Am Sonntagmorgen, 18.10.2020

von Martin Korden, Köln

Wie aus der Zeit gefallen. Hat der Rosenkranz noch eine Zukunft?

Ein Kranz mit 59 Perlen – aus Holz, Glas, Stein oder Kunststoff: Das ist der Rosenkranz. Christen beten ihn seit dem Frühmittelalter. Heutzutage sieht man fast nur noch ältere Menschen damit. Dabei ist der Rosenkranz noch immer eine Form des Gebetes für alle: jung und alt.

© Karolina Grabowska / Pexels

„Gegrüßet seist du Maria – voll der Gnade der Herr ist mit dir…“

Es wirkt wie aus einer anderen Zeit. Menschen, die den Rosenkranz beten – vor dem geistigen Auge ziehen Prozessionen von Pilgern vorbei, oder man denkt an eine Familie, versammelt am Sterbebett des Großvaters, manch einer mag bei diesem Gebet eine Bergkulisse vor Augen haben, davor eine Kapelle in der meist ältere Frauen mit dem Rosenkranz in den Bänken sitzen.

Es hat etwas Geheimnisvolles, für manche vielleicht Unheimliches, wie diese Worte gesprochen werden, in gleicher Tonlage, monoton und im gleichbleibenden Rhythmus als schwinge bei alledem jemand einen unsichtbaren Taktstock …

In der Hand halten die Beterinnen und Beter den berühmten Rosenkranz mit den Perlen und dem schwingenden Kreuz am Ende der Kette. Die Finger gleiten dabei nach jedem Gebet eine Perle weiter.

„Wir denen nicht langweilig?“

Das Rosenkranzgebet wirkt wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Doch es gibt sie noch – die Orte und Kapellen, wo der Rosenkranz gebetet wird. Diese Bilder existieren noch – beinahe provozierend altmodisch – vermehrt gerade jetzt im Oktober, wenn die Kirche den Rosenkranzmonat begeht.

Wer heute als junger Mensch das sieht, scheint ungläubig, möglicherweise in einem Sinne fasziniert, doch vor allem wird er sich fragen:

„Warum machen die das? Wird denen nicht langweilig?“

Auch ich habe mir diese Fragen vor vielen Jahren gestellt. Schaue ich heute in die Kirchenbänke, in denen der Rosenkranz gebetet wird, so schwant mir, dass da die letzte Generation sitzt, die dieses Gebet noch spricht.

Ich will in diesem Beitrag versuchen zu erklären – warum ich heute glaube, dass das ein großer Verlust wäre, wenn diese annähernd tausend Jahre alte Tradition zu Ende ginge – nicht nur für die Katholische Kirche hierzulande.

Es wäre vor allem auch ein Verlust für die Menschen, die dieses Gebet dann nicht mehr kennenlernen und damit auch nicht mehr die Kraft, die von dem Rosenkranzgebet ausgehen kann …

„Der Rosenkranz gehört zum täglichen Leben“ – „Ja, das stimmt.“

„Ich fühle da eine innere Stärke.“

„Ich bete den, wenn ich irgendwo unterwegs bin, wenn ich im Auto alleine fahre. Er ist für mich ein Lebenselixier.“

„Wenn ich wallfahre, dann hilft einem das Gebet unheimlich, man geht einfach weiter. Man setzt den Fuß im Rhythmus des Gebetes immer voreinander und die anderen gehen mit und man wird getragen. Bis zum Ziel.“

Eintauchen in Gleichmäßigkeit

Der Rosenkranz hat ein Geheimnis, das sich erst erschließt, wenn man ihn ausprobiert. Auch wenn das Rosenkranzgebet in der heutigen Form erst um das 13. Jahrhundert entstand, so ist das zugrundeliegende Prinzip doch eine Urerfahrung in Gebet und Meditation. Es ist die Kraft der Wiederholung! Sie führt dazu, dass sich der Beter einschwingt in einen bestimmten Rhythmus.

Wer so in eine Gleichmäßigkeit eintaucht – bei dem stellt sich eine besondere Form der Ruhe ein. Es ist das Gefühl, den Dingen, die mich eben noch beschäftigten, in gewisser Weise entzogen zu werden.

Die Gedanken werden leer und doch konzentriert, geleitet durch den Rhythmus, der den Beter trägt und ihn in die konzentrierte Ruhe führt. Es ist, als würde jemand das Fenster öffnen und der Durchzug treibt die Unruhe hinaus. Was mich eben noch belastete, fliegt davon, ich gebe es ab, an die Worte, die schon nach kurzer Zeit wie automatisch von den Lippen kommen: Was bleibt ist die reine Luft, die endlich durchatmen lässt. Die klar werden lässt, klar fühlen, klar sehen.

Doch darauf muss ich mich einlassen, in dem ich mit dem ersten Missverständnis beim Rosenkranzgebet aufräume: Es kommt nicht darauf an, dass ich jedes einzelne Wort des Gebets rational mitverfolge, es kommt auch nicht darauf an, die Perlenkette förmlich abzuarbeiten und schnell zu beten – im Gegenteil.

