Morgenandacht, 09.09.2020

von Domkapitular Gerhard Stanke, Fulda

Achte auf deine Worte!

Die Schriftstellerin Ulla Hahn zitiert in einem Zeitungsartikel einen Text aus dem Talmud, einer wichtigen Schrift aus dem Judentum. Der Text lautet:

„Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.
Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.
Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.
Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.“

(FAZ, 30. Juni 2020, 12)

Achte auf deine Gedanken - achte auf deine Worte. Eine Mahnung, die zu allen Zeiten ihre Berechtigung hatte und hat. Die Sprache ist ein Mittel der Kommunikation, das uns Menschen auszeichnet. Und die Kommunikation kann nur gelingen, wenn ich vertrauen kann, dass der andere die Worte so gebraucht wie man sie allgemein versteht. Wenn er ihnen nicht einen eigenwilligen Inhalt gibt.

An das Zitat aus dem Talmud fügt Ulla Hahn fügt noch ein Gespräch aus dem Buch „Alice im Wunderland“ an. Alice fragt den verrückten Hutmacher:

„Kannst du denn die Worte so benutzen, wie du willst?“

Der antwortet:

„Die Frage ist nicht, was ein Wort wirklich bedeutet. Die Frage ist, wer Herr ist und wer nicht.“

Die Herren bestimmen die Sprache und die Bedeutung der Worte. In allen Diktaturen beobachte ich, dass Sprachregelungen getroffen werden, die der Herrschaft dienen. Der russische Revolutionär Lenin sagt es deutlich:

„Die wesentliche Voraussetzung für die Zerstörung der bestehenden Ordnungen ist die Zerstörung der Sprache.“
(Zitat danach: Ulla Hahn: FAZ, 30. Juni 2020, Seite 12)

Die Sprache ist dann nicht mehr ein Medium der Kommunikation, sondern ein Mittel der Indoktrination.

Der Text aus dem Talmud, den Sie eingangs gehört haben, setzt nicht bei der Sprache an. Zuerst geht es in der jüdischen Schrift ums Denken.

„Achte auf deine Gedanken.“

Auch Jesus hat sich zum Thema Sprache und Denken geäußert. Er sagt:

„Was aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen. Das ist es, was den Menschen unrein macht.“

(Matthäus, 15, 18-20)

Jesus ruft deshalb zum Umdenken auf. Mit diesem Ruf tritt er in die Öffentlichkeit.

Ein Leitsatz, an dem sich das Denken und dann auch das Reden und Handeln orientieren kann, ist die Goldene Regel. Ich habe sie als Kind in der negativen Form gelernt: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Jesus formuliert positiv:

„Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“

(Matthäus 7,12)

Die Goldene Regel kann mir in Entscheidungssituationen helfen: Ich versetze mich in die Situation des anderen und überlege: Was würde ich an seiner Stelle erwarten?

Dann wird mir vielleicht bewusst, was ich tun soll. Diejenigen, die andere in den Medien beschimpfen und bedrohen, möchten wahrscheinlich nicht so von ihren Mitmenschen behandelt werden.

Im Denken fängt das Böse an. Es zeigt sich in Worten und Taten. Aber im Denken hat auch das Gute seinen Ursprung und führt dann zu guten Worten und guten Taten.


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Dieser Beitrag wurde am 09.09.2020 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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