Wort zum Tage, 16.10.2020

von Pfarrer Lutz Nehk, Berlin

Den Menschen zugetan

„Es gibt keinen Gott, Herr, außer dir, der für alles Sorge trägt.“

Hört sich gut an, dieser Vers aus dem biblischen Buch der Weisheit (Weish 12,13). Er zeichnet ein Gottesbild voller Vertrauen. Bei diesem Gott ist der Mensch gut aufgehoben.

Mag es vielleicht andere Götter geben, so die Erfahrung des Volkes Israel, sie bleiben hinter diesem fürsorglichen Gott zurück. Der Theologe und Dichter Huub Oosterhuis hat diesen Gedanken in einem Lied ins Christliche übertragen.

„Herr, unser Herr, wie bist du zugegen
und wie unsagbar nah bei uns.
Allzeit bist du um uns in Sorge.
in deiner Liebe birgst du uns.“

(Gotteslob, 414)

Das Buch der Weisheit entfaltet diesen Gedanken der Sorge Gottes. Da wird sein „gerechtes Urteil“ betrachtet, und seine Macht, die keinen Machtbeweis auf Kosten anderer braucht. Für die Menschen ist die Stärke Gottes ein Schutz.

Er kann souverän urteilen und muss sich nicht durch Härte und Unnachgiebigkeit behaupten. Deshalb richtet Gott „in Milde“ und behandelt uns „mit großer Schonung“, wie das Buch der Weisheit diese Gotteserfahrung weiter beschreibt. (V18)

Menschen, die diesem Gott nahe sind, werden nicht strapaziert, nicht verschlissen, nicht klein gehalten. Wie mit einem wertvollen Kleinod geht Gott mit den Menschen um.

Ich finde, in unserer Zeit tut es gut, in den Gottesdiensten solche biblischen Lesungen zu hören. Lesungen, die trösten und ermutigen. Huub Oosterhuis greift auch dieses Verlangen der Menschen auf, wenn er über Gott schreibt:

„Du bist nicht sichtbar für unsre Augen,
und niemand hat dich je gesehen.
Wir aber ahnen dich und glauben,
dass du uns trägst, dass wir bestehen.“

Für den Verfasser des Buches der Weisheit kann eine solch beglückende Gotteserfahrung nicht folgenlos bleiben. Diesen Gott, diesen sorgenden Gott, kennengelernt zu haben, hat Konsequenzen: Wer gerecht sein will, so die Erkenntnis, der muss menschenfreundlich sein.

Der Dank an Gott, das Lob und die Ehrerbietung – ja, all das ist wichtig in meiner Gottesbeziehung. Aber: Es kann niemanden geben, der sich der Nähe Gottes rühmt und nicht zugleich den Menschen zugewandt ist.

Gott, so der Dichter Oosterhuis, will in den Menschen wohnen, „mit ganzer Kraft uns zugetan“. Dieses „Zugetan-sein“ Gottes wird zu einem Leitbild des Handelns seiner Frommen.


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Dieser Beitrag wurde am 16.10.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

Dieser Beitrag wurde am 16.10.2020 gesendet.





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