Meine Gedanken hängen nicht an den Worten, ich lasse sie los und so beginnen die Worte, an meinem inneren Auge vorbei zu fahren. Ich suche nicht – mir wird gezeigt. Mal dieses Wort, mal jenes. Ich lasse mich führen.

„Gegrüßet seist du Maria…“

Neue Gebetsmethoden aus alten Erfahrungen

Es ist paradox: Während das Rosenkranzgebet immer weniger gepflegt wird und vielerorts als verstaubt gilt, werden andere Gebetsformen immer beliebter, die bei näherer Betrachtung das gleiche Prinzip verfolgen. Sie zielen genauso auf eine Wahrnehmung der Innerlichkeit. Gerade als Kontrast zu konkret ausformulierten Bitten.

Neuere Gebetsmethoden zielen darauf, zur Ruhe zu kommen, um in sich zu horchen, und dabei weniger selbst zu sprechen, sondern Gott in den eigenen inneren Regungen sprechen zu lassen. So hat das Gebet nicht das erste Ziel, um etwas zu bitten, sondern vielmehr sich einzulassen auf den verborgenen, aber anwesenden Gott, der dem Menschen in der Stille begegnet.

Gebete, die sich daran orientieren und immer beliebter werden sind das sogenannte „Ruhe-Gebet“, das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ oder das „Herzensgebet“.

Sie alle verzichten auf viele Worte. Und binden sich dabei oft an einen Rhythmus, der sich zum Beispiel am natürlichen Takt des eigenen Ein- und Ausatmens orientiert oder an einem einzelnen Satz, der immer und immer wieder formuliert wird.

Doch diese Methode ist eben alles andere als modern, sie gehört zu den Urerfahrungen des Gebets und der Sammlung – auch in anderen Religionen. Und sie wurde auch im Christentum schon einmal neu entdeckt, in der Zeit als das Rosenkranzgebet entstand.

Gebete, die zu Rosen wurden

Um das Jahr 1000 ist das Beten der biblischen Psalmen weit verbreitet. Die katholischen Orden entwickeln eine Form zur tieferen Betrachtung, indem sie einzelne Verse immer wiederholen – entsprechend der Anzahl der Psalmen bis zu 150mal.

Doch viele einfache Beter, die des Lesens oft unkundig waren, kennen die Psalmenverse nicht – um ihnen dennoch diese Form der Meditation zu ermöglichen, empfehlen sie das ständige Wiederholen des bekannten Vater-Unser-Gebets. Zur Zählung der Gebete wird die sogenannte Pater-Noster-Schnur verwendet.

In diese Zeit fällt auch eine Legende: Ein Zisterziensermönch legte einer Marien-Statue im klösterlichen Garten regelmäßig einen Kranz von geflochtenen Rosen aufs Haupt, um so seine Verehrung für die Gottesmutter auszudrücken.

Eines Tages soll er dabei eine Stimme vernommen haben: Maria freue sich über einen anderen Kranz mehr, nämlich über einen Kranz von „Gegrüßet seist du Maria“-Gebeten. Diese Gebete, so die Stimme, würden in den Händen der Gottesmutter zu Rosen werden, aus denen sie dann den schönsten Kranz flechten könne.

Der Rosenkranz: Maria betet mit

Das „Gegrüßet-seist-du-Maria“ – oder „Ave Maria“ – verdrängt das Vater Unser als meditatives Wiederholungs-Gebet. Ab dem 13. Jahrhundert wird dafür der Name „Rosenkranz“ geläufig. Dabei wird die Ave-Maria-Reihe mit Betrachtungssätzen aus dem Leben Jesu verbunden.

Der Karthäuser-Orden in Trier entwickelt schließlich die heute gängige Form, mit nunmehr 5 Blöcken beginnend mit einem Vater-Unser und nachfolgend mit jeweils 10 gesprochenen Ave-Maria-Gebeten, denen jeweils ein sogenanntes Geheimnis hinzugefügt wird. Ein Relativsatz in der Mitte des Gebets, der ein zentrales Ereignis aus dem Leben Jesu benennt.

„Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus, der für uns gekreuzigt worden ist.“ – „Ave Maria.“

Diese bis heute geltende Form des Rosenkranzes etablierte sich im 14. Jahrhundert. Und das auf der ganzen Erde – es gibt heute keine katholische Gemeinde weltweit, in der das Rosenkranzgebet nicht überliefert wäre.

Der Rosenkranz wird dabei in erster Linie als Jesus-Gebet verstanden und nicht als Mariengebet. Denn der Rosenkranz betrachtet durch die Einschübe meditativ das Leben Jesu. Aber aus der Perspektive Mariens. Es ist kein Gebet zu Maria, aber – so die gläubige Vorstellung – Maria betet mit. 

Schon schnell nach seiner Entstehung im 13. Jahrhundert wird der Rosenkranz in der Volksfrömmigkeit immer mehr zum Gebet für besondere Anliegen. In der mitbetenden Gottesmutter wird dabei eine starke Fürsprecherin im Himmel gesehen.

