Feiertag, 11.10.2020

von Pfarrer Lutz Nehk, Berlin

Beziehung braucht Bekenntnis – Kann der Glaube reine "Privatsache" sein?

Wer in einen anderen Mensch verliebt ist, will es oft der ganzen Welt erzählen. Und wer einen anderen Menschen liebt, macht daraus auch keine Heimlichkeit. Ist das mit der Beziehung zu Gott auch so?

© Taryn Fry / Pexels

Es beginnt immer im Verborgenen. Von den Menschen ringsum, von der Öffentlichkeit unbemerkt. Zuerst sind es freundliche Worte, ein Lächeln, Komplimente, aufmerksame Blicke. Man steht öfter und dichter beieinander als sonst. Die Frequenz der Smartphone-Mitteilungen wird dichter.

Doch dann irgendwann ist die Umarmung, Küsschen hier, Küsschen da, mehr als ein Begrüßungsritual. Und so langsam bekommen es die Anderen auch mit: Da bahnt sich was an.

Schließlich ist es ist es raus. Händchenhaltend steht man in der Gruppe, der öffentliche Kuss - ein Signal für Alle: Ja, wir gehören zusammen.

Was wir von der Liebe wollen

So, oder so ähnlich läuft es, wenn sich Liebespaare bilden. Aus der Nähe zueinander und der Sympathie füreinander wächst eine Entscheidung für ein Miteinander. Das braucht Zeit, mal mehr, mal weniger. Eine Zeit, in der auch die Treue auf dem Prüfstand steht. Ohne Zweifel ist sie ein ganz wichtiger Bestandteil einer Beziehung.

Man will sich aufeinander verlassen können. Man will eine Sicherheit haben über den ersten Abend, über die Woche, über den Monat, das Jahr hinaus. Sicherheit, die vielleicht einmal in einem Ja-Wort vor dem Traualtar öffentlich zugesagt wird mit dem Versprechen „… bis dass der Tod uns scheidet“.

Entscheidung, Treue, Bekenntnis: Auch in der Beziehung zu Gott?

Beziehung braucht neben der eindeutigen Entscheidung und der Zusage der Treue auch das öffentliche Bekenntnis. Als Mensch lebe ich in einem Netz von Beziehungen. Es trägt mich und bindet mich ein. Nicht immer muss das Netz meiner Beziehungen in aller Öffentlichkeit sichtbar sein. Es gibt ja auch das Recht Privatsphäre, die geschützt ist und geschützt bleiben muss.

Der Glaube eines Menschen – ganz deutlich wird er hier, im Privaten, angesiedelt. Wenn aber der Glaube an einen Gott etwas mit Liebe zu tun hat, kann das dann reine Privatsache sein? Der „Dreischritt der Liebenden – Entscheidung, Treue, Bekenntnis“, gilt der nicht auch für meine Beziehung zu Gott?

Dass ich in dieser Welt lebe und ein Teil von ihr bin, das ist ein Faktum. Ebenso, dass ich in einer Beziehung zu anderen Menschen lebe und mich als Körper-Geist-Wesen erfahre. Ein Mensch wird nicht einfach nur geboren. Er wird immer hinein-geboren in Beziehungen. Ohne sie lebt er nicht und kann ohne sie nicht leben. Vom ersten Augenblick seiner Existenz an ist er auf sie angewiesen.

Ob ich will oder nicht, ich finde mich vor in Beziehungen zu anderen Menschen, die mit mir das Menschsein teilen und in dieser Epoche meiner geschichtlichen Existenz „die Menschheit“ darstellen.

Ist es aber auch so, dass ich ohne eigenes Dazutun und zwangsläufig eingebunden bin in eine Beziehung zu einem Schöpfer, den viele Religionen als einen Gott verehren? 

Die Glaubensbeziehung als öffentliche Liebesbeziehung

Der christliche Theologe und Kirchenvater Laktanz – geboren um 250 n.Chr. – leitet das Wort Religion von dem lateinischen Wort „religare“ ab, d.h. „zurückbinden, anbinden, festbinden“.

Wir werden unter Bedingungen geboren, sagt er, dass wir Gott, der uns erschaffen hat, gerechte und schuldige Gehorsamsleistung erweisen, ihn allein anerkennen, ihm folgen. Durch diese Fessel frommer Verpflichtung sind wir an Gott zurückgebunden.

Also doch? Also doch eine Zwangsbeziehung, die ich mir nicht aussuchen kann? Eine Beziehung, die einfach so da ist und die ich durch „Leistungen“ zu bedienen habe? Und das könnte dann wohl nicht mit einer Liebesbeziehung vergleichbar sein. Darum aber geht es: Meine Glaubensbeziehung will ich als eine öffentliche Liebesbeziehung leben. 

