Wort zum Tage, 28.10.2020

von Schwester Melanie Wolfers, Wien

Das beste Wort

Der amerikanische Journalist Hunter Thompson ist berühmt für ungewöhnliche Recherchen. Um einen authentischen Bericht über die ‚Hell's Angels‘ zu schreiben, verbrachte er ein ganzes Jahr mit den Rockern. Seine Honorarforderung: zwölf Dollar - pro Wort.

Als dies bekannt wurde, schickten ihm Studenten aus Spaß einmal zwölf Dollar. Dafür solle er ihnen sein bestes Wort zukommen lassen. Es kam postwendend: „Danke!“

Mir gefällt diese Geschichte; vor allem die Frage nach dem besten Wort. Wie lautet mein bestes Wort? Ein Wort, das die Welt zum Sprechen, zum Singen bringt?

Vor einiger Zeit fiel mir ein Tagebucheintrag von Franz Kafka in die Hände. Kafka notiert:

„Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden immer in ihrer ganzen Fülle bereitliegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.“

Ich glaube, es gibt im Leben einer jeden Person Augenblicke, in denen sie etwas unwahrscheinlich anrührt. Intensive Momente, in denen man spürt, was das Leben in seiner Tiefe bedeutet. Worauf es ankommt. Vielleicht ist es die Geburt eines Kindes. Das Rauschen des Windes. Oder der Augenblick, in dem es still wird in einem, wirklich still …

Dankbarkeit erscheint mir als ein Wort, das diese verborgene „Herrlichkeit des Lebens“ beim Namen ruft. Denn Dankbarkeit weckt die Erinnerung an etwas, was sonst vergessen würde. Sie bringt ans Licht, was ohne sie nicht sichtbar wäre: Jene Augenblicke, in denen die Schönheit des Lebens aufleuchtet. 

Die christliche Tradition ist davon überzeugt, dass alle Menschen spirituell begabt sind. Und dass jeder – vielleicht auch nur eine Sternschnuppe lang – erahnen kann: Ich bin aufgehoben in einem großen Zusammenhang, der mich und alles von innen her trägt. Ein Zusammenhang, der Liebe heißt.

Der Glaube vermag uns die Augen zu öffnen für dieses göttliche Milieu, in dem wir uns immer schon bewegen. Er wirkt wie eine 3-D-Brille, die uns die Tiefendimension des Lebens erschließen kann. Zeiten der Stille oder Meditation helfen, dass wir präsent und wach werden für die „Herrlichkeit des Lebens“, die jederzeit für jede in ihrer ganzen Fülle bereitliegt.

Dankbarkeit ist mein bestes Wort. Und wie lautet Ihr bestes Wort?


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Dieser Beitrag wurde am 28.10.2020 gesendet.


Über die Autorin Dr. Melanie Wolfers

Dr. Melanie Wolfers, geb. 1971, ist Philosophin und Theologin. 2004 trat sie in den Orden der Salvatorianerinnen ein. Sie gründete IMpulsLEBEN, ein Angebot für junge Erwachsene, auf der Suche nach Lebensorientierung und sozialem Engagement. Die Seelsorgerin ist Autorin zahlreicher Bücher, Speakerin und SPIEGEL-Bestellerautorin.  Kontakt
Internet: www.melaniewolfers.de
https://www.facebook.com/MelanieWolfersAutorin/

www.instagram.com/melanie_wolfers/



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