Feiertag, 13.09.2020

von Dorothee Bauer, Wien

Musik als Gebet. Zum 85. Geburtstag von Arvo Pärt

Die Musik von Arvio Pärt ist unverkennbar: Der Komponist aus Estland hat einen eigene Musiksprache geschaffen. Zeitlosigkeit, Meditation und Mystik kennzeichnen seine Stücke. Und: Das Gebet.

© Woesinger / Wikipedia

Beten hat in der Musik Arvo Pärts viel mit Stille und Schweigen, einem inneren Hören zu tun.

„So stelle ich mir Musik vor: Wie Nahrung. Oder ein Getreidefeld, mit Liebe kultiviertes Land. Alles basiert auf der Liebe. Lass den Regen Gottes auf Dich herabfallen.“

Poetische Worte des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Vor zwei Tagen hat er seinen 85. Geburtstag gefeiert. Seine Musik ist wie ein Getreidefeld, das Nahrung gibt. Der Komponist gleicht einem Bauern: Er setzt Klänge wie Weizenkörner, mit Liebe zu jeder einzelnen Note, wie zu einem Keimling, hoffend auf Segen und Inspiration „von oben“, hoffend auf den lebensspendenden Regen.

Lieder und Pslamen

Man kann sagen, die Saat ist aufgegangen: Arvo Pärts Musik ist weltweit ungeheuer populär. Zugleich ist sie unverhohlen religiös. Durch seine Musik bringt der russisch-orthodoxe Komponist seinen Glauben an Gott zum Klingen. Er verdichtet in Klängen seine tiefe Spiritualität. Oder, wie der Musikwissenschaftler Wolfgang Sandner es ausdrückt: 

„Arvo Pärts Kompositionen wirken bisweilen wie ... Gebete ..., mysteriös und einfach, leuchtend und voller Liebe.“

Diesen Eindruck habe ich auch beim Besuch einer Ausstellung im britischen Manchester im Juni 2015. Gewidmet ist sie Arvo Pärt und dem Maler Gerhard Richter.

Ein Chor singt immer wieder das kurze Stück „Drei Hirtenkinder aus Fátima“. Arvo Pärt hat es nach einem Besuch des portugiesischen Marienwallfahrtsortes komponiert und Gerhard Richter gewidmet. Wie viele seiner Werke besteht der Text aus einem Psalmvers:

„Aus dem Munde von Kindern und Säuglingen schaffst du dir Lob. Alleluia.“

(Ps 8,3)

Ein Komponist mit Ausstrahlung 

Während der Chor bei der Ausstellung in Manchester singt, betritt fast unbemerkt der Komponist den Raum: groß, dunkel gekleidet, mit schütterem grauem Haar und dem unverkennbaren Bart. Arvo Pärt heischt nicht nach Komplimenten.

Im Gegenteil: Er bleibt am Rande des Raumes, setzt sich auf den Boden, an eine Wand gelehnt, schließt die Augen und lauscht der Musik. Ich habe selten einen Menschen gesehen, der so konzentriert zuhören kann, ganz versunken in eine Welt der Klänge, des Schweigens, vielleicht des Gebets.

Als die Musik zu Ende ist, steht Arvo Pärt auf. Aufmerksam schaut er sich um. Dann das Berührende: Strahlend über das ganze Gesicht geht er auf die beiden Kleinkinder im Raum zu. Großväterlich beugt er sich zu ihnen hinunter, schneidet Grimassen und spricht ihnen liebevoll den Text vor:

„Aus den Mündern von Kindern und Säuglingen schaffst du dir Lob.“

Unglaublich menschlich kommt mir Arvo Pärt vor. Mensch und Musik wirken ganz im Ein-Klang. Wenn ich heute seine Musik höre, dann erscheint es vor meinem inneren Auge: dieses Bild des hörenden, in sich versunkenen, und zugleich ganz aufmerksamen Komponisten mit seiner unglaublichen Ausstrahlung.

