Am Sonntagmorgen, 20.09.2020

von Corinna Mühlstedt, Freising

Auf den Spuren moderner Märtyrer. Ökumenische Zeugen der Nächstenliebe

Der erste Märtyrer des Christentums ist der heilige Stephanus. Seit ihm hat es viele gegeben, die für ihren Glauben gestorben sind und die wegen ihres Glaubens verfolgt wurden. Doch gibt es sie heute immer noch?

© Steven Kamps / Unsplash

„Man hat sie getötet, weil sie Christen waren, - ob katholisch, orthodox, koptisch oder lutherisch, das ist einerlei. Es ist dasselbe Blut, das Zeugnis für Christus ablegt. Möge die Erinnerung an diese Brüder uns anspornen, in der Ökumene voran zu gehen!“

Worte von Papst Franziskus. 2015 würdigte er eine Gruppe koptischer Christen, die in Nordafrika brutal vom IS ermordet wurden, spontan als moderne „Märtyrer“. Er nahm damit Gedanken von Johannes Paul II. auf, der einst mit Blick auf die Not von Christen aller Konfessionen in den Vernichtungslagern des 20. Jahrhunderts sagte:

„In diesen Märtyrern sind wir Christen vereint!“

Wer sind die Märtyrer des 20. Jahrhunderts

Die „Märtyrer des 20. Jahrhunderts“, also jene Christen, die damals aufgrund Ihres Glaubens in aller Welt ermordet wurden, setzten Zeichen der Hoffnung, so der Papst. Der Mut, mit dem diese Menschen für ihre Überzeugungen bis zuletzt einstanden, sei Beispiel für ein Gottvertrauen, das die heutige Welt dringend brauche:

„Wo der Hass alles Leben zu verderben schien, haben sie gezeigt: Die Liebe ist stärker als der Tod.“

Im Anschluss an das Heilige Jahr 2000 rief Johannes Paul II. in Rom die Kommission „Neue Märtyrer“ ins Leben: Sie sollte weltweit Erinnerungen an die ökumenischen Glaubenszeugen der Moderne sammeln.

„Dass sie eins seien!“

Der Gründer der Gemeinschaft Sant‘ Egidio, der Historiker Andrea Riccardi, war an der Arbeit maßgeblich beteiligt und kam zu dem Schluss:

„Es handelt sich nicht um die Geschichte einiger mutiger Christen, sondern um Hundertausende, die im Laufe des 20. Jahrhunderts als Christen ermordet wurden… Sie haben eine große Kraft offenbart, und wir sind alle aufgerufen, über diese Kraft nachzudenken: Sie ist sanftmütig, gewaltlos, aber stark!“

Das Zeugnis der modernen Märtyrer sollte nach dem Willen des Papstes künftig allen zugänglich sein. Sant‘ Egidio gestaltete daraufhin die Basilika San Bartolomeo auf der römischen Tiber-Insel als Gedenkstätte. Im Jahr 2002 wurde dort bei einem ökumenischen Gottesdienst eine große Ikone eingeweiht, die seither auf dem Hauptaltar steht.

In ihrem oberen Teil erkennt man die Umrisse einer Kirche, die von Stacheldraht umgeben ist. Dies sei ein Hinweis auf die Vernichtungslager des 20. Jahrhunderts, erläutert der Generalsekretär von Sant‘ Egidio, Cesare Zucconi:

„Die Kathedrale aus Stacheldraht: In der Mitte ist ein Kreuz und unter dem Kreuz eine offene Bibel mit der Aussage vom Johannes im Johannes Evangelium 17: ‚Dass sie eins seien!‘ - Also hier diese Botschaft der Einheit, die aus dem Martyrium kommt. Christen aus allen Bekenntnissen haben in der Bedrängnis dasselbe Schicksal erlebt und haben auch in der Bedrängnis bis zum Martyrium eine tiefe Einheit erlebt.“

Paul Schneider, der Prediger von Buchenwald

Alles weist auf der Ikone nach oben, zu Christus: Bei ihm versammeln sich die Märtyrer, die das Leid der Welt überwunden haben, seien sie Frauen, Männer oder Kinder. Im unteren Teil des Bildes sind Szenen ihres Lebens dargestellt: Inmitten eines vergitterten Fensters sieht man ein Gesicht:

„Und hinter diesem Gitter ist der evangelische Pfarrer Paul Schneider, der ‚Prediger von Buchenwald‘, wie er genannt wurde, weil er dort aus der Bunkerzelle immer wieder das Evangelium verkündigte: Auf dem Appellplatz hörte man Paul Schneider.“

Ein Mitgefangener Schneiders, der im KZ erwog, sich das Leben zu nehmen, berichtete später:

„Als wir auf dem Appell-Platz standen, 20.000 Gefangene, hörte ich an diesem Ort des Grauens und der Verzweiflung plötzlich aus dem Fenster einer Bunkerzelle die laute klare Stimme Paul Schneiders: ‚Jesus Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt.‘ Diese Worte gaben mir neuen Lebensmut. Er hat mich gerettet.“

„Paul Schneider wurde dann immer wieder zum Schweigen gezwungen durch Schläge von den Wächtern, bis er auch durch diese vielen Schläge ums Leben kam: der ‚Prediger von Buchenwald‘. Und hier in der Basilika, in einer der Seitenkapellen, ist auch ein Schreiben von Paul Schneider, sein letztes Schreiben an seine Frau.“

Jerzy Popieluszko predigte die Freiheit

In den sechs Seiten-Kapellen von San Bartolomeo haben Cesare und seine Freunde einfühlsam Erinnerungstücke aus dem Besitz der einzelnen Märtyrer zusammengestellt.

