Wort zum Tage, 01.09.2020

von Martin Wolf, Mainz

Kürzer treten

Es gibt nicht viel Positives, das man über die aktuelle Pandemiezeit sagen kann. Und doch gehört für mich die Erfahrung dazu, dass ich auch mit Weniger zufrieden sein konnte. Ja, dass Weniger manchmal gar die Lebensqualität erhöht. Weniger Hektik. Weniger Konsumstress. Weniger Druck.

Die Erkenntnis, dass es nicht jedes Jahr die große Urlaubsreise sein muss. Dass ich mich auch ohne Shoppen gut fühlen kann. Dass weniger Arbeit und weniger Hamsterrad im Job mich ausgeglichener machen. Sicher, es sind unfreiwillige Einsichten, die ich und viele andere in den ersten Monaten dieses Jahres gewonnen haben. Doch Umwelt- und Klimaschützer legen sie uns schon seit Jahren dringend ans Herz: Weniger ist mehr - also gerne mehr davon?

So einfach ist es leider nicht. Da ist nämlich auch der Bekannte, der eine hochkarätige Ausbildung hat und nun schon seit zig Wochen in Kurzarbeit festhängt, obwohl er gerne arbeiten würde. Ein Ende ist nicht in Sicht. Oder die Inhaberin des kleinen Cafés hier in der Stadt.

Durch die wochenlangen Einnahmeausfälle hat sie schon um ihre Existenz gebangt und wie es im Herbst und Winter weitergehen soll, mag sie sich gar nicht ausmalen. Von den freiberuflichen Musikern, die ich kenne und die jetzt kaum noch Einnahmen haben, ganz zu schweigen. Weniger ist eben nicht für alle mehr. Manchmal ist weniger schlicht eine Katastrophe.

Die Kirche begeht heute den „Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung“. An diesem Tag denke ich auch an dieses Dilemma, das kaum aufzulösen ist. Denn so sicher es für mich ist, dass wir mittelfristig wohl mit deutlich weniger auskommen müssen, wenn wir unsere Erde nicht vollends ruinieren wollen, so sicher ist auch, dass „weniger“ für ganz viele tatsächlich auch „weniger“ heißen wird.

Weniger Arbeit, weniger materiellen Wohlstand, weniger Beweglichkeit. Schlimm muss das nicht unbedingt sein. Das haben die letzten Monate gezeigt. Aber sie haben mir eben auch wieder deutlich gemacht, wie komplex unser Wirtschaftssystem ist. Wie sehr alles mit allem zusammenhängt. Das Wohl der einen am Konsum der anderen. Nicht nur bei uns, sondern weltweit.

Und so könnte ich heute, am Gebetstag für die Bewahrung der Schöpfung vielleicht darum beten, dass die positiven Erfahrungen der letzten Pandemiemonate in mir und anderen weiterwirken. Dass sie vielleicht ein globales Umdenken in unserem Konsumverhalten anstoßen. Dass dabei aber auch so viele Menschen wie nur möglich mitgenommen werden.

Ein fast unmögliches Unterfangen scheint das, dem ein himmlischer Anstoß sicher nicht schaden kann. Denn einmal eingefahrene Lebens- und Konsumgewohnheiten nachhaltig zu verändern ist nicht nur komplex, es fällt den meisten von uns auch unendlich schwer.


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Dieser Beitrag wurde am 01.09.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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