlich und kontraproduktiv. Statt Menschen zu ermutigen, sich tatkräftig durchzusetzen und für eine bessere Welt zu kämpfen, würden sie für ihre Schwäche und ihr Versagen auch noch gelobt oder auf ein Jenseits vertröstet.

Immer wieder haben die Worte Jesu also Menschen fasziniert, angezogen oder auch abgestoßen. Unberührt davon ist kaum jemand geblieben. Im Grunde aber sind sich die meisten einig: Wenn wir Menschen nur etwas von den Seligpreisungen Jesu verwirklichen würden, sähe es unter uns anders aus.

Erfreulicherweise haben sich viele im Laufe der Jahrhunderte mit Leib und Seele darauf eingelassen und oftmals dadurch Beträchtliches zum Wohl und zum Fortschritt der Menschheit beigetragen. Entscheidend war für sie dabei, nicht vor allem auf ihre eigenen Fähigkeiten und Leistungen zu setzen, sondern sich in ihren Bemühungen vielmehr ganz Gott anzuvertrauen und letztlich ihn durch sich wirken zu lassen.

Heilige sind darum nicht unbedingt nur strahlende Persönlichkeiten, sondern auch gebrochene, schwache, suchende und ringende Menschen ohne großes Format. Sie sind Beispiele dafür, wie Gott auf die spezifischen Nöte der jeweiligen Zeit geantwortet hat und Menschen bereit waren, seine Gnade durch ihre Gebrechlichkeit hindurch leuchten zu lassen.

Damit können sie auch uns Mut und Zuversicht geben. Bezeugen sie doch auch, dass die Welt nicht so dunkel ist, wie es manchmal scheinen mag.

Allerheiligen ist also kein katholisches Hochleistungsfest oder Heldengedenken. Es kündet vielmehr vom segensreichen Wirken der Gnade Gottes unter uns Menschen. Von Gott beschenkt können aber auch wir barmherzig sein, unseren Hunger und Durst nach Gerechtigkeit wachhalten, uns einmischen, wo Unrecht geschieht, zum Frieden beitragen und auf Grund der Hoffnung, die uns erfüllt, andere trösten.

Auf diese Weise nach Heiligkeit zu streben, kann man nicht anordnen oder erzwingen. Davon kann man sich nur überzeugen oder begeistern lassen. Wer aber versucht, so zu leben, durchbricht den Kreislauf des Bösen durch Liebe, die Spirale der Gewalt durch Frieden, die Hoffnungslosigkeit durch Zuversicht.

Wer sich darauf einlässt, wird erfahren, dass dadurch unsere Welt tatsächlich ein wenig wärmer, freundlicher und menschlicher werden kann. Könnte das nicht glücklicher machen, als sich nur den gängigen Maßstäben anzupassen und mit dem Strom zu schwimmen?


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Dieser Beitrag wurde am 01.11.2020 gesendet.





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