Wort zum Tage, 30.10.2020

von Schwester Melanie Wolfers, Wien

Perfektionismus

Seit geraumer Zeit sitze ich vor dem leeren Bildschirm meines Laptops. Verschiedenste Entwürfe für diesen Radiobeitrag habe ich bereits gelöscht. Denn innere Stimmen kommentieren bissig jeden Entwurf: „Banal! Wenig durchdacht!“ Bis mir irgendwann dämmert: Melanie, dein Perfektionismus lässt mal wieder grüßen.

Hinter der viel besprochenen Schreibhemmung verbirgt sich eine recht normale Angst: Nämlich, dass man sich durch sein kreatives Tun oder seine Arbeit angreifbar macht. Das Streben, Dinge 110 prozentig zu erledigen, darf nicht mit dem Bemühen verwechselt werden, etwas besonders gut zu machen! Vielmehr soll das Vollkommenheitsstreben Einem Kritik vom Hals halten und Anerkennung verschaffen.

Schaut man genauer hin, zeigt sich aus meiner Sicht, dass an der Wurzel des Perfektionismus auch eine spirituelle Krise steht. Denn im Versuch, alles richtig zu machen, leitet einen auch die Angst, dass man im Grunde nicht richtig ist; dass ich so, wie ich bin, nicht sein darf. Dass ich nicht genüge... Dass ich mich perfektionieren muss, um okay zu sein.

Wenn mich mein Perfektionismus mal wieder vor sich hertreibt, habe ich persönlich ein Ritual für mich gefunden: Ich versuche, meinen Perfektionismus loszulassen mittels einer Sanduhr, die auf meinem Schreibtisch steht und die ich dann umdrehe.

Die Sanduhr ist für mich ein Symbol fürs Anhalten: Ich lasse meine Arbeit ruhen – halte inne – nehme den inneren Druck wahr – und dann: Tief durchatmen. Tief durchatmen… – Ist die Sanduhr abgelaufen, arbeite ich weiter, bewusst etwas langsamer. Und vor allem auch meiner selbst etwas bewusster.

Die Sanduhr erinnert mich zudem daran:

„Deine Lebenszeit ist einmalig und kostbar! Achte also darauf, dass das dir Wichtige nicht unter die Räder kommt.“

Für mich persönlich bedeutet das, Freiraum zu schaffen für Freunde und Familie, für Natur und Musik. Und für die Stille des Gebets, die meine Seele nährt.

In der Stille lässt sich erahnen, im Großen und Ganzen geborgen zu sein. Die Bibel bringt diese Erfahrung der Verbundenheit so auf den Punkt:

„In ihr – der göttlichen Liebe – bewegen wir uns, leben wir und sind wir.“

(vgl. Apg 17,28)

Wer ahnt, im Licht der Liebe zu leben, entdeckt:

„Ich bin mehr als all mein Können und Leisten!“

Diese Erfahrung befreit vom Zwang zum Perfektionismus und befreit, mutiger und gelassener zugleich, aus dem eigenen Innern zu leben: aus dem Gespür für die eigene Würde und die eines jeden Menschen.


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Dieser Beitrag wurde am 30.10.2020 gesendet.


Über die Autorin Dr. Melanie Wolfers

Dr. Melanie Wolfers, geb. 1971, ist Philosophin und Theologin. 2004 trat sie in den Orden der Salvatorianerinnen ein. Sie gründete IMpulsLEBEN, ein Angebot für junge Erwachsene, auf der Suche nach Lebensorientierung und sozialem Engagement. Die Seelsorgerin ist Autorin zahlreicher Bücher, Speakerin und SPIEGEL-Bestellerautorin.  Kontakt
Internet: www.melaniewolfers.de
https://www.facebook.com/MelanieWolfersAutorin/

www.instagram.com/melanie_wolfers/



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