Die große Krise

Geboren wird Arvo Pärt am 11. September 1935 im estnischen Paide. Er studiert in Tallin Komposition. In seinen frühen Werken experimentiert Arvo Pärt als einer der ersten Esten u.a. mit 12-Ton-Musik und seriellen Reihen – also mit Avantgarde-Techniken, die im sowjetischen Estland verpönt sind und als „westlich dekadent“ gelten.

Neben Anerkennung erntet er deutliche Kritik der sowjetischen Kulturfunktionäre. Zum Eklat kommt es mit seiner Komposition „Credo“ und dem darin enthaltenen offenen Bekenntnis zum Christentum: ein Affront gegenüber dem sowjetatheistischen Regime.

Dann der Bruch: Arvo Pärt stürzt im Jahr 1968 in eine tiefe existentielle Krise. Vordergründig ist es eine kompositorische Krise: Pärt hat das Gefühl, mit seinen avantgardistischen Kompositionstechniken in eine Sackgasse geraten zu sein und sucht nach einer neuen, eigenen Klangsprache.

Im Grunde geht es ihm aber um alles: um seinen Platz in der Welt, um einen spirituellen Halt im Leben. Acht Jahre lang zieht er sich zurück, hüllt sich in Schweigen, hört fast ganz auf zu komponieren. 

„Damals, bei der Entstehung meiner heutigen Musik, hatte ich alle Hände voll zu tun, um mich selbst innerlich auf die Beine zu bringen und um meine eigenen Probleme zu lösen. Ich musste mich in einen Zustand versetzen, in dem ich eine Musiksprache finden könnte, mit der ich leben wollte. Ich war auf der Suche nach einem ,Ort‘ in meinem tiefsten Inneren, wo – sagen wir so – ein Dialog mit Gott entstehen könnte. Ihn zu finden wurde eine lebenswichtige Aufgabe für mich.“

„Hinter der Kunst steht ein Geheimnis“

Zufällig hört Arvo Pärt in einem Schallplattenladen in Tallinn ein kurzes gregorianisches Stück. Die einstimmigen Gesänge mittelalterlicher Mönche, die im sowjetatheistischen Estland nahezu unbekannt sind und die „gesungenen Gebeten“ (Agustoni) gleichen, sind für Arvo Pärt wie eine Offenbarung.

„Der gregorianische Gesang hat mich eins gelehrt: Hinter der Kunst, nur zwei oder drei Noten zu verbinden, steht ein kosmisches Geheimnis.“

Arvo Pärt vertieft sich fortan in die Psalmen, jene Gebete und Lieder aus dem Alten Testament der Bibel, die Klage und Bitte, aber auch Dank und Vertrauen vor Gott bringen.

Inspiriert von der Lektüre der Psalmen notiert er einstimmige, gregorianisch anmutende Melodien: 10 bis 20 Notizbuchseiten am Tag, jahrelang das Gleiche. Man kann nur erahnen, wie mühsam dieser Prozess der kompositorischen und spirituellen Suche war. Dokumentiert ist er in Schränken voller vollgeschriebener Notizbücher.

Pärt wird russisch-orthodox

Geistliche Inspiration findet Arvo Pärt auch in den Schriften der großen russisch-orthodoxen Mystiker des 20. Jahrhunderts, namentlich bei Mönch Silouan vom Berg Athos und bei dessen Schüler, Sofronij Sacharov. Angezogen von der orthodoxen Spiritualität tritt Arvo Pärt, dem Taufschein nach lutherisch-evangelisch, zur russisch-orthodoxen Kirche über.

Am Ende seines achtjährigen Schweigens steht ein kurzes Klavierstück. Es heißt: „Für Alina“.

„Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird. Dieser eine Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich. Ich arbeite mit wenig Material, mit einer Stimme, mit zwei Stimmen. Ich baue aus primitivstem Stoff, aus einem Dreiklang, einer bestimmten Tonalität. Die drei Klänge eines Dreiklangs wirken glockenähnlich. So habe ich es Tintinnabuli genannt.“

Der unverkennbare „Glöckchenstil“

Arvo Pärt hat zu seinem unverkennbaren Personalstil gefunden. Er nennt ihn: „Tintinnabuli“. Das ist Lateinisch und bedeutet: „Glöckchen“. Pärts „Glöckchenstil“ wirkt einfach, klar und rein und ist doch in der Tiefe ungeheuer komplex. Seine aus dem Schweigen gewonnenen Klänge sind aufs Wesentliche reduziert.

Sie erinnern an die Aphorismen der Wüstenväter, also jener Männer, die sich in der Zeit des frühen Christentums in die Wüste zurückzogen, um ihr Leben in der Abgeschiedenheit und im Gebet Gott zu widmen.

Arvo Pärts Musik im Tintinnabuli-Stil besteht oft nur aus zwei Stimmen: Zu einer Melodie tritt nach bestimmten, klaren Regeln eine zweite Stimme aus Dreiklangstönen hinzu. Im Zusammenklang werden sie zum tönenden Symbol für ein Leben im Vertrauen auf den dreifaltigen Gott: Die Melodiestimme, die auf der Tonleiter auf und ab steigt, vergleicht Pärt mit unserem Leben, mit unserer Sehnsucht nach Freiheit und Entfaltung, aber auch mit unseren Fehltritten. Die zweite Stimme ist wie ein Schutzengel, eine behutsame Begleitung auf dem Lebensweg. 

„Dies ist das ganze Geheimnis von Tintinnabuli: Die zwei Zeilen. Eine Linie ist, wer wir sind, und die andere Linie ist, wer uns hält und sich um uns kümmert. Manchmal sage ich (...), dass die melodische Linie unsere Realität ist, unsere Sünden. Aber die andere Linie ist die Sündenvergebung.“ 

Wie Arvo Pärt nach Wien kam

Das Gottvertrauen zieht sich wie eine Grundmelodie durch das Leben von Arvo Pärt. Als er 1976 eine Reihe von Stücken im Tintinnabuli-Stil vorlegt, bekommt er deutlich zu spüren, dass er als Komponist im sowjetischen Estland keine Zukunft hat.

Mobbing und feindseliges Verhalten erreichen ihr Ziel: 1980 emigriert Arvo Pärt mit seiner Familie. Ziel ist Israel, das einzige Land, für das Pärt wegen der jüdischen Abstammung seiner Frau eine Ausreisegenehmigung erhält. Nur einem glücklichen Zufall ist es zu verdanken, dass er dort nie ankommt. In Wien, wo die Familie Zwischenstation machen muss, wird Arvo Pärt von einer Mitarbeiterin des Wiener Musikverlags „Universal Edition“ abgefangen.

Arvo Pärt beginnt daraufhin die Zusammenarbeit mit dem Verlag und erhält die österreichische Staatsbürgerschaft. Nach anderthalb Jahren führt ihn ein Stipendium nach Berlin. Erst nach knapp 30 Jahren im Exil wird Arvo Pärt schließlich ins freie Estland zurückkehren.

Die Stille ist wichtiger als die Töne

Im Westen hat Arvo Pärt indessen großen Erfolg: 1984 erscheint die CD „Tabula Rasa“, die den Komponisten quasi über Nacht weltberühmt macht. Immer mehr kommt die spirituelle Saite seiner Musik zum Klingen. Er vertont Texte aus der Bibel, besonders den Psalmen, aus der Liturgie und anderen geistlichen Quellen.

