Am Sonntagmorgen, 04.10.2020

von Joachim Jauer, Kirchberg im Wald

30 Jahre Deutsche Einheit: Wie Christen zu Wegbereitern der Wende wurden

Aus zwei wird eins: Vor 30 Jahren wurde Deutschland wiedervereinigt. Dass die Wende kam, ist auch dem Engagement vieler Christen zu verdanken.

© Ingo Joseph / Pexels

„Habemus papam!“

Herbst 1978: Eine kirchenpolitische Sensation. Ein Pole, Karol Wojtyla, wurde zum Papst gewählt, ein Kirchenmann aus dem kommunistischen Machtbereich. Entsetzen von Moskau bis Ost-Berlin. Denn dieser polnische Papst wollte so bald wie möglich seine Heimat hinter dem „Eisernen Vorhang“ besuchen.

Gegen den Protest aus Moskau und Ost-Berlin rangen sich die polnischen Kommunisten acht Monate später durch, die Reise des Papstes durch sein Heimatland zu genehmigen.

Vergeblich versuchten sie aber, landesweite Sympathiekundgebungen für den Papst zu unterbinden. Doch es kam schlimmer als es die herrschende Kommunistische Partei befürchtet hatte.

„Papst der Menschenrechte“?

Pfingsten 1979 kam Karol Wojtyla als „Papst der Menschenrechte“ nach Warschau, wo auf dem Siegesplatz ein hohes Kreuz aufgestellt war. Am Vorabend des Pfingstfestes, an dem die Christen weltweit die Entsendung des Heiligen Geistes feiern, predigte der Papst dann vor vielen hunderttausend Gläubigen.

Mit seinem Schlusssatz wurde Johannes Paul zum spirituellen Vorarbeiter in der Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur.

„Niech zstapi Duch Twój i odnowi oblicze ziemi! Tej ziemi.“

„Der Geist Gottes komme herab auf die Erde und erneuere, verändere das Antlitz der Erde.“

Rief der Papst aus. Und nach einer Pause betonte er noch einmal „das Antlitz dieser Erde hier“. Das polnische Wort „ziemia“ darf erweitert auch als Land oder Nation verstanden werden.

Also forderte der Papst, der „Geist Gottes“ möge diese kommunistische Volksrepublik verändern. Ganz Polen hörte das über Radio oder Fernsehen. Und die Genossen ahnten, was die Papst-Worte auslösen könnten. Denn weit über 90 Prozent der Polen waren katholisch.

Hunger nach einer neuen Sprache

Die Machthaber zeigten sich angesichts der Begeisterung der Massen hilflos. Der ehemalige Staatspräsident, der Kommunist Wojciech Jaruzelski, urteilte später:

„Ein polnischer Papst, das bedeutete viel für den Ruhm Polens in der Welt, doch die Partei hatte Angst, dass die katholische Kirche ungemein gestärkt würde und dass das alles durch diesen Papst nach schlimmer würde."

Es kam so schlimm, wie die Partei befürchtete. Zehn Millionen pilgerten 1979 zu Fuß durch das Land, um den Hoffnungsträger aus Rom zu sehen. Auch Katholiken aus der DDR und den sozialistischen Nachbarstaaten waren zur Messe nach Krakau gekommen.

Zweieinhalb Millionen Menschen nahmen an dieser größten Versammlung teil, die in den Jahrzehnten des Moskauer Kommunismus jemals gegen die Partei organisiert worden war.

Es war kein Kreuzzug, den der Pole Karol Wojtyla nach Osteuropa begonnen hatte. Der Mann, der den braunen und roten Terror in seiner Heimat erlebt hatte, wollte Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden. Die Massen in den Arbeiter- und Bauernstaaten wussten jetzt, dass sie einen hatten, der ihre Sprache sprach.

