Wort zum Tage, 29.10.2020

von Schwester Melanie Wolfers, Wien

Grenzen akzeptieren

„Ich habe ein Beziehungsproblem. Nein, nicht mit anderen, sondern mit mir selbst. Das fängt schon an, wenn ich morgens in den Spiegel blicke…“

Auf diese Weise kommentierte ein junger Mann mit Humor, aber auch mit einem Schuss Selbstverachtung sein Aussehen. Ähnlich negativ fiel sein Urteil aus beim Blick ins eigene Innere.

Das quälende Gefühl, nicht zu genügen, erfreut sich weiter Verbreitung. Etwa:

„Ich bin nicht schlank genug. Nicht erfolgreich genug. Nicht durchsetzungsstark genug...“

Die Angst, nicht zu genügen, ist auch gesellschaftlich getriggert. Denn das Gesetz der Leistungsgesellschaft:

„Optimiere dich, oder du bist raus!“

– dieses Gesetz hat sämtliche Lebensbereiche geflutet. Die Kehrseite dieses Credos liegt darin, dass es zugleich das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit nährt.

Doch der an Optimierung geschulte Blick sieht eine Sache grundlegend falsch. Er übersieht: Grenzen und Schwächen sind – ebenso wie Stärken und Begabungen – keine ethischen Kategorien.

Das heißt, bei ihnen handelt es sich nicht um Haltungen oder Verhaltensweisen, die sein sollen oder nicht sein sollen. Vielmehr sind sie Grundgegebenheiten unseres Daseins. Schwäche und Stärke, Lichtes und Dunkles prägen das Leben eines jeden Menschen – sogar das eigene…

Aber mit dem Akzeptieren von Grenzen ist das so eine Sache. Das weiß ich auch aus eigener Erfahrung: Ich bin ein Mensch, der viel vom Leben will. Über lange Zeit hinweg waren Grenzen und Schwächen aus meiner Sicht primär dazu da, dass ich sie überwinde.

Vor einigen Jahren bin ich dann über den vielsagenden Begriff „Umfriedung“ gestolpert: ein altes Wort für „Grenzzaun“. Und mir ging auf: Die eigenen Grenzen – etwa die der körperlichen Belastbarkeit, der Begabung oder des Charakters – diese Grenzen können einen Lebensraum markieren, innerhalb dessen sich in Frieden leben lässt.

Eine ständige Grenzüberschreitung hingegen kommt einer Kriegserklärung gegen sich selbst gleich.

„Gott schafft deinen Grenzen Frieden.“

So betet der Psalmist in der Bibel. Wenn ich ahne, dass ein göttliches Du mich und alle Menschen von innen her bejaht, dann befreit das von dem Damoklesschwert, den Anforderungen nicht zu genügen. Dann reift ein tragfähiges „Ja“ zu sich selbst heran. Und ich kann mit einem versöhnten Herzen kämpfen, wo es zu kämpfen gilt.


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Dieser Beitrag wurde am 29.10.2020 gesendet.


Über die Autorin Dr. Melanie Wolfers

Dr. Melanie Wolfers, geb. 1971, ist Philosophin und Theologin. 2004 trat sie in den Orden der Salvatorianerinnen ein. Sie gründete IMpulsLEBEN, ein Angebot für junge Erwachsene, auf der Suche nach Lebensorientierung und sozialem Engagement. Die Seelsorgerin ist Autorin zahlreicher Bücher, Speakerin und SPIEGEL-Bestellerautorin.  Kontakt
Internet: www.melaniewolfers.de
https://www.facebook.com/MelanieWolfersAutorin/

www.instagram.com/melanie_wolfers/



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