Morgenandacht, 10.10.2020

von Pfarrer Gotthard Fuchs, Wiesbaden

Wenn ich an Gott denke, muss ich seufzen

„Wenn ich an Gott denke, muss ich seufzen.“

Solch ein Satz wird manchem in den Sinn und über die Lippen kommen. Zu belastet und verstellt erscheint manchen schon das Wort „Gott“.

Viele tun sich schwer mit den überlieferten Vorstellungen und Redeweisen. Allmacht, Vorsehung, Erlösung – das klingt vielen wie aus fernen Zeiten. Die Gottes-Anrede „Herr“ kommt einem schwierig, ja ärgerlich vor – mit dem Beigeschmack feudalen und patriarchalen Verhaltens. Und ob man sich Gott, wenn überhaupt, als Person vorstellen darf?

Man mag diese Krise des Gottsagens bedauern – schönreden oder wegschieben darf man sie nicht. Denn im Verlust bisheriger Ansichten tut sich die riesige Chance auf, allererst wieder zu entdecken, was mit dem Geheimnis gemeint sein könnte, das seit Menschengedenken Gott genannt wurde.

„Wenn ich an Gott denke, muss ich seufzen.“

Also versuchen wir‘s mit dem Stöhnen und Seufzen. Das liegt dem Alltagserleben offenkundig viel näher. Würde man in der Stadt nicht nur den Müll sammeln oder die Verkehrsdichte messen, sondern die Seufzer eines einzigen Tages – es kämen wohl einige Lastwagen voll zusammen.

Der berühmte Stoßseufzer wäre dabei, das herausgepresste Ach oder Oje oder einfach das nonverbale Stöhnen. Wie viele Geburtsschreie und letzte Atemzüge, und auch die Seufzer der Lust seien nicht vergessen, die Augenblicke ekstatischen Glücks und jubelnder Freude.

In der Sprache der Seufzer sind wir außer uns, wenigstens ein bisschen. Da kommt etwas aus uns heraus, wofür es in uns zu eng scheint. Wir brauchen und suchen Ausdruck wortwörtlich, ohne es schon adressieren zu können.

Ob in jedem Ach und Oh nicht die Suche nach einem Gegenüber steckt, der Wunsch nach Kontakt und Mitteilung, jedenfalls nach Anderem und Größerem?

„Denke ich an Gott, muss ich seufzen.“

Dieser Satz stammt nicht von erschöpften Zeitgenossen, die kaum mehr glauben können. Er steht in der Bibel. Im Psalm 77 spricht ein verzweifelter Beter oder eine Beterin. Er oder sie haben bessere Zeiten erlebt. Sie erinnern sich, wie alles gut und klar war mit Gott und dem Tempel und der Religion. Und jetzt im Exil fühlen sie sich von Gott und der Welt verlassen. Und sie fragen warum, sie können den Gottesentzug nicht begreifen.

„Ist seine Güte für immer am Ende. Hat Gott sein Mitleiden vergessen oder ist sein Erbarmen verschlossen im Zorn?“

Was früher entschiedenes Beten war, ist jetzt zum Klagen und Seufzen geworden. Lapidar sagt der betende Mensch:

„Mein Schmerz ist es, dass Gott so anders handelt, ja dass er gar nicht mehr da ist.“

Aber noch ist das Seufzen adressiert, noch lebt es von früheren guten Erfahrungen. Derart beten, heißt nicht lockerlassen, in jedem Seufzer steckt ein Gottesschrei.

Und noch etwas höre ich mit, denn oft genug kommt mir ein Seufzen, wenn ich an liebe Menschen denke und um ihre Not weiß.

Und wenn ich an Gott denke? Wenn ich frage, wie es eigentlich ihm geht mit uns und seiner Welt? Er ist ja dauernd am Schaffen zum Guten, und er sucht unsereinen, damit er mitwirkt an der Bewahrung der Schöpfung. Wer macht mit?

„Wenn ich an Gott denke, muss ich seufzen.“


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Dieser Beitrag wurde am 10.10.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Gotthard Fuchs

Pfarrer Dr. Gotthard Fuchs, wurde 1963 in Paderborn zum Priester geweiht und hat seitdem zahlreiche Tätigkeiten in Seelsorge und theologischer Lehre, in Beratung- und Bildungsarbeit geleistet. Von 1983 bis1997 war Fuchs Direktor der Katholischen Akademie der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz; zuletzt war er Ordinariatsrat für Kultur-Kirche-Wissenschaft. Seine Schwerpunkte liegen auf der Geschichte und Gegenwart christlicher Mystik im Religionsgespräch, auf dem Verhältnis von Theologie und Psychologie und von Seelsorge und Therapie. Zu diesen Themen hat er zahlreiche Veröffentlichungen publiziert. Kontakt
gotthardfuchs@t-online.de 
 

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