Nach der Wende räumte der ehemalige Ministerpräsident, der Kommunist Mieczyslaw Rakowski, ein:

„Ich begriff plötzlich, wie sehr diese Millionen Hunger nach einer neuen Sprache hatten. Bis dahin gab es ja nur Parteijargon ohne jeden Bezug zum Alltag der Menschen. Und jetzt eine völlig andere Sprache – ohne leere Parolen aber voller Hoffnung auf ein besseres Leben.“

Der Anfang vom Ende der kommunistischen Alleinherrschaft

Papst Johannes Paul II. hatte den Polen Hoffnung auf ein besseres Leben geschenkt. Dafür kämpfte ein Jahr später Lech Walesa, ein Elektriker der Danziger Lenin-Werft. Und mit ihm an die hunderttausend polnischen Arbeiter entlang der Ostseeküste. Sie streikten wochenlang.

Es ging vor allem um Lebensmittel und höhere Löhne … und gestärkt durch die Worte von Johannes Paul II. um Freiheit.

Streik: Das war in Polen unerhört, widersprach total der kommunistischen Doktrin. Und die Kirche war bei den Streikenden. Vor der Werft mit dem Namen des sowjetischen Revolutionärs Lenin feierten die Arbeiter Heilige Messe. Eine riesige Gemeinde im Blaumann: Bittgottesdienst und frommer Protest zugleich.

Ex-Regierungs-Chef Rakowski erinnerte sich:

„Selbstverständlich war es der Papst, der dem Volk den aufrechten Gang beigebracht hat, der das Volk von den Knien aufgehoben hat. Daraus entstand die Solidarnosc.“

Das Volk von den Knien aufgehoben, was für ein Eingeständnis: Der Dauerstreik in zahllosen Betrieben hatte Erfolg. Solidarnosc wurde von der Regierung als freie Gewerkschaft anerkannt, die erste offizielle Opposition im sozialistischen Lager. Die Arbeiter triumphierten.

Eine Urkunde garantierte ihnen höhere Löhne, aber vor allem Streikrecht, Presse- und Informationsfreiheit. Es war ein Anfang vom Ende der kommunistischen Alleinherrschaft.

Konterrevolution mit Kruzifix

In Moskau schlug Staats- und Parteichef Breshnew Alarm. Der Warschauer Pakt, das kommunistische Militärbündnis unter Führung Moskaus drohte, in Polen einzumarschieren, um den „Sozialismus zu retten“.

Die Strafexpedition vollzog Polens Führung dann selbst. Parteichef Jaruzelski verhängte Ende 1981 das Kriegsrecht, den Ausnahmezustand. Um den Einmarsch der Bruderarmeen zu verhindern, führte Jaruzelski Bürgerkrieg gegen die Solidarnosc.

Noch während des Kriegsrechts kam der Papst wieder nach Polen. Dort war trotz des Ausnahmezustands eine katholische „Konterrevolution“ mit dem Kruzifix unterwegs.
Wieder waren Millionen dabei.

Johannes Paul kam als Vermittler zwischen der Solidarnosc-Opposition und dem Regime. „Gebt nicht auf!“, rief er, „Habt keine Angst!“

Einen Monat später wurde das Kriegsrecht aufgehoben, doch Solidarnosc blieb verboten, agierte im Untergrund und stürzte genau zehn Jahre nach dem ersten Papstbesuch in Polen die kommunistische Diktatur.

Aus Waffen friedliche Geräte machen

Auf deutschem Boden sammelte sich in den achtziger Jahren lauter Protest gegen die atomare Hochrüstung – in West und Ost. Gegen sowjetische SS 20 in der DDR richtete der Westen amerikanische Pershing 2–Raketen. In der DDR bildete sich eine eher leise Friedensbewegung.

Im kirchlichen Raum sangen sie von „Brot und Wein und Frieden ohne Furcht“. Und sie übernahmen ein Wort des Propheten Micha, der „Schwerter zu Pflugscharen“ forderte, also Umbau von Waffen zu friedlichem Gerät.

„Ein jeder braucht sein Brot sein ?Wein,

und Frieden ohne Furcht soll sein.

