Morgenandacht, 16.02.2015

von Beate Hirt aus Frankfurt

Mensch, nimm dich nicht so wichtig!

Das war schon ein ganz besonderer Rosenmontag: der vor zwei Jahren. Gerade hatte ich mir die Schminke ins Gesicht gemalt und das Kostüm drüber gezogen und wollte losziehen zum Mainzer Rosenmontagszug – da klingelte das Telefon. Eine Freundin war dran. Und meinte: Na, was sagst du zum Papstrücktritt? Ich dachte, sie macht einen Scherz. Oder sie hat irgendwas falsch verstanden. Vielleicht hatte irgendein Fastnachtswagen oder eine Büttenrede so was gesagt. Aber es war kein Fastnachtsscherz. Papst Benedikt XVI. hatte seinen Rücktritt verkündet, damals am 11. Februar 2013. Und die Welt – und nicht zuletzt die katholische – staunte nicht schlecht. Als ich es damals am Telefon mit meiner Freundin so richtig verstanden hatte, zog ich mein Kostüm wieder aus, wischte mir die Schminke aus dem Gesicht und fing an, aktuelle kirchliche Beiträge zu organisieren. Das war schon ein ziemlich verrückter Rosenmontag.

Und mancher hat sich an dem Tag und in den Wochen danach, halb ernst, halb lustig, auch etwas über Papst Benedikt beschwert: Was muss der ausgerechnet am Rosenmontag von seinem Amt zurücktreten. Das halbe katholische Deutschland ist da schließlich in der Fastnacht oder im Karneval. Bekanntlich sind ja gerade die Hochburgen katholische Städte und Bischofssitze, Mainz und Köln zum Beispiel – an Rosenmontag arbeitet da nur eine Notbesetzung. Und nun das: Der Papst tritt zurück! Ich war nicht die einzige, die ihr Kostüm wieder ausziehen und ins Büro oder ins Studio eilen musste. In Rom gibt’s eben keine Fastnacht, hat mancher erklärt. Aber das half uns wenig. Natürlich: Wir haben trotzdem dieses besondere Ereignis mit großer Faszination besprochen und gewürdigt – und dem scheidenden Papst Benedikt Respekt gezollt.

Heute denke ich sogar: Vielleicht war der Rosenmontag gar nicht so schlecht gewählt für diesen Rücktritt. Für mich steckt in diesem Schritt Papst Benedikts eine besondere  Haltung. Eine, die für einen Papst bis dahin gar nicht so selbstverständlich war. „Ich habe nicht mehr genug Kraft, um das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden“, so ähnlich hat es Papst Benedikt damals gesagt, und er  hat damit Schwäche und Menschlichkeit gezeigt. Er hat mit seinem Rücktritt auch klar gemacht: Es hängt nicht alles von mir ab. Ich bin nur ein schwacher Mensch, das Papstamt und die Kirche sind viel größer und wichtiger. Mich erinnert das auch einen berühmten Spruch, den einer seiner Vorgänger einmal getan hat: „Johannes, nimm dich nicht so wichtig!“ Johannes XXIII. war das, der große Konzilspapst. Und in dem Spruch steckt schon ein wenig von dem Schalk, den diese Haltung für mich auch mit der Fastnacht verbindet.

„Nimm dich nicht so wichtig!“ An Fastnacht geht es auch darum. Da lässt man alle Ämter und Titel einmal sein – in ihren Kostümen und bei den Fastnachtsumzügen sind alle Menschen gleich. Es gibt keine Chefs mehr, keine Menschen, die besonders schick aussehen – und Bedeutsamkeit durch eine Uniform oder etwa auch durch Bischofsgewand: die kann sich an Fastnacht jeder zulegen. Jeder ist wichtig – und keiner muss sich wichtig nehmen. Das ist für mich eine Botschaft zu Fastnacht und Karneval.

Und im Grunde ist es natürlich auch eine sehr christliche Botschaft. Denn nicht nur vor der Fastnacht, sondern auch vor Gott sind wir alle gleich. Jeder Mensch hat eine Würde und ist einzigartig vor Gott. Aber zugleich ist der Mensch auch nicht Gott, kein Mensch, auch kein Bischof und kein Papst. Es kommt nicht auf ihn alleine an. Er muss sich nicht unendlich wichtig nehmen. Die Welt retten: Das muss kein Mensch tun, schon gar nicht alleine. Das tut Gott. Der Mensch darf sich selbst ruhig ein bisschen unwichtiger nehmen – und Gott und die anderen Menschen ein bisschen wichtiger. Das wiederum erinnert mich auch an den neuen Papst, Franziskus. Eigentlich hat er an diese Haltung von Papst Benedikt bei dessen Rücktritt genau angeschlossen. Als er sich im März 2013 auf der Loggia über dem Petersplatz den Menschen zeigte, da hat er sich erst einmal vor ihnen verbeugt und sie um ihren Segen gebeten. Und er hat das in den letzten knapp zwei Jahren immer wieder getan, er hat gesagt: Segnet mich! Betet für mich! Ich brauche Gott und ich brauche euch.

„Mensch, nimm dich nicht so wichtig!“ Diese Botschaft – die Botschaft der Päpste und der Fastnacht -, die will ich mir immer mal wieder sage, an Rosenmontag und darüber hinaus.


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Dieser Beitrag wurde am 16.02.2015 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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