Wort zum Tage, 14.09.2020

von Beate Hirt, Frankfurt

Kreuzzeichen und Segen

Ich habe eine neue Nichte, zwölf Wochen ist sie heute alt. Ein kleines Menschenkind und ein großes Wunder. Irgendwann in den nächsten Monaten wird sie getauft, und bei dieser Taufe bekommt sie ein kleines Kreuz auf die Stirn gezeichnet, je nach Corona-Lage: auch von den Verwandten und Freunden, die dabei sind.

Das Kreuzzeichen auf der Stirn, es drückt aus: Ich wünsch dir Gutes! Ich wünsch dir Segen! So kenn ich das schon seit Kindertagen. Als wir klein waren, hat mir meine Mutter jeden Tag mit Weihwasser ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet. Morgens, bevor ich aus dem Haus ging. Dann gab es noch eine kräftige Umarmung – und der Tag konnte beginnen, mit all seinen Herausforderungen. Klassenarbeiten, Zahnarztbesuche: Die verloren so ein wenig von ihrem Schrecken.

Das Kreuzzeichen auf der Stirn gab mir das Gefühl: Ich kann mutiger in den Tag hineingehen. Es war eine Art Starthilfe für den Tag. Und so etwas Ähnliches ist ja auch das Kreuzzeichen bei der Taufe: eine Art Starthilfe ins Leben.

Vielleicht hab ich wegen dieser Erfahrungen seit Kindertagen schon immer ein ganz gutes Verhältnis zum Kreuzzeichen und auch zum Kreuz. Für mich ist es wirklich ein Zeichen von Zärtlichkeit und Zuwendung, es macht mir Mut zum Leben.

Aber ich weiß natürlich: Das Kreuz ist auch ein schwieriges Symbol für viele Menschen. Und das war es von Anfang an. Die ersten Gegner der Christen vor fast zweitausend Jahren haben die neue Religion dafür verspottet, dass sie dieses Kreuz so in den Mittelpunkt stellt. Und dass ihr Gründer an diesem Kreuz gestorben ist. Ein Folteropfer, an einem Holzbalken festgenagelt. Was ist das für ein Bild von Religion.

Ich kenne aber auch einige Menschen, die das Kreuz in den letzten Jahren wieder neu für sich entdeckt haben. Nicht als Zeichen für Folter und Gewalt. Sondern als Zeichen von Hingabe und sogar: von Gewaltlosigkeit. Denn dieser Jesus hat nicht zurückgeschlagen. Genau deswegen ist er ja auch am Kreuz gelandet. Bei seiner Verhaftung hat er zu seinen Jüngern gesagt:

„Wer zum Schwert greift, wird durchs Schwert umkommen.“

(Matthäus-Evangelium 26,52)

Er hat keine Gewalt angewendet, er hat sich voll und ganz ausgeliefert. Und er hat sich im Leben und im Sterben immer wieder den Menschen zugewandt. Hat sich um ihr Heil gesorgt. Sein Tod am Kreuz sollte ein Segen sein für die Menschen. So wie auch sein ganzes Leben schon solch ein Segen sein wollte. Leben in Fülle für die Menschen.

Heute steht in der katholischen Kirche das Fest „Kreuzerhöhung“ im Kalender, im Bistum Limburg wird es nächstes Wochenende auch traditionell gefeiert. Das Kreuz steht dabei im Mittelpunkt. Als Zeichen für das Leben in Fülle. Segen und Leben: Das hat schon meine Mutter mir damals mit dem Kreuzzeichen mit auf den Weg gegeben. Und ich freu mich drauf, wenn wir solch ein Kreuzzeichen und Segen auch meiner kleinen Nichte mit auf den Weg geben können.


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Dieser Beitrag wurde am 14.09.2020 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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