Wort zum Tage, 17.10.2020

von Pfarrer Lutz Nehk, Berlin

Traut euch! Traut mir!

Traust du dich das? Traust du dir das zu? Das frage ich mich manchmal. Altersbedingt: Traust du dir das noch zu? Das hat immer etwas mit einer Herausforderung zu tun.

Etwas Neues beginnen. Noch einmal etwas machen, was man vor Jahren mal gemacht und gekonnt hat. Eine Entscheidung treffen, die andere Menschen verwundert, vielleicht erschreckt. Einfacher wäre es, sitzen zu bleiben und sich nicht zu bewegen.

Manchmal sind da auch Menschen, die mir zurufen: Trau dich! Das schaffst du! Mach es einfach! Es gibt Leute, die mir positiv etwas zumuten. Sie haben bei mir ein Talent entdeckt, das ich selbst noch nicht erkannt habe. Sie vertrauen mir.

Welche Gedanken mögen dem Petrus durch den Kopf gegangen sein in der biblischen Erzählung, in der Jesus über das Wasser zu den Jüngern kommt. (Mt 14, 22-33) Als Jesus zu ihm sagt: Komm! Steig aus dem Boot und komm über das Wasser zu mir. Komm und fürchte dich nicht, zu erfahren, dass du Vertrauen haben kannst.

Dass Petrus am Ende doch im Wasser versinkt, dass Jesus ihn deswegen einen „Kleingläubigen“ nennt wird für den oft so siegesgewissen Jünger eine ebenso wichtige Erfahrung gewesen sein.

Mit Petrus wird die im Boot sitzende Kirche herausgefordert, dem Gegenwind und dem Gespenstischen der Situation Vertrauen entgegen zu setzen. So geht es ja am Ende der Erzählung auch aus:

„Die Jünger im Boot fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.“

Der Kirche in der Welt von heute, geht es nicht anders, als der Kirche vergangener Zeiten. Mir, einem Christen von heute, geht es nicht anders den Christinnen und Christen vor mir.

Jede Zeit hat ihre eigene Herausforderung. Sie ehrlich und deutlich zu erkennen ist wichtig. Nicht immer ist der Gegenwind und das Gespenstische offensichtlich.

Das 2. Vatikanische Konzil sagt:

„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“

(Gaudium et Spes, 1.)

Es gilt also zu erkunden, was Freude ist, was Hoffnung, was Trauer, was Angst. Schon hier stellt sich die Frage: Trauen sich Christen das? Trauen sie sich, möglicherweise zu erkennen, dass die Kirchen in eine Sonderwelt abgetaucht sind?

Kommt! – ruft der Herr. Habt Vertrauen fürchtet euch nicht! Möglicherweise werde ich dem Herrn gerade auch in der Welt von heute begegnen und nicht nur im Kirchenboot. Traut euch! Traut mir!


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Dieser Beitrag wurde am 17.10.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

Dieser Beitrag wurde am 17.10.2020 gesendet.





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