26. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig

Predigt von Propst Gregor Giele

Liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Schwestern und Brüder,

der Begriff „Grund-Nahrungs-Mittel“ ist für mich ein Kunstwerk der deutschen Sprache. In nur einem Wort aus drei Teilen wird hier ein ganzes Programm entworfen, hinter dem wir am Erntedankfest das wunderbare Tun Gottes erkennen dürfen.

Da ist zunächst die Rede vom „Mittel“, was immer Dinge beschreibt, die uns an die Hand gegeben sind, mit denen oder aus denen wir aber noch etwas machen müssen. Auch Erntegaben sind nichts Fertiges, sie benötigen noch die Zubereitung durch uns. In einen Apfel sollte ich nur beißen, wenn er vorher gewaschen wurde. Kartoffeln und Gemüse muss ich erst noch bearbeiten, ehe sie wirklich schmackhaft sind und Kaffeebohnen müssen einen langen weg durchlaufen, ehe sie ein wachmachendes Getränk ergeben. Es braucht überall das Zutun des Menschen. Erntedank zu feiern heißt deshalb nicht nur, Gott für die Gaben seiner Schöpfung zu loben, sondern auch dafür, dass er uns Menschen ernstnimmt und beteiligt an der Nutzung und Veredelung der Welt und ihrer Gaben.

Doch beim Erntedankfest geht es nicht um Mittel allgemein, sondern um Nahrungs-Mittel. Der Begriff „Nahrung“ erinnert uns Menschen an etwas, was wir uns selten bewusstmachen: wir leben jeden Tag auf Verschleiß. Wir verbrauchen täglich Kalorien, Energie, Kraft, Wachheit und vieles mehr. Nahrung, aber auch Schlaf und Ruhe sind Gaben, vieles davon wieder aufzufrischen und zu erneuern. Dahinter steht Gottes Umsicht, der uns nicht nur geschaffen hat und dann dem Selbstlauf überlässt, sondern sich alltäglich um uns sorgt, uns Nahrung gibt und so Leben erneuert.

Was bleibt, ist der Gedanke des Grund-Nahrungsmittels. Gott sei Dank, dürfen wir in einer Region der Welt leben, wo die Sorge um das tägliche Brot gering ist. Dass das nicht selbstverständlich ist, sondern Geschenk und Gnade, daran will uns das Erntedankfest uns nachdrücklich erinnern.

Liebe Schwestern und Brüder, zu den Grundnahrungsmitteln für unser Leben, mit denen uns Gott versorgt, gehört aber nicht nur das, was zum Essen und Trinken dient. Der Mensch braucht noch mehr und anderes. Die eher ungewöhnlichen Dinge, die dieses Jahr auf dem Erntealtar in unserer Kirche liegen, verweisen uns darauf, genauso wie manche Worte unserer Sprache, die mit Essensbegriffen gebildet werden.

Zwischen dem Obst finden sich bei uns dieses Jahr Bücher. Sie stehen für „Lesefutter“, denn gute Worte und wohltuende Gedanken brauchen wir Menschen wie Wasser und Brot.

Ein Fotoapparat neben den Kartoffeln verweist uns auf die so genannte „Augenweide“. Wir Menschen benötigen als aufbauende und stärkende Nahrung auch gute Bilder, die das Herz öffnen, die Schönheit aufleuchten lassen und uns glücklich machen.

Eine Bibel steht bei uns zwischen den Konserven auf dem Erntealtar. Denn auch Glaube braucht Nahrung, um „Glaubensfrüchte“ hervorzubringen, Früchte, die mein Leben heil und heller machen und mich bereit, dem Nächsten zu dienen.

Und schließlich ist ein Trauerflor zwischen die Erntegaben geflochten – der wohl ungewöhnlichste Teil unseres Erntealtares. Doch im so genannten „Leichenschmaus“ drücken wir Menschen nach der Trauer der Beerdigung aus, dass wir auch von Hoffnung leben, die sich nicht einmal durch den Tod erschüttern lässt. Menschen brauchen Hoffnung zum Leben – und diese Hoffnung braucht Nahrung. Die Verheißung Gottes vom unbesiegbaren Leben ist da eine wunderbare Kost.

Liebe Gemeinde, Erntedank zu feiern heißt, Gott zu loben, dass er uns mit den Grund-Nahrungs-Mitteln Tag für Tag beschenkt und versorgt. Was alles zu den unverzichtbaren Grundnahrungsmitteln zählt, sollten wir dabei nicht zu eng verstehen. Wir Menschen brauchen Vieles als Nahrung zum Leben. Heute, am Erntedankfest, und hoffentlich nicht nur heute, ehren wir Gott, dass er im Geben dessen, was uns Menschen guttut, großzügig ist - ja sogar mehr als großzügig.


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Dieser Beitrag wurde am 27.09.2020 gesendet.





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