Pflugscharen schmelzt aus Gewehren und Kanonen,

dass wir im Frieden beisammen wohnen.“

Der evangelische Jugendpfarrer Harald Bretschneider verbreitete diese Sehnsucht nach Frieden des Propheten Micha. Er nutzte die Abbildung einer sowjetischen Plastik, die in New York vor den Vereinten Nationen steht. Sie zeigt einen Muskelmann, der mit einem Hammer aus einem Schwert eine Pflugschar schmiedet.

Die Kirche als Konkurrent

Nur für den „innerkirchlichen Gebrauch“ ließ der Pfarrer listig ein graphisches Abbild des Schmieds mit der Inschrift „Schwerter zu Pflugscharen“ auf Stoff drucken. Diese runden Stoff-Aufnäher hefteten sich zehntausende junge Leute an ihre Anoraks oder Parkas.

Die Partei behauptete, die DDR sei der „erste Friedensstaat auf deutschem Boden“. Daher sah sie in der kirchlichen Friedensaktion eine unzulässige Konkurrenz. Sie verbot das biblische Friedenssymbol. Lehrer forderten Schüler auf, das Abzeichen zu entfernen.

„Und was machten sie. Sie schnitten gleichzeitig einen kreisrunden Fleck aus ihrem Anorak heraus, den Stoff gewissermaßen mit.“

So der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner. Das leere Loch im Anorak war nun der plakative Protest gegen die Partei. Zugleich begann die evangelische Kirche in der DDR montags mit regelmäßigen Gebeten für den Frieden.

Gegen Ende der achtziger Jahre zog es immer mehr Menschen, Christen und Nicht-Christen unter das Dach der Kirchen. Hier erfuhren sie einen Schutzraum für freie Rede. 

„Wir wollen uns trösten lassen“

Die Katholiken lebten in der DDR in doppelter Diaspora, sie wurden als Christen vom atheistischen Staat bedrängt, waren aber auch Minderheit im traditionellen Lutherland. Jeden Sonntag hielten sie während der Messe gewissermaßen eine Stunde frommen Sitzstreik gegen den „real existierenden Sozialismus“.

Die Protestanten boten in mit ihren „Montagsgebeten“ den Mühseligen und Beladenen einen Platz zum Ausruhen von den Mühen des DDR-Alltags. Ein Ehepaar schrieb der Leipziger Nicolai-Kirchengemeinde anonym.

„Wir sind keine oder nur halbherzige Christen. Wir haben uns in das Friedensgebet ‚eingeschlichen’. Wir sind Feiglinge, die in der Auseinandersetzung mit diesem Staat vorsichtig sind. Wir bedauern die, die glauben, in diesem materiell und staatsmoralisch verwahrlosten Land noch etwas ändern zu können und denken stets nur das Eine: Fort, fort. Wir sind nun bereit, sogar über Jesus Christus und dessen Art zu helfen, nachzudenken. Wir wollen uns trösten lassen.“

Kerzen statt Steine

Herbst 1989: Nach Fürbitten und Gebet, freier Rede und offenem Protest in den Kirchen gingen die Menschen in Plauen, Dresden und Leipzig auf die Straße. Heute leider oft vergessen, dass Ungarn schon Mitte September Hunderttausend DDR-Bürgern auf eigenes Risiko und gegen den Widerstand aus Ost-Berlin die Grenze Richtung Westen geöffnet hatte.

Außerdem hatten an die zehntausend DDR-Bürger in den bundesdeutschen Botschaften von Prag und Warschau ihre Ausreise in den Westen erzwungen.

Die Flüchtlinge waren die Speerspitze der „friedlichen Revolution“. Denn die Botschaftsbesetzer und die sogenannten Ausreiser machten den Daheimgeblieben Mut, mit dem Schlachtruf „Wir bleiben hier“ überall in der DDR Freiheit zu fordern. In Leipzig gingen alle Protestmärsche von der Nicolaikirche aus. Ohne Montagsgebete keine Montagsdemonstration.

