Morgenandacht, 08.09.2020

von Domkapitular Gerhard Stanke, Fulda

Mein Leben umarmen

„Ich habe geträumt, mein Leben sei ein Kind von mir. Und dieses Kind ist entstellt. Deshalb will ich es nicht annehmen. Ich schicke es weg. Aber es kommt immer wieder und will, dass ich es auf meinen Schoß nehme. Es zerrt an meinen Kleidern und lässt mir keine Ruhe. Ich weiß: Wenn ich es küssen könnte, dann könnte ich schlafen.“

Ich erinnere mich nicht mehr, wo ich diesen Text gelesen habe. Aber er ist in mir haften geblieben. Das eigene Leben beschrieben im Bild eines Kindes, das entstellt ist. Das nicht so ist, wie man es sich vielleicht einmal vorgestellt oder erhofft hat.

Es kommt wohl niemand durch das Leben, der im Rückblick nicht manche Entscheidungen bereut. Oder gar wünscht, er könnte sie rückgängig machen. Das können Einzelentscheidungen sein oder auch Weichenstellungen, die das Leben in eine falsche Richtung gelenkt haben. Es kann auch sein, dass Entscheidungen anderer das Leben so bestimmt haben, dass jemand auf eine falsche Spur geraten ist.

Daneben gibt es sicher auch vieles, worauf der Mensch im Rückblick stolz sein kann und wofür er dankbar ist. Aber diese positiven Gefühle sind oft emotional nicht so bestimmend wie die Trauer, die Wut oder die Reue über falsche Entscheidungen.

Wie soll ich damit umgehen? Soll ich sie verdrängen? Der Eingangstext beschreibt, dass das nicht einfach gelingt. Diese Erfahrungen lassen sich nicht wegschieben. Sie melden sich immer wieder.

Aber kann der Mensch das, was in seinem Leben schief gegangen ist, einfach so liebevoll annehmen, ja, küssen, wie der Text sagt? Das, was er durch eigene Schuld zerstört hat, oder was ihn belastet oder beschämt einfach umarmen?

Der Verfasser des Textes ahnt vielleicht, dass ihm das helfen würde. Aber kann er das einfach tun?

Ich habe die Erfahrung gemacht: Es geht nur über andere. Ich muss den Mut fassen, das auszusprechen, was mich beschämt oder verletzt hat. Das kostet Kraft. Da melden sich Angst und Scham.

Ich denke an eine Frau, die als Kind tiefe Demütigungen erfahren hat. Ihr Selbstwertgefühl war zerstört. Sie konnte nicht glauben, dass jemand sie mag. Dann ist sie doch Menschen begegnet, die sie akzeptiert haben. Aber sie traute sich nicht, von dem zu sprechen, was sie zutiefst verletzt hat.

Diese Frau hatte Angst, die Menschen, die ihr so positiv begegnet sind, könnten sich dann von ihr zurückziehen. Sie meinte, die liebgewonnenen Menschen würden sie ablehnen, so wie sie sich selbst wegen der körperlichen und seelischen Verletzungen abgelehnt hat. Die Angst hat sie blockiert.

Als sie einmal von dieser Angst gesprochen hat, war ich sehr betroffen. Ich meinte: Das Schicksal der Frau müsste doch eher Mitgefühl auslösen als Verachtung – aber die Angst, fallen gelassen zu werden, steckte tief in ihr.

Es war ein längerer Prozess, bis sie glauben konnte, dass sie durch ihr Schicksal nicht an Anerkennung verloren, sondern gewonnen hat.

Zur Geschichte dieser Frau passt ein afrikanisches Sprichwort. Es lautet:

„Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen. Das musst du dir sagen lassen.“

Es hilft vielleicht auch dabei, das eigene Leben anzunehmen, so wie es ist.


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Dieser Beitrag wurde am 08.09.2020 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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