Die Christen haben Glaubensbekenntnisse. Also öffentlich gesprochene Kundgebungen ihrer Beziehung zu Gott. Sie haben sich in den ersten Jahrhunderten entwickelt und stellen heute eine Art Grundkonsens des Glaubens aller christlichen Konfessionen dar. In dem sogenannten „großen Glaubensbekenntnis“ heißt es:

„Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.“

Wie frei sind Religionen?

Die Beziehung zu Gott, zu der sich Menschen in den Glaubensbekenntnissen öffentlich bekennen, hat die etwas mit der Beziehung zweier Liebender zu tun?

Entscheidung, Treue, Öffentlichkeit – das sind ja die drei Grundelemente personaler Beziehungen. Der erste Schritt, die Entscheidung, eröffnet den Raum, in dem sich eine Beziehung entwickeln kann. Werde ich in meiner Beziehung zu Gott „gefesselt“ in diesen Raum geführt oder betrete ich ihn als freier Mann?

Hier haben Menschen durch die Jahrhunderte hindurch unterschiedliche und oft negative Erfahrungen gemacht. Religionen waren selten ein Hort der freien Entscheidung. Auch heute ist es so, dass die Grundentscheidung für oder gegen eine Einbindung in die Religion, eine Entscheidung der Eltern ist.

In den christlichen Kirchen werden Kinder durch die Taufe in die Gemeinschaft der Glauben aufgenommen. Die religiöse Erziehung, der schulische Religionsunterricht und die Vorbereitung auf Beichte, Erstkommunion, Firmung oder Konfirmation – das alles sind gezielte Schritte einer Sozialisation.

Das ist alles gut und sinnvoll und auch wichtig. Wenn am Ende aber nicht die persönliche Entscheidung steht, dann ist es gewissermaßen ein „Beziehungszwang“, der mit Liebe nichts zu tun hat.

Es hat lange gedauert, bis sich die katholische Kirche öffentlich zur „Religionsfreiheit“ bekannt hat. Das 2. Vatikanische Konzil hat 1965 eine „Erklärung über die Religionsfreiheit“ verabschiedet.

„Das Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen […] nach seinem Gewissen zu handeln.“[1]

Gott und ich: die Begegnung zweier Individuen 

Diese Freiheit ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass meine Beziehung zu Gott eine Liebesbeziehung ist, eine Freundschaft. Wenn Menschen heute sagen, dass der Glaube an Gott ihre „Privatangelegenheit“ ist, dann kann und darf man dem nicht widersprechen. Es ist eine ganz persönliche Entscheidung, ob und wie ich glaube – „privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen“.

Beziehung hat aber immer zwei Pole. Meiner Freiheit auf der einen Seite steht auf der anderen Seite ein Recht der Glaubensgemeinschaft und letztlich ein Recht Gottes gegenüber, eine deutliche Aussage über Inhalt und Form des Glaubens zu machen. Auch das hat etwas mit einer liebenden Beziehung zu tun.

Sie ist die Begegnung zweier Individuen. Jeder ist für sich eine abgeschlossene Größe, die sich in der Liebe für eine gemeinsame Geschichte öffnet. Würde ich Bedingungen stellen, wäre das wohl mehr ein Handel. Ich muss Gott zugestehen, dass er sich selbst erklärt. Und ich muss auch der Kirche zugestehen, dass sie mir sagt, wie sie sich versteht.

Kein Mensch hat eine oder seine Religion in Reinformat. Es gibt immer individuelle Schwerpunkte und Akzente. Ohne den christlichen Glauben insgesamt zu leugnen, kann ich in meinem Leben eine Auswahl treffen, was mir am diesem Glauben besonders wichtig ist. Gerade das macht ja die Fülle des Glaubens aus. Der Geist Gottes wirkt und lebt in jedem Menschen auf unterschiedliche Weise.

Das Christentum sucht Öffentlichkeit

Christen verstehen sich als eine Religion, die sehr stark den ganz persönlichen, individuellen Aspekt betont. Ein schöner Beleg hierfür ist das Pfingstereignis in Jerusalem. Der Heilige Geist kommt auf die Jünger Jesu herab. Sie verlassen die Abgeschiedenheit ihrer Gemeinschaft und gehen auf die Menschen zu: 

„Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.“

(Apg 2, 1-6)

Gott spricht jeden Menschen in seiner Sprache an. Er geht ganz persönlich auf mich zu. Das wird im Pfingstereignis deutlich. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass die christliche Religion sich nicht auf „Innerlichkeit“ beschränkt. Sie sucht vielmehr die Öffentlichkeit. Das öffentliche Bekenntnis des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe ist eine Erwartung, die Jesus selbst formuliert.