Die Christen hatten die Menschen gelehrt, statt Steinen Kerzen in die Hände zu nehmen und – anstelle von Hassparolen zu brüllen:

„Dona nobis pacem“ – „Schenke uns Frieden“

zu singen. Wie bei einem Dominoeffekt kam das Ende von Moskaus Satelliten. In Berlin erzwangen Zehntausende am 9. November die Öffnung der Mauer.

Am Tag nach dem Mauerfall wurde in Bulgarien der kommunistische Diktator Shiwkow gestürzt. In Polen hatte die Solidarnosc bereits freie Wahlen durchgesetzt und eine erste demokratische Regierung erkämpft. Ungarn war auf dem Weg zur Demokratie.

Die „Samtene Revolution“ beginnt

Nur eine Woche nach der Öffnung von Mauer und Grenze zur Bundesrepublik begann im tschechischen Prag und im slowakischen Bratislava die „Samtene Revolution“. Neben dem Kopf der Opposition, dem Schriftsteller Václav Havel, trat als Moderator der demonstrierenden Massen auf dem Prager Wenzelsplatz Václav Malý auf, ein katholischer Priester mit staatlichem Berufsverbot.

Vor einer Million Menschen setzte der Priester den Höhepunkt der „Samtenen Revolution“.

Zwei Polizisten in Uniform baten öffentlich um Verzeihung für die Prügelattacken der Sicherheitskräfte gegen die Opposition. Moderator Malý sagte:

„Wer um Verzeihung bittet, dem muss man verzeihen.“

Alle seien unter der Diktatur schuldig geworden, durch Mittun, Wegschauen oder Schweigen. Deshalb, sagte er, habe er den Mut gehabt das Vater Unser vorzubeten.

Das an diesem Tag noch kommunistisch gelenkte Fernsehen übertrug den Massenprotest zum ersten Mal live … und das „Vater Unser“ auch. Am nächsten Tag war das halbe Land im Generalstreik.

Kurz darauf traten die Parteiführung und die kommunistische Regierung zurück. Der Priester Václav Malý lehnte ein Regierungsamt unter Václáv Havel ab. Er wollte endlich Pfarrer sein.

Christen brechen das Schweigen

In den Tagen des Mauerfalls und der Wiedervereinigung Deutschlands und auch 30 Jahre danach beten Christen den uralten Psalm von der Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft der Juden:

„Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge von Jubel. Da sagte man unter den anderen Völkern: ‚Der Herr hat Großes an ihnen getan.‘“

(Psalm 126,1-2) 

Es war in den sozialistischen Staaten keine christliche und in der DDR keine protestantische Revolution, die schließlich auch zur deutschen Einheit geführt hat. Doch Christen in Polen und Ungarn, in der Tschechoslowakei, in Rumänien und in der DDR haben in den Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur ein Gegenkonzept vorgelebt.

Es waren viele Christen, die als erste das Schweigen über das Unrecht brachen. Sie setzten Wahrheit gegen die Propaganda einer sozialistischen neuen Welt. Denn die Menschen hatten die selbst ernannte Diktatur der Arbeiterklasse und die ewige Vorwärtslüge von einer Zukunft im Kommunismus satt.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Gesungener Kanon „Dona nobis pacem“

Yo-Yo-Ma: „Dona nobis pacem“ (instrumental)


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Dieser Beitrag wurde am 04.10.2020 gesendet.


Über den Autor Joachim Jauer

Joachim Jauer war langjähriger Korrespondent des ZDF in der DDR, Moderator der Sendung "Kennzeichen D", Sonderkorrespondent in Mittel- und Ost-Europa und Fernsehchronist der Revolutionen von 1989. Jauer ist Autor mehrerer Bücher, u.a. "Urbi et Gorbi"(Herder 2009) und "Kennzeichen D" (camino 2015) „Der Sykophant“, Kirchberg 2018, „Die halbe Revolution“ (Herder 2019).

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