Eine der Kapellen ist den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet, eine andere den Märtyrern in kommunistischen Diktaturen: Dort liegen auf dem Altar unter anderem ein Rosenkranz des russisch-orthodoxen Priesters und Mystikers Alexander Men, der bei Moskau ermordet wurde, und ein einfacher Pflasterstein:

„Dieser Stein erinnert am Jerzy Popieluszko, polnischer Priester, der in der Zeit des Kommunismus immer wieder die Freiheit predigte. Er war ein Lautsprecher von Johannes Paul II. in Polen, ein gebrechlicher, etwas kränklicher junger Priester, der mit 36 Jahren entführt, getötet und in den Fluss geworfen wurde, mit diesen Steinen, die vermeiden sollten, dass sein Körper wieder auftaucht.“

Doch die Rechnung der Mörder Popieluszkos ging nicht auf: Man fand seine Leiche. Zeugen berichteten. Schließlich wurde bekannt, dass der polnische Geheimdienst in den Mord an dem jungen Priester verwickelt war, und das Regime musste Verantwortung übernehmen. Popieluszko wurde 2010 seliggesprochen.

Oscar Romero und die Rechte der Ärmsten

Vier weitere Seitenkapellen von San Bartolomeo sind einzelnen Kontinenten zugeordnet: Amerika, Asien, Afrika und Europa. Auf dem Altar für die „Märtyrer Amerikas“ sieht man das Gebetbuch von Oscar Romero: Der Erzbischof von San Salvador war ein guter Freund von Sant‘ Egidio. Er engagierte sich Zeit Lebens für die Rechte der Ärmsten und kritisierte offen die regierende Militär-Junta in El Salvador. 

„Sein Zeugnis ist von einer unwahrscheinlichen Bedeutung und Kraft. In seinen Gottesdiensten, die durch Radio verbreitet wurden, hat er sich immer wieder auf die Seite der Unterdrückten gestellt. Er wurde angeklagt ein Kommunist zu sein, aber er war ein Bischof, er war ein Hirte, der für seine Schafe kämpfte und für das Leben seiner Schafe.“

Romero erhielt Morddrohungen, gab aber nicht auf. 1980 wurde er während der Messe von Scharfschützen getötet. 2018 sprach ihn Papst Franziskus heilig.

Als Papst Benedikt XVI. San Bartolomeo im Jahr 2008 besuchte, versicherte er in einer Predigt.

„In der Schwachheit derer, die für das Evangelium leiden, ist eine Kraft wirksam, die die Welt nicht kennt. Es ist die Kraft der Liebe, die in der scheinbaren Niederlage siegreich ist. Es ist diese Kraft, die den Tod herausfordert und besiegt.“

Ein Märtyrer ist ein Zeuge

In San Bartolomeo wird etwas von dieser Kraft erfahrbar. Der langjährige Sekretär der Kommission „Neue Märtyrer“, Marco Gnavi, hat viel über sie nachgedacht:

„Erstaunlicherweise sind gerade jene Christen, die nur auf die Kraft der Liebe setzen, anderen Zeitgenossen ein Dorn im Auge. Das hängt damit zusammen, dass diese Christen gegen den Strom schwimmen, indem sie ihre Knie vor keiner weltlichen Macht beugen, sondern nur vor Christus. Sie stehen für eine Macht ohne Waffen, die sanft aber überzeugend ist, weil in ihr die Kraft der Liebe Jesu wirkt.“ 

Diese Haltung, so der katholische Theologe, vermittle Hoffnung angesichts einer Welt, in der immer mehr Menschen versuchten, sich mit brutaler Gewalt durchzusetzen. Die modernen Märtyrer verwiesen auf eine andere Wahrheit:

„Ein Märtyrer - das Wort kommt aus dem Griechischen - ist ein Zeuge. Er kann anonym sterben oder in einer Gruppe, vielleicht sogar ohne, dass er die Zeit hatte, zu verstehen, was vor sich geht. Aber er stirbt, weil er den Namen Jesu trägt. Wir sind deshalb überzeugt, dass auch der unbekannteste Märtyrer vor Gott bekannt ist.“

In der „europäischen Kapelle“ von San Bartolomeo entdeckt man ein Kreuz, das dem sizilianischen Priester Giuseppe Puglisi gehörte. Er hatte in Palermo versucht, Jugendliche vor dem Einfluss der Mafia zu bewahren und wurde dafür ermordet. Papst Franziskus sprach ihn 2013 selig.

