Wort zum Tage, 13.10.2020

von Pfarrer Lutz Nehk, Berlin

Werden und Wachsen

„Gebt ihr ihnen zu essen!“

Das ist ein ungewöhnlicher Auftrag, den Jesus seinen Jüngern gibt. Die stehen vor dem Problem, wie man 5000 Menschen abseits aller Infrastruktur eine Stärkung geben kann. Die Leute, so berichten die biblischen Berichte wollen Jesus hören und sehen. Sie suchen seine Nähe in den Städten und sie folgen ihm auch in abgelegene Gegenden. Jesus, so berichtet es der Evangelist Matthäus in der Bibel, zog sich in eine einsame Gegend zurück,

„aber die Volksscharen hörten davon und folgten ihm zu Fuß aus den Städten nach“.

Natürlich, die Zeit mit Jesus ist schön für sie, lehrreich, spannend, erbaulich. Aber irgendwann sind die Leute auch erschöpft, brauchen etwas zu essen und zu trinken. Darauf machen die Jünger Jesus aufmerksam. Er soll sie in die Dörfer schicken, um sich Verpflegung zu besorgen. Die Antwort Jesu wird die Jünger erstaunt haben:

„Gebt ihr ihnen zu essen!“

Der Auftrag ist erst einmal sehr irdisch. Nicht wie die anderen, die Jesus seinen Jüngern gibt: Die Botschaft vom Himmelreich verkünden. Unreine Geister austreiben. In die Welt gehen und alle Völker zu Jüngerinnen und Jünger machen (Mt 28,19).

Für die Jünger ist das der Hinweis, die Bedürfnisse der Menschen im Blick zu haben. Da stehen zunächst nicht die Frommen, nicht die Kirchgänger, nicht die Insider im Mittelpunkt.

Das ist eine Anfrage an mich. Wie nehme ich die Menschen wahr? Wie bekomme ich mit, was einer braucht? Das ist natürlich zunächst der ganz konkrete, dringende und immer aktuelle Hinweis, die wirklich Hungernden und Dürstenden im Blick zu haben. Der Blick darf auch über die konkreten Bedürfnisse hinaus gehen. Was braucht einer zur Stärkung seiner Seele?

Für mich als Christ ist es möglicherweise meine eigene Glaubenserfahrung, die ich mit ihm teilen kann. Und wenn er gerade nichts Frommes braucht, dann ist das eben so. Dann werde ich etwas anderes finden. Wichtig ist der Blick auf den konkreten Menschen. Von ihm her muss ich denken. Andere Menschen werden andere Stärkungen im Vorratsbeutel haben.

Das biblische Wort „Gebt ihr ihnen zu essen!“ wird ja von vielen Menschen sehr konkret und sehr leidenschaftlich verwirklicht. Als Christ stehe ich da in einer großen Gemeinschaft derer, die es immer wieder gut mit den Menschen meinen. Und das, das ist eine Stärkung für mich.


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Dieser Beitrag wurde am 13.10.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

Dieser Beitrag wurde am 13.10.2020 gesendet.





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