Morgenandacht, 17.02.2015

von Beate Hirt aus Frankfurt

Anders sein dürfen

An Fastnacht erkenne ich manche Leute nicht wieder. Nicht nur, weil sie ein Kostüm anhaben oder ihr Gesicht verrückt geschminkt ist. Sondern auch: weil sie sich so ganz anders verhalten, als ich das im Rest des Jahres von ihnen gewöhnt bin. Mancher, der sonst eher schüchtern ist, traut sich im Kostüm plötzlich, hemmungslos zu tanzen. Und eine andere, die sich sonst nie zu singen traut, singt an Fastnacht lautstark mit. Oder auch umgekehrt: Einer, der sonst eher draufgängerisch drauf ist, gibt sich an Fastnacht plötzlich mal zurückhaltend und geheimnisvoll. An Fastnacht lässt es sich eben anders leben. Und mancher entdeckt dabei Seiten an sich, die sonst eher zu kurz kommen. „Eigentlich bin ich ganz anders. Ich komme nur so selten dazu.“ Ödön von Horvath wird der Spruch zugeschrieben, Udo Lindenberg hat daraus mal ein Lied gemacht. Eigentlich bin ich ganz anders – aber an Fastnacht komme ich endlich mal dazu. So könnte man den Spruch vielleicht umwandeln.

Ich mag diese Seite der Fastnacht: Dieses „anders sein“ dürfen. An diesen paar besonderen Tagen und in einem Kostüm: Da ist das anscheinend leichter möglich als im Rest des Jahres. Im normalen Leben halte ich mich ja in der Regel an das, was andere von mir kennen und erwarten – oder natürlich auch: was ich von mir selbst kenne und erwarte. Ich bleibe dem Bild treu, dass andere und ich selbst von mir haben. Schon deshalb, weil es das Einfachste ist. Sich verändern, anders leben: das kostet ja immer auch Energie. An Fastnacht ist das einfacher. Da kann ich für eine begrenzte Zeit ausprobieren, was noch in mir steckt. Jede und jeder darf verrückt sein. An Fastnacht ist es erlaubt, anders zu sein als sonst.

Und trotzdem: Manchmal wünschte ich mir, etwas von diesem „anders sein“ wäre auch an anderen Tagen im Jahr möglich, etwas von diesem: Ich kann auch anders, ich darf auch anders. Wenn ich merke, manchmal gerade auch an Fastnacht: Da gibt es Seiten in mir, die würde ich gerne noch leben. Aber ich traue mich nicht so recht, sie hervorzuholen. Udo Lindenberg hat es in seinem Lied so gesagt: „Ich bin gar nicht der Typ, den jeder in mir sieht“. Ich denke, es lohnt sich, immer mal wieder zu fragen: Welcher Typ bin ich eigentlich? Was sehen andere in mir? Und was sehe ich selbst in mir?

„Eigentlich bin ich ganz anders. Ich komme nur so selten dazu.“ Der Spruch macht mit einem Augenzwinkern deutlich: Ich träume zwar schon irgendwie davon, so zu sein und zu leben, wie ich möchte. Aber irgendwie ist das gar nicht so leicht. Ich müsste auch den Mut haben, etwas zu ändern, neue Wege einzuschlagen. Für mich hat all das auch etwas mit christlichem Mut zu tun.

Trau dich, andere, ungewohnte Seiten von dir zu leben! Ich entdecke diese Botschaft auch in der Bibel. Zum Beispiel in der Geschichte von Jesus, der zum ersten Mal am See Genezareth Petrus und seine Freunde trifft. Sie sind Fischer, aber in der vergangenen Nacht haben sie rein gar nichts gefangen. Jetzt sagt dieser fremde Jesus zu ihnen: Fahrt hinaus auf den See und werft die Netze noch einmal aus! Das ist eine ziemlich verrückte Anweisung, denn warum sollten die Fischer ausgerechnet jetzt etwas fangen, auch noch am helllichten Tag, wo in der Regel eh nichts ins Netz geht. Aber Petrus und seine Freunde trauen sich, gewohnte Bahnen zu verlassen – und sie fangen zu ihrer Überraschung so viele Fische, dass sie kaum alle an Land bringen können. Fahrt hinaus! Das ist hier so etwas wie ein Signal: Traut euch! Traut euch, ganz anders zu handeln, als ihr es gewohnt seid – und ihr werdet damit Erfolg haben! Für Petrus und die anderen fängt damit übrigens auch ein neues Leben an.

Es klingt vielleicht ein bisschen gewagt, aber für mich passt diese Bibelgeschichte ganz gut zur Fastnacht. Ich höre darin die Botschaft: In dir, Mensch, steckt noch viel mehr, als du normalerweise so lebst. Trau dich, andere Seiten in dir zu entdecken. Trau dich, mehr der Mensch zu werden, der du sein willst! Wenn ich das schaffe: Dann kann das wohl wirklich ein großer Fang werden.


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Dieser Beitrag wurde am 17.02.2015 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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