Wort zum Tage, 30.09.2020

von Martin Korden, Köln

30 Jahre Deutsche Einheit

Am bevorstehenden Wochenende hat unser Land etwas Großes zu feiern. Am 3. Oktober vor genau 30 Jahren hat sich unser Land friedlich wiedervereinigt. Es war damals das glückliche Ende einer Entwicklung, mit der die wenigsten so gerechnet hatten.

Wenn am Samstag daran erinnert wird, vergisst man meistens eine wichtige Geschichte. Sie handelt von der deutsch-Ungarin Csilla von Boeselager, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort war und die Entwicklung mit in Gang setzte.

Im August 1989 waren einige tausend DDR-Bürger in den sozialistischen Bruderstaat Ungarn gereist, in der Hoffnung hier das Tor in den Westen zu finden. Als die Botschaft der Bundesrepublik aufgrund des Ansturms in Budapest schnell schließen musste, trat Csilla von Boeselager auf den Plan. Sie ging zu den ratlosen Diplomaten und sagte:

„Ich übernehme die Flüchtlinge.“

Schon ein Jahr zuvor war es der gebürtigen Ungarin, die in Deutschland lebte, gelungen, den Malteser-Hilfsdienst in Ungarn zu gründen und damit die erste Nicht-Regierungsorganisation im damaligen Ost-Block – noch dazu ein Hilfswerk der Kirche. Als die DDR-Bürger ‘89 in Budapest waren, war von Boeselager zufällig wieder vor Ort.

Mit Hilfe eines ihr bekannten katholischen Priesters errichtete sie kurzerhand in dessen Pfarrgarten ein Flüchtlingslager - unter großem politischen Risiko. Von Boeselager beschaffte alles Nötige über ihre Kontakte zu den Maltesern in Deutschland. Und schon einen Tag später lebten etwa eintausend DDR-Bürger im Pfarrgarten.

Weitere Tausende folgten in den nächsten Wochen. Das Politbüro in der DDR tobte angesichts dieser Entwicklung, die Sowjetunion reagierte nicht und die ungarische Regierung hielt still.

Doch als knapp vier Wochen später auch ein weiteres von den Maltesern organisiertes Lager überfüllt war, handelte Ungarn. Via Fernsehansprache verkündete der ungarische Außenminister, die Grenze für die DDR-Bürger in den Westen zu öffnen – im Pfarrgarten übersetzte Csilla von Boeselager die frohe Botschaft für die DDR-Flüchtlinge unter lautem Jubel. Alleine in den ersten drei Tagen reisten 12.000 über Ungarn aus. Der Eiserne Vorhang war durchlässig geworden – der Fall der Mauer nicht mehr aufzuhalten.

Am Anfang aber stand der Mut und die spontane Entscheidung Csilla von Boeselagers. Als sie im Fernsehen später gefragt wurde, warum sie so handelte, antwortete die Katholikin: Es sei ihr Glaube gewesen und die Überzeugung, in den bedrängten Menschen Jesus Christus zu sehen. Für sie sei es ein Handeln nach dem Leitsatz des Malteserordens gewesen:

„Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen“.

1994 starb Csilla von Boeselager. Wenn Deutschland die Einheit feiert, darf sie nicht vergessen werden.


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Dieser Beitrag wurde am 30.09.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Nach dem Abitur absolvierte er im Rahmen seines Wehrdienstes eine erste Hörfunkausbildung beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie und schloss 2006 mit dem Diplom ab. Das journalistische Volontariat absolvierte er bei der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt am Main. Neben der Aufgabe als Senderbeauftragter ist er seit vielen Jahren für DOMRADIO.DE in Köln und für die Katholische Fernseharbeit tätig. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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