Morgenandacht, 18.02.2015

von Beate Hirt aus Frankfurt

Gedenke, Mensch, dass du Staub bist!

So viele Menschen sieht man mittlerweile damit nicht mehr, aber den ein oder anderen vielleicht schon: Heute sind Leute unterwegs, die Asche auf der Stirn haben. Am Aschermittwoch wird den Gläubigen in den Gottesdiensten traditionell ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet. Und die Botschaft, die der Pfarrer dazu sagt, lautet: Gedenke, Mensch, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehrst! Als Kind war mir das alles etwas unheimlich und auch peinlich. Ich fand es seltsam zu hören, dass ich Staub sein sollte. Und mir war es unangenehm, nach dem Gottesdienst mit einem schwarzen Kreuz auf der Stirn herumzulaufen. Ich hab es mir meistens ziemlich bald wieder weg gewischt. Heute lasse ich dieses Aschenkreuz in der Regel an meiner Stirn. Und ich versuche, mich davon nicht schrecken, sondern zum Nachdenken anregen zu lassen.

Gedenke, Mensch, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehrst! Das heißt ja eigentlich nichts anderes als: Gedenke, Mensch, dass du sterben wirst. Du wirst einmal zu Staub verfallen. Das lässt man sich erst mal nicht so gerne sagen. Und heutzutage vielleicht erst recht nicht. Wir leben ja in unserer Gesellschaft oft so, als ob unser Leben unendlich wäre. Als ob wir ewig Zeit hätten und nichts uns bremsen könnte. Wir planen unser Leben meist auch so, als könne uns nichts dazwischen kommen: Der Kalender ist voll mit Dingen, die in den nächsten Monaten anstehen. Und die Wünsche, die gehen weit über das nächste Jahr hinaus – auch ich habe schon Ideen, wohin ich unbedingt noch reisen möchte, und was ich alles machen möchte, wenn ich irgendwann in über zwanzig Jahre in Rente gehe. Aber eigentlich kann ich natürlich gar nicht wissen, ob ich die noch erlebe. Oder ob ich die nächste Woche noch erlebe.

Gedenke, Mensch, dass du Staub bist! Mich haben daran in den letzten Jahren auch Menschen aus meiner Umgebung erinnert, die an Krebs gestorben sind. Drei meiner Freunde sind keine 50 Jahre alt geworden. Und ich weiß noch, wie die eine Freundin einmal sagte: „Lebe jetzt! Wir müssen viel stärker im Hier und Heute leben. Wir wissen ja nicht, wie viele Morgen es noch gibt.“ Und aus diesem Bewusstsein der Vergänglichkeit ist nicht nur Traurigkeit gewachsen, sondern auch eine gute Portion Freude und Gelassenheit. Ich habe mit meiner krebskranken Freundin viel gefeiert und gelacht, wir haben intensiv geredet und waren uns nah. „Carpe diem! Nütze den Tag!“ Auch das steckt ja mit drin in dem „Gedenke, Mensch, dass du Staub bist!“

Wenn mir bewusst ist: Ich bin sterblich. Dann schau ich nicht nur dem Tod bewusst entgegen – ich kann auch mein Leben noch bewusster wahrnehmen. Für mich heißt das auch: Ich kann es noch bewusster als Geschenk begreifen. Für mich liegt mein Leben in Gottes Hand. Er hat es mir geschenkt. Und er wird mich auch irgendwann wieder aus diesem Leben heraus rufen – ich hoffe: in ein weiteres, größeres Leben. Hier auf dieser Erde aber ist mir jeder Tag von ihm geschenkt. Er will, dass ich meine Zeit gut nütze, lebendig lebe. Aber das, was ich erreiche, das, was ich plane, das hängt nicht nur von mir ab. Ich habe es nicht allein in der Hand, was wird. Das liegt auch in Gottes Hand. Früher haben die Menschen, wenn sie Pläne geschmiedet haben,  manchmal gesagt: „So Gott will“. Ich finde den Ausdruck eigentlich ganz schön. Er relativiert die Sicherheit und die Unsterblichkeit, mit der wir manchmal meinen reden zu können. Vielleicht werde ich das in den nächsten Wochen der Fastenzeit immer mal wieder sagen: „Wir sehen uns nächste Woche – so Gott will!“ „Nächstes Jahr steht dieses größere Projekt für mich an – so Gott will!“

„Bedenke, Mensch, dass du Staub bist!“ Dieser Spruch und dieses Aschenkreuz heute am Aschermittwoch: Die sind für mich nicht nur eine Mahnung. Sie sind auch eine Einladung: Denke daran, Mensch, dieses Leben ist ein kostbares Geschenk! Und du sollst es ganz bewusst leben!


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Dieser Beitrag wurde am 18.02.2015 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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