Wort zum Tage, 12.10.2020

von Pfarrer Lutz Nehk, Berlin

Werden und Wachsen

„Jeder hat mal klein angefangen.“

Das ist ein tröstendes Wort. Tröstend, wenn große Pläne nicht auf Anhieb gelingen. Tröstend, wenn sich unvorhersehbare Schwierigkeiten ergeben. Tröstend auch, wenn deutlich wird, dass es doch anstrengender wird als erwartet.

Der Großartigkeit der ursprünglichen Idee wird dadurch nichts genommen. Es verweist mich vielmehr auf die Tatsache, dass es in allen Dingen ein Werden und Wachsen gibt. Ich muss Zeit einplanen. Meine Ausdauer, Geduld und Zuversicht sind gefragt.    

Das ist auch da nicht anders, wo göttliche Größe und Vollkommenheit im Spiel sind. Es wäre doch einfach für Gott, den Allmächtigen, alles gleich fix und fertig zu liefern – Leben, Glück, Zufriedenheit. Ein „rundum-sorglos-Paket“ des Reiches der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens. Wäre toll, dann müsste ich mich nicht mehr kümmern.

Aber gerade das ist ja sein Plan. Ich soll Anteil am Zustandekommen haben. Ich bin zur Mitarbeit berufen. So verstehe ich das biblische Gleichnis vom kleinen Senfkorn, das Jesus den Leuten erzählt. (Mt 13,31-32)

Das Senfkorn, das ist ein ganz kleines Samenkorn. Legt man es aber in die Erde, so wächst es hoch empor und wird zu einem großen Baum. So, sagt Jesus, ist das auch mit dem „Reich Gottes“. Es ist nicht gleich in seiner vollen Gestalt da. Es bemächtigt sich nicht der Menschen, ob sie wollen oder nicht.

Es beginnt eben damit, dass ich und dass andere Menschen sich frei dafür entscheiden. Dass ich und andere sagen:

„Ja, das wollen wir. Da machen wir mit. Wir wollen dabei unsre Fähigkeiten entdecken und eigene Vorstellungen entfalten. Wir warten nicht bis demnächst mit dem 'guten Leben für Alle'. Und wir lassen uns auch nicht auf das Jenseits vertrösten. Jetzt wird das Reich Gottes, das Himmelreich in die Welt gepflanzt und nimmt Gestalt an.“

In der immer deutlicher werdenden Polarisierung unserer Zeit, steht das Reich Gottes für eine Alternative. Es ist überall da, wo Menschen erfahren, dass Feinde wieder miteinander sprechen, Gegner sich die Hände reichen und Völker einen Weg zueinander finden, wenn der Wille zum Frieden den Streit beendet, Verzeihung den Hass überwindet und Rache der Vergebung weicht. (Hochgebet zum Thema Versöhnung)

Zu hoch gegriffen? Eine Utopie? Unrealistisch? Ja, das wäre so, wenn ich behaupten würde, dass Morgen schon alles getan sein muss. Aber ich sage mir: Alles hat mal klein angefangen. Es gibt ein Werden und Wachsen.


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Dieser Beitrag wurde am 12.10.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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