Morgenandacht, 10.09.2020

von Domkapitular Gerhard Stanke, Fulda

Ist Kirche systemrelevant?

Vor ziemlich genau 5 Jahren hat Papst Franziskus vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York eine Rede gehalten. Nachdem er das Plenum verlassen hatte, trat die Popsängerin Shakira auf und trug John Lennons Friedenshymne „Imagine“ vor. Der Text heißt übersetzt:

„Stell dir vor, den Himmel (Heaven) gibt es nicht. Es ist leicht, wenn du es versuchst. Keine Hölle unter uns, über uns nur das Firmament (Sky). Stell dir all die Leute vor, die für das Heute leben… Stell dir vor, es gibt… auch keine Religion…“

Und dann die frohe Kunde:

„Die Welt wird als eine leben.“

Das war schon eine eigenartige Choreografie: Nach der Ansprache des Papstes wird dieses Lied vorgetragen, in dem die Religionen als Ursache für Streit und Krieg bezeichnet werden.

Ohne Religionen wäre Frieden auf der Erde. Dabei wird allerdings Folgendes vergessen: Im vergangenen Jahrhundert gab es in Europa zwei politische Systeme, die für Millionen Tote verantwortlich sind. Sie haben sich beide betont gottlos verstanden und die Religionen bekämpft.

Solch scharfe Töne gegen die Religion wie in John Lennons Imagine höre ich sonst eher selten. Allerdings wurde in den vergangenen Monaten öfter die Frage gestellt, ob die Kirchen systemrelevant sind. Oft fehlten sie in der Aufzählung der systemrelevanten Berufsgruppen oder Organisationen.

Muss die Kirche überhaupt systemrelevant sein? Also eine Stütze des Systems? Die Kirche lebt in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systemen. In manchen Ländern ist die Kirche nur eine Minderheit mit mehr oder weniger großer gesellschaftlicher Relevanz.

In vielen Ländern hat sie aufgrund ihres Engagements in der Schulbildung und im sozialen Bereich ein hohes Ansehen. In anderen Ländern wird sie verfolgt, weil sie das System, das den Menschen ganz vereinnahmen will, stört. In den Ländern, in denen eine Partei alles bestimmt oder bestimmen will, ist die Kirche ein Störfaktor.

In Deutschland wird das soziale Engagement der Kirche geschätzt. Manche sehen in ihrer Botschaft auch eine Erinnerung daran, dass Politik nicht absolut gesetzt werden darf. Die Botschaft der Kirche erinnert daran, dass es Fragen gibt, auf die die Politik, die Wirtschaft und auch die Wissenschaft keine Antwort haben.

Ich meine: Die Botschaft des christlichen Glaubens ist relevant für das Leben jedes Einzelnen, weil sie Antwort gibt auf die Frage: Woher komme ich? Und: Wohin gehe ich? Die Antwort des Glaubens lautet: Der Ursprung jedes Menschen liegt in der Liebe – in der Liebe der Eltern, aber darin und darüber hinaus in der Liebe Gottes.

Jeder Mensch kann sich sagen: Ich bin erwünscht und gewollt. Ich bin kein Produkt des Zufalls, sondern ein Wunschkind. Und jeder kann sich auch sagen: Deshalb bin ich wichtig. Meine Begabungen und Fähigkeiten sind wichtig. Ich werde gebraucht.

Und auf die Frage: Wohin gehe ich? lautet die Antwort: Ich werde in ein neues Leben gerufen. Ich verschwinde nicht einfach von dieser Welt, in die ich eingetreten bin und in der ich durch mein Wirken manche Spuren hinterlassen habe.

Nicht nur die Wirkung meiner Taten hält noch einige Zeit an, sondern ich selbst habe Zukunft. Das Ja, das Gott am Anfang zu mir gesprochen hat, ist unwiderruflich. Es bedeutet: Ja, du sollst ein Leben in Fülle haben.

Insofern ist das, was der christliche Glaube dem Menschen über sich selbst sagt, aus meiner Sicht systemrelevant. Denn: Es stiftet Hoffnung über den Tod hinaus.


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Dieser Beitrag wurde am 10.09.2020 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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