Wort zum Tage, 05.09.2020

von Martin Wolf, Mainz

Gesunder Egoismus

Es gibt eine peinliche Szene vom NATO-Gipfel 2017 in Den Haag, die es zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht hat. Da rempelt der amtierende US-Präsident den montenegrinischen Regierungschef unsanft zur Seite, um selbst ganz vorne im Bild zu sein.

Die Szene wirkt wie eine Realsatire zum Thema „Egoismus“. Egoistisch zu sein hat einen ziemlich miesen Ruf. Wer hemmungslos die Ellenbogen gegen andere ausfährt, um sich eigene Vorteile zu sichern, gilt nicht von ungefähr als unsoziale Gestalt.

Als einer, den eben nur die Größe des eigenen Egos interessiert und der bereit ist, andere eiskalt beiseite zu räumen. Höchstes Ansehen dagegen genießen jene Menschen, die sich selbstlos für andere einsetzen. Menschen, die sich im wahrsten Sinn des Wortes „aufopfern“, also ihr eigenes Wohl und manchmal sogar ihre Gesundheit hinten anstellen zum Wohle anderer.

Auch das ist wohl ein Erbe des Christentums, das unsere Kultur fast zwei Jahrtausende geprägt hat. In dem das selbstlose Aufopfern für andere als besonders löblich, das Durchsetzen eigener Interessen hingegen als moralisch fragwürdig gilt.

Es sind ja oft die sozial besonders Sensiblen und Engagierten, die sich selber nicht so wichtig nehmen. Die erst dann an sich denken, wenn es auch allen anderen gut geht. Wie oft habe ich in meiner früheren Tätigkeit in der Seelsorge Menschen gesagt:

„So großartig es ist, wie du dich um die anderen sorgst. Um deine Kinder, die alten Eltern, die überarbeiteten Kollegen. Aber vergiss dich selber bitte nicht! Vergiss nicht, dass du auch ein Leben hast mit Bedürfnissen und einer Gesundheit, die schneller ruiniert ist, als du denkst.“

Es war wohl so etwas wie der Versuch, diese Menschen zu mehr Egoismus zu ermuntern. Ihnen deutlich zu machen: Die Balance ist wichtig. Selbstbewusst ICH sagen zu können – ohne dabei die anderen zu vergessen.

Ein guter, gesunder Egoismus ist nämlich kooperativ, ist ein wechselseitiges Geben und Nehmen. Ein glückliches und erfülltes Leben zeichnet sich in aller Regel nicht durch Macht, Ruhm und Geld aus, sondern vor allem durch gelungene menschliche Beziehungen. Empirische Studien zum Glücksempfinden haben das bestätigt. Anders ausgedrückt: Menschen, die in guter Weise an sich denken, haben ein vitales Interesse daran, dass es auch dem anderen gut geht.

Für mich fasst die Bibel diese Erkenntnis in einem einzigen, uralten Satz unschlagbar zusammen: Liebe deinen Nächsten – wie dich selbst!

Dieser Auftrag Gottes an den Menschen betont die Balance: Zwischen der egozentrischen Selbstliebe, die den Nächsten übersieht und einer extremen Sorge um den Anderen, die die eigenen Bedürfnisse am Ende aber vernachlässigt.


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Dieser Beitrag wurde am 05.09.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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