Wort zum Tage, 04.09.2020

von Martin Wolf, Mainz

Gott braucht Hilfe

Gott kann uns nicht helfen, aber wir können ihm helfen! Für fromme Ohren mag das ziemlich verwegen klingen. Dabei hat diesen Gedanken eine Frau aufgeschrieben, die zutiefst fromm war.

Oder besser gesagt: Sie wurde es nach und nach immer mehr. Die niederländische Jüdin Etty Hillesum. Vor fast genau 77 Jahren haben die Nazis sie nach Auschwitz deportiert. Dort hat Etty Hillesum den Tod gefunden. In einem ergreifenden Tagebuch hat sie zuvor die für Juden immer dramatischer werdende Situation in Amsterdam beschrieben, wo sie lebte.

Doch ihre Aufzeichnungen sind auch das Zeugnis einer immer intensiver werdenden Suche nach Gott, die sie zu dieser Einsicht bringt:

„Ich will dir helfen Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: Dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott.“

(149) 

Diese Zeilen scheinen die geläufige Vorstellung vom Verhältnis zwischen Gott und Mensch auf den Kopf zu stellen. Etty Hillesum war Realistin. Sie gab sich keinen Illusionen hin, dass Gott in den aktuellen Lauf der Geschichte eingreifen und alles zum Guten wenden würde.

Aber sie sah in Amsterdam auch, wie Menschen sich im Hass auf die deutschen Besatzer aufrieben. Wie sie ihren Glauben verloren, an das Gute im Menschen und an einen Gott, der doch offenkundig nichts machen kann oder will und sein auserwähltes Volk einfach einem furchtbaren Schicksal überlässt. Sie verurteilt diese Menschen nicht, geht aber einen anderen Weg. Etty Hillesum schreibt immer wieder, dass es ihr trotz aller Erniedrigungen und Schikanen nicht gelingt, die Nazischergen zu hassen.

Der Gott, den sie in ihren Tagebüchern vorstellt, ist einer, der sich nicht aktiv in die Händel der Menschen einmischt. Vielmehr ein Gott, der in ihren Herzen wohnen will. Und da ist er bedroht. Nicht weil Gott sich zurückziehen würde, aber weil wir ihm gleichsam die Wohnung kündigen. Das wollte Etty Hillesum unbedingt verhindern. Und so hat sie gestritten und gerungen mit diesem Gott. Und immer wieder den Kontakt gesucht im Gebet. Wie, das beschreibt sie selber einmal so:

„Wenn ich bete, bete ich nie für mich selbst, immer für andere, oder aber ich führe einen … Dialog mit dem, was mir das Allertiefste ist und das ich der Einfachheit halber als Gott bezeichne. Ich weiß nicht, ich finde es so kindisch, etwas für sich selbst zu erbitten … Wenn man für jemand betet, schickt man ihm etwas von der eigenen Kraft.“

(154f)

Zitate aus: Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943. Hg. u. eingeleitet von J.G. Gaarlandt. Aus dem Niederländischen von Maria Csollány, Rowohlt: Reinbek 292019


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Dieser Beitrag wurde am 04.09.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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