Wort zum Tage, 03.09.2020

von Martin Wolf, Mainz

Das Beste schon jetzt

Sie sind beide unheilbar erkrankt und beide wissen, dass ihnen nur noch wenige Monate bleiben werden. Der großkotzige Multimillionär Edward und der in kleinen Verhältnissen lebende, aber feinsinnige Automechaniker Carter.

Zwei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Krankenhaus, wo sie sich zeitweise ein Zimmer teilen müssen, lernen sich die beiden kennen. So beginnt die Geschichte des Kinofilms „Das Beste kommt zum Schluss“.

Aus der anfänglichen Abneigung wird bald eine Freundschaft und so beginnen sie eine Liste aufzustellen mit Dingen, die sie in der verbleibenden Zeit unbedingt noch machen wollen. Gemeinsam! Einmal im Leben mit dem Fallschirm abspringen etwa, oder mal ein Autorennen fahren.

Aber auch sehr intime Wünsche, die sich für einen der beiden nie erfüllt haben: Einmal etwas Erhabenes zu erleben, oder: Einmal einen anderen Menschen glücklich zu machen. So erzählt der Film vom beinah tragikomischen Versuch, verpasstes Leben nachzuholen.

Es ist natürlich eine irrwitzige Geschichte, die an diesem Punkt dennoch aufs reale Leben trifft. Denn wie viele Lebensträume und Herzenswünsche bleiben tatsächlich unerfüllt? Die Reise, die ich immer schon mal machen wollte. Das Designerstück, das ich so oft schon sehnsüchtig betrachtet, mir aber nie geleistet habe. Der Mensch, den ich so gern noch näher kennengelernt hätte.

Argumente dagegen finden sich immer: Weil das Geld fehlt oder die Zeit oder weil ich beruflich gerade viel zu viel um die Ohren habe. Und wenn ich ehrlich mit mir bin wohl oft auch, weil ich schlicht Angst habe vor dem Neuen, Unbekannten, noch nie Gemachten. Angst davor, als grundsolider Mensch, der ich doch sein möchte, etwas scheinbar Verrücktes und Spontanes zu tun.

Je älter ich nun werde und je öfter ich in meinem persönlichen Umfeld mit Krankheit und Tod konfrontiert werde, desto öfter frage ich mich aber auch, worauf ich noch warte. Denn was am Ende zählen wird, ist ja nicht, was ich angehäuft habe an Titeln, Geld und Ansehen, sondern, was mein Leben reich gemacht hat. Nicht im materiellen Sinn. Sondern reich an Schönheit, unvergesslichen Eindrücken oder beglückenden Begegnungen.

Als Christ hoffe ich zwar darauf, dass es noch mehr geben wird. Dass ich in diesem Leben nicht alles gemacht haben muss und dass vor Gott auch das Unfertige und Unerfüllte Bestand hat. In diesem Sinn mag das Beste wirklich zum Schluss kommen. Doch dieser Gott hat mir ja auch dieses Leben hier geschenkt, das so unfassbar schön wie auch traurig sein kann. Jedenfalls immer einzigartig und unwiederholbar. Worauf also warte ich?


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Dieser Beitrag wurde am 03.09.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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