24. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Magdalena in Herzogenaurach

Predigt von Pfarrer Helmut Hetzel

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

Wie oft haben Sie das schon gebetet? Das Vater Unser ist das Gebet der Christen schlechthin. Und egal wie nahe jemand der Kirche steht, wenn es ums Beten geht, dann kommt immer zuerst das Vater Unser, das viele doch noch können.

Aber ist Ihnen dabei jede Bitte bewusst? Haben Sie schon einmal über die Bitte nachgedacht:

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!“

Gott soll uns unsere Schuld vergeben, so die Bitte, genauso wie wir es mit denen tun, die uns was schuldig geblieben sind. Das ist der Hintergrund des Gleichnisses, das wir eben im Evangelium gehört haben. Da ist jemand unbegreiflich hoch verschuldet (zehntausend Talente entspricht einem heutigen Wert von über einer Milliarde). Dieser bekommt aufgrund seiner Bitten die Schuld geschenkt, verziehen.

Allerdings geht dieser mit jemanden, der bei ihm nur eine geringe Schuld hat, ganz anders um. Er verzeiht nicht und vergibt nicht. Konkret, dieser entspricht nicht dem, was im Vater Unser gebetet wird. Gott vergibt, aber er selbst vergibt nicht.

Jedoch müssen wir vorsichtig sein, um nicht in die gleiche moralische Falle zu tappen wie in früheren Zeiten. Moralisch – als Christen müssen wir verzeihen und zwar immer. Nicht nur siebenmal. Die Zahl steht für das Ganze, für immer, sondern ein Vielfaches davon. Damit wurde immer auch geistige Gewalt ausgeübt und schlechtes Gewissen eingeredet. Wenn du nicht verzeihst, dann bestraft dich Gott.

Eine Methode, die leider gerade von Gewalttätern gegenüber Opfer angewendet wird, um so ihre eigenen Taten, ihre eigene Schuld zuzudecken und die Opfer mundtot zu machen.

Manchmal konnte man meinen, ein Christ muss sich alles gefallen lassen, Hauptsache ist es, zu vergeben! Aber so einfach ist es nicht! Das ist eine klare Verzerrung der Botschaft Christi! Denn Vergeben, Verzeihen hat immer zwei Seiten, zwei Wirkkreise!

Zum einen betrifft es den anderen, den Nächsten, den, dem ich seine Schuld verzeihe und vergebe, die er oder sie mir angetan hat. Es kann ihn oder sie frei machen von seinem oder ihrem schlechten Gewissen und helfen, wieder neu vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen.

Zum anderen aber betrifft es vor allem einen selbst, dem Vergebenden. Denn Vergeben heißt „Loslassen“ – innerlich frei werden! Solange ich nicht vergeben kann, solange ich Groll und Zorn – so die Worte der Lesung – oder solange ich Wut und Enttäuschung in mir trage, solange ich die inneren Verletzungen pflege, solange komme ich nicht zur Ruhe.

All diese Gefühle und Gedanken bestimmen einen großen Teil meines Lebens und rauben mir viel Lebenskraft, Lebensenergie.

Ich denke dabei an die Konflikte, die manchmal über Generationen hinweg zwischen Familien gepflegt werden. Ich denke da an die Beziehungskriege, die oft in gescheiterten Partnerschaften geführt werden.

Ich denke da an zerstrittene Freunde! Und ich denke da an Menschen, die es versäumt haben, jemanden zu Lebzeiten zu vergeben und so nicht die Probleme aufarbeiten konnten.

Vergeben heißt „Loslassen“, heißt innerlich frei werden. Lebenskräfte und Lebensenergie werden dadurch nicht mehr gebunden. Diese kann ich wieder für vieles andere, lebensaufbauende einsetzen: für Freundschaften, für Beziehungen, für neue Ideen.

Und dabei erfahre ich wieder mehr Lebensfreude, Vertrauen, kann ich wieder mehr mein Leben gestalten und anpacken.

Und genau das erkenne ich in der Botschaft Jesu Christi. Nicht Moral und Vorschriften, nicht sich unterkriegen zu lassen und klein gemacht zu werden, sondern frei zu werden, erlöst zu werden, wirklich Erlösung zu erfahren.

Gott ist der Verzeihende, der uns erlöst. Und wir sind eingeladen zu verzeihen und zu vergeben, um selbst wirklich frei zu werden!

Mir ist bewusst: Verzeihen, Vergeben ist nicht immer so leicht, gerade wenn die Enttäuschung und die Verletzung sehr tief sitzen. Es braucht einfach oft Zeit. Und vielleicht auch mehrere Anläufe. Nicht nur siebenmal, sondern oft ein Vielfaches davon. Aber es gilt, sie anzugehen, um selbst frei zu werden für das Schöne im Leben.

Noch einmal: Christus gibt keine moralischen Anweisungen, damit wir uns alles gefallen lassen müssen und immer nachgeben sollen. Christus will uns allen wahre Erlösung, innere Freiheit für das Leben zukommen lassen.

Vergeben, Verzeihen, heißt Loslassen, heißt frei leben!

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 13.09.2020 gesendet.





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