Morgenandacht, 11.09.2020

von Domkapitular Gerhard Stanke, Fulda

Alles seufzt!

In den letzten Wochen habe ich oft an eine Aussage des Apostels Paulus im Brief an die Römer gedacht. Sie lautet:

„Wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“.

(Römer 8,22)

In den folgenden Sätzen ist dann noch zweimal vom Seufzen und Stöhnen die Rede. Paulus schreibt, dass auch die Menschen seufzen und auf die Erlösung warten. (vgl. 8,23)

Dann sagt er noch, dass der Geist Gottes „mit einem Seufzen, das man nicht in Worte fassen kann“, für jeden eintritt. (Römer 8,26)

Seufzen, Stöhnen, Jammern, Schluchzen – diese Worte drücken aus, dass der Atem nicht frei und lautlos fließen kann, sondern unter Druck und laut den Körper verlässt. Der Mensch kann nicht durchatmen, sondern der Atem stockt und bricht dann mit Seufzen und Schluchzen hervor.

In den letzten Monaten konnte man in den Nachrichten oft hören, dass manche an Covid-19 erkrankte Menschen schwer nach Atem gerungen haben. Manche mussten auch künstlich beatmet werden.

Dann ging in dieser Zeit auch noch folgende Nachricht um die Welt: Georg Floyd, ein dunkelhäutiger US-Bürger, wurde von einem Polizisten zu Boden gedrückt. Während der Polizist auf seinem Hals kniete, stöhnte Georges Floyd:

„Ich kann nicht mehr atmen.“

Aber unbarmherzig wurde ihm die Luft abgedrückt, so dass er starb.

Die Schöpfung seufzt und auch Menschen seufzen. Manchmal geht ihnen die Luft aus. Die Schöpfung seufzt auch unter unseren Eingriffen. Wir beuten sie rücksichtlos aus und verschmutzen sie. Dabei vergessen viele, dass wir unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören.

In der Natur gibt es gewaltige, zerstörerische Kräfte. Aber auch in uns Menschen gibt es Kräfte, die sich gegen die Natur und gegen die Mitmenschen richten. Es ist erschreckend, was Menschen anderen Menschen antun können in allen Formen von Machtmissbrauch, Unterdrückung und Folter. Manchmal erschrecken vielleicht die Menschen selbst darüber, wozu sie fähig sind – fähig in Worten und Taten.

Die Schöpfung seufzt und stöhnt und auch die Menschheit leidet und sehnt sich danach, wieder aufatmen zu können.

Der Apostel Paulus versteht das Leiden der Schöpfung als Geburtswehen. Die Schöpfung ist noch nicht so, wie Gott sie gedacht hat. Es soll noch Neues entstehen. Eine neue Schöpfung soll geboren werden. An einer anderen Stelle spricht die Bibel von dem neuen Himmel und von der neuen Erde (vgl. Off 21,1). Die Schöpfung steht unter der Verheißung, dass sie einmal verwandelt wird.

Wenn der Apostel Paulus über das Seufzen der Menschen spricht, dann tut er das aus der gläubigen Erfahrung heraus, dass der Mensch in seinem Leiden nicht allein gelassen ist. Der Geist Gottes lebt in ihm. Er bringt das Seufzen der Menschen und der ganzen Schöpfung vor Gott.

Die Bibel spricht vom Geist Gottes im Bild vom Sturm oder Hauch oder Atem. Ich erinnere mich dabei an Kurse mit Atemübungen: Auf den Atem achten wie er kommt und geht, bewusst ein- und ausatmen, und dabei innerlich zur Ruhe kommen und wieder neue Kraft schöpfen.

Der Geist ist der Atem, der Lebensatem. Er ist die Kraft, die verwandelt und Neues schafft. Er bewirkt, dass den Menschen nicht die Luft ausgeht.

Atem Gottes, lass uns und die ganze Schöpfung aufatmen!


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Dieser Beitrag wurde am 11.09.2020 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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