Morgenandacht, 07.09.2020

von Domkapitular Gerhard Stanke, Fulda

Verloren im Weltall?

„Jede Sekunde entstehen 30.000 neue Sterne.

Sagt der Astrophysiker Arnold Benz aus Zürich. Und weiter:

„Zurzeit entstehen in unserem beobachtbaren Universum 1 Trillion Sterne. Dieser Vorgang dauert bei einem Stern mittlerer Größe etwa eine Million Jahre“.

Das sind Aussagen, die die Vorstellungskraft weit übersteigen. Jede Sekunde 30.000 neue Sterne. 30.000 wäre für ein Jahr schon eine ganz stolze Zahl. Aber jede Sekunde! Was ist das für ein Weltall? Unvorstellbar. Wo war der Anfang? Im Urknall?

Und was war vor dem Anfang? Kann ich mit der Frage nach den Ursachen bis ins Unendliche zurückgehen? Ich für meinen Teil denke: Am Anfang muss etwas sein, das nicht geworden ist, sondern immer schon war. Manche sagen: Die Materie ist ewig. Andere sagen: Was ohne Anfang ist – das ist Gott. Er ist nicht geworden. Er ist von Ewigkeit her.

Und auf einem kleinen Planeten in diesem unendlichen Weltall hat sich ein Wesen entwickelt, das denken, lieben und hoffen kann. Und wer weiß, was sich auf manchem der unzähligen anderen Planeten entwickelt hat. Da scheint mir die Annahme plausibel, dass am Anfang ein geistiges Wesen steht.

Eines, das nicht geworden ist, sondern einfach ist. Christen und viele Menschen, die anderen Religionen angehören, glauben, dass Gott der Ursprung von allem ist und dass die Menschen zu diesem göttlichen Wesen in Beziehung stehen. Ein Psalm aus dem Alten Testament der Bibel, den Christen und Juden gemeinsam beten, bringt diesen Gedanken anschaulich zum Ausdruck:

„Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir. Von fern erkennst du meine Gedanken. Du bist vertraut mit all meinen Wegen…

Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen. Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten? Steige ich hinauf in den Himmel, so bist du dort, bette ich mich in der Unterwelt, bist du zu gegen. Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke.

Deine Augen sahen, wie ich entstand, in deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war. Wie schwierig sind für mich, o Gott, deine Gedanken, wie gewaltig ist ihre Zahl! Wollte ich sie zählen, es wären mehr als der Sand. Käme ich bis zum Ende, wäre ich noch immer bei dir.“

(Ps 139, 1-10, 14-18)

Dieser Psalm ist ein Kontrast zu einer Aussage des Nobelpreisträgers Jacques Monod. Er sagt, dass der Mensch seinen Platz am Rand des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen die Leiden, Verbrechen und Hoffnungen der Menschen.

Jaques Monod meint: Der Mensch ist verloren in dem weiten Weltall. Und die Gemeinschaft mit den anderen Menschen kann diese letzte Einsamkeit auch nicht aufheben.

Jaques Monod mag diese Einsamkeit empfinden. Doch Christen spüren im Vertrauen auf Gott: Jeder Mensch ist ins Leben gerufen. Er ist nicht ein Produkt des Zufalls oder des Schicksals. Er ist von Ewigkeit her gewollt. Unglaublich. Aber das ist der Horizont, den die Bibel eröffnet hat.

Und das ist der Glaube, den ich teile.


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Dieser Beitrag wurde am 07.09.2020 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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