Morgenandacht, 19.02.2015

von Beate Hirt aus Frankfurt

Du bist schön!

Ich gebe es zu: Auch bei mir wird in der Fastenzeit nicht nur aus religiösen Gründen gefastet. Weniger Süßigkeiten und weniger Alkohol bis Ostern: Das ist auch deswegen keine schlechte Idee, weil es bedeutet: weniger Kalorien. Ich möchte an Ostern nicht nur spirituell weiter sein. Ich hätte ganz gerne auch ein paar Kilos weniger. Übertreiben werde ich es aber bestimmt auch nicht mit dem Verzicht. Zum einen, weil ich kein Typ bin für strenge Fastenkuren. Und zum andern, ehrlich gesagt: weil ich mich eigentlich insgesamt schon ganz wohl fühle mit mir selbst.

Mir gefällt deswegen die Fastenaktion der evangelischen Kirche dieses Jahr auch besonders gut: „Du bist schön!“ heißt sie. Und der Untertitel lautet: „Sieben Wochen ohne Runtermachen“. Das habe ich mir jetzt für die Fastenzeit mindestens genauso vorgenommen, wie weniger Süßigkeiten und Alkohol. Denn einen Hang zum Runtermachen, den kenn ich schon auch: Dieses und jenes gefällt mir nicht an mir. Im Spiegelbild gegenüber entdecke ich so manches, was man noch optimieren könnte. Und wenn ich in mich hineinschaue: ehrlich gesagt auch. Ich bin ein ziemlich perfektionistischer Mensch. Mit eigenen Fehlern oder halben Erfolgen kann ich oft nicht so gut umgehen. „Du bist schön!“ Ich will mir das in den nächsten Wochen öfter mal sagen. Und ich werde versuchen, gelassener und froh auf das zu schauen, was schon ganz gut ist an mir. Will mich selbst mit Humor und mit Liebe betrachten. Und natürlich auch die anderen.

„Du bist schön!“ Das gilt natürlich auch für die Menschen um mich herum. Auch da neige ich ja gerne mal dazu, mich auf das zu konzentrieren, was mich stört. Was nicht perfekt ist am anderen. Und manchmal, fürchte ich, führt das auch dazu, dass ich den anderen zu ändern versuche in meinem Sinne. Auch das will ich in den nächsten Wochen einmal anders versuchen. Will den kritischen Blick öfter mal beiseitelassen und den liebenden Blick hervorholen. Und es gibt ja so viel, was ich an den Menschen um mich herum schätze und liebe! Ihre Art zu lachen. Ihre unbändige Energie. Ihre Zärtlichkeit. All das tut mir gut – und es ist schön in meinen Augen. Ich will es auch immer wieder einmal sagen, denn wir sagen uns das ja viel zu selten: Du bist schön! Oder: Ich hab dich lieb!

Wenn ich eine solche liebevolle Haltung versuche, mir gegenüber und den anderen gegenüber: Dann hat das für mich auch etwas Spirituelles, etwas Religiöses. Denn dieser Blick auf den Menschen: Den hat auch Gott. Er sieht den Menschen und die Welt mit Liebe und Zärtlichkeit an, von Anfang an. Schon auf den ersten Seiten der Bibel ist das so, da wird erzählt: Gott schuf die Welt, jeden Tag ein Stück, am Ende schuf Gott den Menschen. Und er sah alles an, was er gemacht hat. Es war sehr gut. Und Gott segnete alles. Ähnlich wird das auch von Jesus erzählt: Liebevoll ist er auf die Menschen zugegangen, wertschätzend. Menschen, die in den Augen anderer schlecht und hässlich waren, hat er mit Augen der Liebe angesehen. Und er hat in ihnen das Schöne hervorgeholt und es leuchten lassen. Er war ein Segen für die Menschen.

Es ist ein Segen, wenn ich die Welt mit den Augen Gottes und den Augen Jesu sehen kann: wenn ich die Schönheit wahrnehme in den Menschen um mich herum. Ihre Wunder, ihre Größe. Das heißt nicht, dass ich nun gar nichts mehr kritisieren und verbessern darf. Auch etwa an mir selbst. Ich werde in den nächsten Wochen Fastenzeit schon versuchen, ein paar Kilo abzunehmen und ein paar Dinge im Alltag anders zu machen. Aber die wichtigste Botschaft für die sieben Wochen bis Ostern lautet für mich: Du bist schon schön! Du musst dich nicht kleinmachen und runtermachen, und du sollst auch andere nicht kleinmachen. Du bist geliebt, so wie du bist. Als Geschöpf Gottes. Und auch die anderen sind das: wundervolle Geschöpfe Gottes.


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Dieser Beitrag wurde am 19.02.2015 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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