Wort zum Tage, 01.10.2020

von Martin Korden, Köln

Thérèse von Lisieux

„Kinder an die Macht.“

So titelte einst Herbert Grönemeyer.

„Lasst die Kinder zu mir kommen, denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes.“

Das sagte Jesus von Nazareth. Und es gibt weitere Stellen in der Bibel, in denen er empfiehlt, so zu werden wie die Kinder. Was kann damit gemeint sein?

Bei Grönemeyer geht es um das schlichte wie schöne Gedankenspiel, dass das Unmittelbare der Kinder gebraucht werde, um die Welt zu regieren und Kriege zu verhindern.

Jesus bringt seinen Vergleich mit den Kindern dagegen im Zusammenhang mit dem Glauben und der Frage, wie man Gott erfahren könne, wie man ihm näher komme. Hier, sagt Jesus, seien die Kinder auf dem richtigen Weg.

Die Kirche erinnert heute an eine Ordensfrau, die diesen Weg Ende des 19. Jahrhunderts lebte und in besonders treffender Form beschrieb – sie nannte ihn den „kleinen Weg“. Und sich selbst Theresia vom Kinde Jesu – bekannt auch als Thérèse von Lisieux.

Vor Gott wie ein Kind zu werden – das bedeutete für Thérèse zuallererst, die Haltung des Staunens wieder zu erlernen. Für sie war das Staunen das natürliche „Echo des menschlichen Herzens“.

Wer die Vielfalt und Schönheit der Schöpfung wahrnimmt und darüber staunen kann, der landet bei Gott. Und der erkennt die unfassbare Größe Gottes – das führe dazu, dass man selbst klein werde, erkannte Thérèse. Klein aber nicht im Sinne von bedeutungslos, sondern demütig und darin gleichzeitig vertrauend, so wie ein Kind seinen Eltern vertraut.

Für Thérèse von Lisieux war Gott keine bloße Idee oder ein Gedankenspiel. Am Anfang ihres Glaubens stand eine Erfahrung, die wie eine Begegnung mit Gott war. Ihr Staunen über diese erfahrene Berührung drückte sie in diesen Worten aus:

„Du trägst das All und schenktest ihm das Leben – und dennoch dachtest du an mich.“

In diesem Kind-Sein vor Gott steckt eine weitere Haltung, die Thérèse von Lisieux zu ihrem kleinen Weg zählte: sich niemals durch eigene Fehler entmutigen zu lassen, eben so wie Kinder, die oft fallen, aber immer wieder neu beginnen. 

Es klingt so einfach, fast kindlich naiv – doch es ist gerade diese Haltung, die Jesus meint, wenn er sagt: vor Gott müsse man sein wie ein Kind, um ihn immer mehr zu erkennen. Wie ein Kind, das vertraut und alle Sorgen auf diesen Gott wirft, letztlich auch alles von ihm erwartend. Es ist die Haltung, die es schafft, auch in den kleinen Dingen Großes zu erkennen. Oder wie Goethe es rund 100 Jahre vorher formulierte:

„Die größten Menschen, die ich gekannt habe und die Himmel und Erde vor ihrem Blick frei hatten, haben sich klein gemacht.“


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Dieser Beitrag wurde am 01.10.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Korden

Martin Korden, geboren 1980 in Adenau, ist Beauftragter der Bischofskonferenz für Deutschlandradio. Nach dem Abitur absolvierte er im Rahmen seines Wehrdienstes eine erste Hörfunkausbildung beim Truppenbetreuungssender „Radio Andernach“. Anschließend studierte er in Trier und Brixen Katholische Theologie und schloss 2006 mit dem Diplom ab. Das journalistische Volontariat absolvierte er bei der Katholischen Fernseharbeit in Frankfurt am Main. Neben der Aufgabe als Senderbeauftragter ist er seit vielen Jahren für DOMRADIO.DE in Köln und für die Katholische Fernseharbeit tätig. Kontakt: m.korden@dbkradio.de

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