Der Rosenkranz kommt zum Einsatz in schweren Situationen, bei bedrohlichen Erkrankungen oder im Todesfall als Gebet für den Verstorbenen, damit dieser das ewige Leben erringe. Der Rosenkranz wird so immer mehr erfahren als das scheinbar hilfreichste Mittel für aussichtslose Situationen.

Mit dem Rosenkranz gegen die Osmanen?

So auch am 7. Oktober 1571 als im Golf von Lepanto nahe der griechischen Küste eine Allianz aus europäischen Großmächten dem mehr als doppelt so großen Heer der Osmanen gegenübersteht. Die Osmanen gelten als unbesiegbar und rücken immer weiter Richtung Europa vor.

Wenn sie hier nicht zurückgeschlagen werden, so vermuten viele, steht einer muslimischen Invasion des Kontinents nichts mehr im Wege. Das europäische Bündnis scheint hoffnungslos unterlegen. Am Tag der Schlacht ruft Papst Pius V. darum zum Gebet auf: 

„Betet den Rosenkranz! Vereint euch mit der Gottesmutter Maria – unserer Mutter – zu diesem altehrwürdigen Gebet, auf dass sie in dieser schweren Stunde unsere Fürsprecherin sei. Betet den Rosenkranz. Betet alle!“

Was nicht für möglich gehalten wurde, geschieht – die Europäer gewinnen die Schlacht von Lepanto. Die Osmanen ziehen sich zurück. Am ersten Jahrestag des scheinbaren Wunders ruft Pius V. darum den Gedenktag „Unserer Lieben Frau vom Siege“ aus – der Hilfe der Gottesmutter und dem Rosenkranz gewidmet.

Ein kirchliches Fest für einen militärischen Sieg – das mutet aus heutiger Sicht mehr als sonderbar an – und schon Pius‘ Nachfolger Papst Gregor der XIII. benennt den Gedenktag um, der seitdem „Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz“ gilt. Der 7. Oktober wird zum Rosenkranzfest und der Oktober zum Rosenkranzmonat. 

Welches Geheimnis der Rosenkranz birgt

Eine besondere Rolle spielt der Rosenkranz in den großen Marien-Wallfahrtsorten wie Lourdes oder Fatima. In den Jahren 1859 bzw. 1917 soll Maria in diesen Orten Kindern erschienen sein, dabei – so berichten die Seher – habe sie einen Rosenkranz in der Hand gehalten bzw. selbst zum Rosenkranzgebet aufgerufen haben – und wurde auch deswegen als die Mutter Gottes identifiziert.

Solche Erzählungen mögen dem säkular geprägten Menschen heute eher unverständlich erscheinen. Für viele Katholiken aber waren die Erscheinungen der Beleg für die gläubige Überzeugung, in wichtigen Anliegen die Gottesmutter anzurufen und den Rosenkranz zu beten.

Gerade rund um die Wallfahrten zu diesen Orten kommt es bis heute zu Berichten über unerklärliche Heilungen. „Maria hat geholfen“ – die Kirchen dort sind gepflastert mit sogenannten Votivtafeln, auf denen dieser Satz zu lesen ist, in Stein gemeißelt von Menschen, die Hilfe erfahren haben.

Es sind möglicherweise diese für manchen magisch anmutende Vorstellungen, die Menschen von heute den Zugang zum Rosenkranz erschweren.

Doch es bleiben die tiefen inneren und äußeren Erfahrungen vieler Beter mit dem Rosenkranz, die sie an diesem Gebet mitunter leidenschaftlich festhalten lassen. Auf den ersten Blick mag es die stumpfe Wiederholung eines Gebetes aus einer anderen Zeit sein. Auf den zweiten aber lässt sich erahnen, dass der Rosenkranz ein Geheimnis birgt, das Kardinal Josef Ratzinger einst so beschrieb:

„Nur das Belanglose braucht die Abwechslung und muss schnell durch anderes ersetzt werden. Das Große wird größer, in dem wir es wiederholen, und wir selbst werden reicher dabei und still und frei und gehen in das Große ein. So sagt uns der Rosenkranz, was wir gerade heute brauchen: uns Zeit nehmen für das Wesentliche. Tun wir es, dann werden wir wieder still werden und verweilen können, um zu werden.“[1]

Musik:

To the Sky – Dirk Maassen

The End of An Era – OST

Eltern “Gespräch“ – Niki Reiser

Suspended Memories – OST

Ave Maria-Gesang in Lourdes

The Changeling End Theme – Clint Eastwood


[1] aus: Joseph Ratzinger (u.a.): Der Rosenkranz. Gebete und Meditationen, Benno Verlag, Leipzig 2003, S. 5 (12 Zeilen)


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Dieser Beitrag wurde am 18.10.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Nach dem Abitur absolvierte er im Rahmen seines Wehrdienstes eine erste Hörfunkausbildung beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie und schloss 2006 mit dem Diplom ab. Das journalistische Volontariat absolvierte er bei der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt am Main. Neben der Aufgabe als Senderbeauftragter ist er seit vielen Jahren für DOMRADIO.DE in Köln und für die Katholische Fernseharbeit tätig. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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