Wort zum Tage, 31.10.2020

von Schwester Melanie Wolfers, Wien

Ich bin ganz Ohr

Im Anfang ist das Ohr. Das erste Sinnesorgan, das sich beim menschlichen Embryo ausbildet, ist das Gehör. Lange bevor wir das Licht der Welt erblicken, nehmen wir hörend Kontakt auf: mit dem Herzschlag der Mutter, mit ihrer Stimme, mit den Geräuschen der Welt.

Von Anfang an leben wir von dem, was uns zugesagt wird: Dass wir willkommen sind, erwartet, geliebt. Wir sind auf Beziehungen angewiesen, in denen wir hören, dass wir dazu gehören. Dass wir zusammengehören.

Im Anfang ist das Ohr. Und damit geht einher: Im Anfang ist das Wort. Der Mensch lebt vom guten Wort. Und umgekehrt: Wenn Menschen gute Worte versagt werden, wird ihre Entfaltung gehemmt.

Sie fühlen sich als Versager und sind verletzt. In allen brennt die Sehnsucht danach, wirklich in der Tiefe gekannt und angenommen zu werden - und zwar auch dann noch, wenn menschliche Worte versagen.

Der christliche Glaube deutet den Hunger des Menschen nach echter Kommunikation als einen Hinweis darauf, dass Gott diese Sehnsucht nach Verstehen und Verstanden-Werden stillen kann. Und wir glauben, dass im Anfang der Schöpfung und am Ursprung unseres Lebens Gottes schöpferisches Wort steht:

„Es ist gut, dass es dich gibt.“

Manchmal fällt es leicht, diesem „Ja“ Gottes Glauben zu schenken und unser Leben zu bejahen. Und manchmal fällt es unsagbar schwer. Verletzungen, Angst oder Schuld haben sich in unser Inneres eingegraben und eine Spur des Misstrauens hinterlassen.

Oder es hallen Grundüberzeugungen in uns nach, die wir von Kindesbeinen an gelernt haben. Sätze wie:

„Du bist okay, wenn du tüchtig bist. Du bist okay, wenn Du brav bist. Wenn Du hilfsbereit bist. Wenn Du nicht störst.“

Vielleicht heißt Christin-Sein lebenslang Christin werden. Nämlich, dass ich dem bedingungslosen Ja der Liebe immer mehr glauben lernen.

Ein Gedicht von Andreas Knapp mit dem Titel „Taufe im Jordan“:

„Wie tief muss ich untergetaucht werden

bis ich dem Leben

auf den grund komme

wie rein muss ich gebadet werden

bis meine haut

durchatmet wird von licht

wie zart muss mir gesagt werden dass ich geliebt bin

bis ich es wirklich

glauben kann.

(aus: Andreas Knapp, Weiter als der Horizont. Gedichte über alles hinaus, echter 9. Auflage 2019, 38)


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Dieser Beitrag wurde am 31.10.2020 gesendet.


Über die Autorin Dr. Melanie Wolfers

Dr. Melanie Wolfers, geb. 1971, ist Philosophin und Theologin. 2004 trat sie in den Orden der Salvatorianerinnen ein. Sie gründete IMpulsLEBEN, ein Angebot für junge Erwachsene, auf der Suche nach Lebensorientierung und sozialem Engagement. Die Seelsorgerin ist Autorin zahlreicher Bücher, Speakerin und SPIEGEL-Bestellerautorin.  Kontakt
Internet: www.melaniewolfers.de
https://www.facebook.com/MelanieWolfersAutorin/

www.instagram.com/melanie_wolfers/



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