Shaabaz Bhatti gegen Gewalt

Die „Kapelle Asiens“ ruft den Völkermord an Zig-Tausenden von Armeniern und Assyrern zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Erinnerung. Weitere Reliquien erzählen von verfolgten Christen im Irak, in Kambodscha oder in Pakistan: Zu ihnen gehörte der pakistanische Minister Shaabaz Bhatti.

Er trat friedlich, aber konsequent für die Rechte religiöser Minderheiten ein. 2011 wurde er von Extremisten erschossen. Seine Bibel liegt nun in San Bartolomeo und Andrea Riccardi, der Bhatti persönlich kannte, meint:

„Menschen wie er, die jegliche Gewalt verwarfen und an ihrem von Evangelium inspirierten Verhalten festhielten, haben besondere innere Erfahrungen gemacht. Der afroamerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King beschrieb sie einst so: ‚Inmitten der Gefahr habe ich inneren Frieden gespürt und Kraftreserven kennengelernt, die allein Gott geben kann.‘“

Jacques Hamel, getötet von Islamisten

Nicht selten verbindet das Zeugnis der modernen Märtyrer sogar Kontinente und Kulturen. In der „Kapelle Afrikas“ etwa steht ein schlichtes Kreuz neben einem afrikanisch-muslimischen Symbol.

Die Darstellung stammt aus Somalia und erinnert an die Ermordung der Ordensfrau Leonella Scarbati. Als die Italienerin, die in Mogadishu ein Krankenhaus leitete, von Terroristen angegriffen wurde, versuchte ihr muslimischer Fahrer vergeblich, sie zu schützen. Beide wurden von den Attentätern gnadenlos getötet.

Für den Dialog zwischen den Religionen steht in San Bartolomeo auch das Bild eines alten grauhaarigen Mannes:

„Hier das Foto und das Gebetbuch von Jacques Hamel, der französische Priester, der umgebracht wurde von zwei jungen Islamisten, während er den Gottesdienst feierte, in einer kleinen Stadt in Frankreich. Er war ein alter Priester, der sein ganzes Leben als Pfarrer gewirkt hatte, der sich für den Dialog mit dem Islam eingesetzt hatte, mit der islamischen Gemeinschaft, die dort ziemlich zahlreich war, auch in der Stadt, wo er wirkte. Sein Zeugnis ist besonders bewegend.“

Die beiden Jugendlichen, die Pater Hamel 2016 in Rouen brutal die Kehle durchschnitten, gehörten zur Terror-Organisation IS. Christliche und muslimische Freunde des alten Priesters waren damals gleichermaßen erschüttert, weiß Cesare Zucconi:

„Bei seiner Beerdigung waren Muslime in der Kirche. Und nach seinem Tod haben in Frankreich aber auch in Italien viele Muslime und Imame als Zeichen der Solidarität die Gottesdienste am Sonntag besucht, in vielen Pfarreien. Daraus ist eine neue Verbundenheit entstanden. Viele Muslime haben sich zu diesem Priester bekannt und zu dem, was er vertreten hat.“

Papst Franziskus nannte Jacques Hamel unmittelbar nach seinem Tod einen „Märtyrer“ und ließ für ihn einen Seligsprechungsprozess eröffnen. Die französische Kirche, in der er starb, entwickelt sich Medienberichten zufolge seither zu einer Art Wallfahrtsstätte, die von Christen und Muslimen aufgesucht wird.

Menschen wie Du und ich

Wer in Rom offenen Auges durch San Bartolomeo wandert, spürt: Die modernen Märtyrer stehen für ein Zeugnis des Glaubens und der Liebe, das über Länder, Konfessionen und sogar Religionen hinausweist.

Sie bilden ein Gegengewicht zu der zerstörerischen Macht von Hass, Terror und Krieg, dass die Welt heute dringend braucht. Ihr Vorbild sei für jeden inspirierend und ermutigend, meint Monsignore Marco Gnavi:

„Diese Märtyrer sind Menschen wie Du und ich. Sie lebten unter uns. Ich habe einige von ihnen gekannt: ebenso bescheidene wie große Menschen. Jede Konfession hat hier ihre eigene Tradition. Aber wir alle empfinden die Herausforderung, die von solchen Persönlichkeiten ausgeht. Denn es sind Menschen, an deren Stelle auch wir hätten stehen können. Und falls nicht, müssen wir uns fragen: Warum nicht?“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden. 


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Dieser Beitrag wurde am 20.09.2020 gesendet.


Über die Autorin Corinna Mühlstedt

Dr. Corinna Mühlstedt ist Theologin, Autorin und ARD-Korrespondentin. Corinna Mühlstedt lebt in Freising und in Rom.

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