Dieser Hinweis stammt aus der Bergpredigt Jesu:

„Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“

(Mt 5, 14-16)

Jesus selbst legt größten Wert darauf, dass seine Jünger ihre Frömmigkeit öffentlich bekennen, nicht aber zur Schau stellen. Sie sollen sich nicht Meister und Lehrer nennen lassen. (vgl. Mt 23,10) Ihr Gebet sollen sie eher im Verborgenen verrichten, als an den Straßenecken. (vgl. Mt 6,6) Und beim Almosengeben soll die linke Hand nicht wissen, was die rechte tut.

Bekenntnisse ecken an

Jesus ist ein scharfer Kritiker all derer, die heucheln und mit ihrer Religiosität angeben. Öffentlichkeit – ja, auf jeden Fall, aber mit großer Zurückhaltung. Nicht an dem religiösen Gehabe soll man einen Jünger Jesu erkennen, sondern an seinen „guten“ Früchten.

Jesus geht noch einen Schritt weiter, in einen Grenzbereich hinein. Er weiß: Ein öffentliches Bekenntnis seine Botschaft ist nicht immer willkommen. Sie provoziert. Sie eckt an. Doch weil es nicht ohne Öffentlichkeit sein soll, bereitet Jesus seine Jüngerinnen und Jünger auf für die drohende Gefahr vor.

„Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch vor die Gerichte bringen und in ihren Synagogen auspeitschen. Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt, damit ihr vor ihnen und den Heiden Zeugnis ablegt. Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.“

(Mt 10, 17-20) 

Der Evangelist Matthäus überliefert in diesen Jesusworten Hinweise auf konkrete Verfolgungserfahrungen der ersten Christen. Erfahrungen, die Christinnen und Christen durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder gemacht haben und bis heute machen.

Privatsache, aber kein Privatvergnügen

In Deutschland leben wir heute in einer Zeit, in der das Christentum nicht verfolgt wird. Als katholischer Christ in diesem Land gehöre ich zwar zu einer großen Glaubensgemeinschaft. Sie wird geschätzt und beachtet. Sie ist aber im Umbruch begriffen.

Immer weniger wird sie in den kommenden Jahren „Volkskirche“ sein, also eine Kirche, zu der man einfachhin aus Tradition gehört. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sagte in einem Interview:

„Wir sind auf dem Weg zu einer Kirche im Volk."[2]

Eine solche Kirche wird wohl nicht mehr von der Selbstverständlichkeit religiöser Traditionen geprägt sein, sondern von dem lebendigen Zeugnis der Menschen. Eben wie sie „Licht der Welt“ sind. Sie wird von den Menschen geprägt sein, die ihre Beziehung zu Gott, als eine „Liebesbeziehung“ öffentlich leben – entschieden und treu.

Natürlich wird auch für sie der Glaube Privatsache sein, aber kein Privatvergnügen – um der Menschen willen mit denen sie leben und um der Schöpfung willen in die sie hineingestellt sind. Sie werden auf das Wort Jesu vertrauen:

„Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.“

(Mt 10,32) 

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.


[1] VatII. Erklärung „Dignitatis Humanae“ Über die Religionsfreiheit, Nr. 2

[2] de.radiovaticana.va/news/2017/09/20/d_essener_bischof_zeichnet_bild_der_kirche_der_zukunft/1337901, 16.10.2017, 13.34h

Musik:

Xianji Liu (Gitarre) spielt Lennox Berkeley, Guitar Sonatina, Op. 52, No. 1, I. Allegretto

Xianji Liu (Gitarre) spielt Domenico Scarlatti, Keyboard Sonata in B Minor, K.87/L.33/P.43

Xianji Liu (Gitarre) spielt Astor Piazzolla, 5 Piezas (excerpts), No. 2. Romántico

Xianji Liu (Gitarre) spielt Domenico Scarlatti, Keyboard Sonata in G Major, K.146/L.349/P.106

Xianji Liu (Gitarre) spielt Francisco Tárrega, Capricho árabe

Xianji Liu (Gitarre) spielt Lennox Berkeley, Guitar Sonatina, Op. 52, No. 1, I. Allegretto


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Dieser Beitrag wurde am 11.10.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

Dieser Beitrag wurde am 11.10.2020 gesendet.





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