Wie ein roter Faden ziehen sich Gebetssätze durch sein Werk. Besonders berührend finde ich sein schlichtes „Vater unser“. Pärt hat es im Jahr 2011 Papst Benedikt XVI. gewidmet. In der folgenden Aufnahme sitzt Pärt selbst am Klavier:

Beten hat in der Musik Arvo Pärts viel mit Stille und Schweigen, einem inneren Hören zu tun. Fast könnte man sagen, die Stille ist bei Pärt wichtiger als die Töne. Es gibt viele Pausen in seiner Musik, in denen das gerade Gehörte nachklingen kann und die zum innerlichen Atemholen einladen. Pärts Musik lässt zur Ruhe kommen. Mehr noch: Sie ist – ganz im Geist orthodoxer Spiritualität – wie eine Einübung in die Kontemplation, in die innere Stille der Seele. Pärts Musik lädt ein, innerlich ein Gott-Hörender zu werden. 

Keine Wellness-Musik

So meditativ die Klänge Arvo Pärts wirken: Seine Musik ist keine Wellness-Musik. Sie ist tief im Christlichen verankert. Oft handelt sie von Trauer und Leid, von Buße und Versöhnung. Wie zum Beispiel in seiner „Johannes-Passion“ über das Leiden und Sterben Christi oder in seinem „Kanon Pokajanen“, dem ein orthodoxer Bußkanon zugrunde liegt.

Trotzdem: So tief das Leiden ist, immer ist da die tröstende, die versöhnende Perspektive, das Gottvertrauen.

So auch in Pärts Vertonung des „Stabat Mater“. Es widmet sich der Gottesmutter Maria, die unter dem Kreuz um ihren toten Sohn trauert. Für Arvo Pärt durchdringen sich im Text des „Stabat Mater“ unermesslicher Schmerz und tiefer Trost.

„Am Anfang gibt es eine Stimme, die ein wunderschönes Gebet singt, und im selben Augenblick kommt die Antwort vom Himmel. Ich habe mich darauf beschränkt, das zu realisieren, was bereits im Text steht: Bevor der Mensch Gott um Hilfe bitten kann, ist Gott schon bei ihm.“

Worin liegt nun das Geheimnis für die Beliebtheit der Musik Arvo Pärts?

Ich glaube, in dieser aus dem Schweigen und dem Gebet gewonnenen Musik findet eine menschliche Ursehnsucht nach Frieden und Geborgenheit ihren Widerhall. Mit seinen schlichten und reinen Klängen berührt Arvo Pärt seine Hörerinnen und Hörer tief in ihrem Inneren, dort, wo – mit den Worten Pärts – eine „kostbare Insel“ verborgen ist:

„Es ist für mich eine große Versuchung, ... diese kostbare Insel in der inneren Verborgenheit unserer Seele als den „Ort“ anzusehen, über den uns vor 2000 Jahren gesagt wurde, dass Gottes Reich dort sei – nämlich in unserem Inneren. ... Und so versuche ich bis heute, mich auf dem Pfad zu halten auf der Suche nach dieser so heiß ersehnten „Zauberinsel“, wo alle Menschen – für mich auch alle Klänge – in Liebe miteinander leben könnten. Die Türen dorthin sind für jedermann geöffnet. Aber der Weg dahin ist schwierig – schwierig bis zur Verzweiflung.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.

Musik:

Arvo Pärt – Fratres

Arvo Pärt – Drei Hirtenkinder aus Fátima

 Arvo Pärt – Summa

Arvo Pärt – Für Alina

Arvo Prät – Spiegel im Spiegel

Arvo Pärt – Vater unser

Arvo Pärt – Stabat Mater

Arvo Pärt – Fratres


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Dieser Beitrag wurde am 13.09.2020 gesendet.




Dipl. Theol Dipl. Mus. Dr. Dorothee Bauer wurde 1983 geboren und wuchs in Konstanz auf. Sie studierte Musik (Violoncello) und Theologie in Freiburg und Wien. 2014 promovierte sie über Olivier Messiaens „Livre du Saint Sacrement“ bei Prof. Jan-Heiner Tück an der Universität Wien. Derzeit ist sie im Erzbischöflichen Sekretariat bei Kardinal Schönborn tätig und widmet sich freiberuflich der Musik. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Kontakt:  Dorotheebauer@t-online.de

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