Wort zum Tage, 31.08.2020

von Martin Wolf, Mainz

Wo Segen wohnt

„Ein Segen sollst du sein.“

Ein gewaltiger, geradezu erdrückender Satz ist das, wenn er zu einem Menschen gesagt wird:

„Ein Segen sollst du sein.“

Ein Satz, den so eigentlich nur Gott sagen kann, wenn er diesem Menschen zugleich die Kraft verleiht, das auch zu leben und auszufüllen. In der Bibel hört Abraham, der Glaubensvorfahre von Juden, Christen und Muslimen, diesen Satz von Gott: „Ein Segen sollst du sein. Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen“. Was für eine Zusage.

Aber auch heute gilt noch, dass Menschen einander zum Segen werden können. Kleiner und bescheidener vielleicht, aber kaum weniger wichtig. Im lateinischen Wort für SEGEN steckt das deutsche Wort GUT. Gesegnet zu werden meint also immer etwas Gutes. Segen soll etwas sein, das das Herz erwärmt, das mir guttut und mich leben lässt. Gesegnet fühle ich mich da, wo ich mich geliebt und angenommen weiß. Wo ein lieber Mensch mich tröstet, wenn ich untröstlich bin, oder mich wieder aufrichtet, wenn ich am Boden zerstört bin.

Gesegnet bin ich, wo ich keinem etwas vormachen muss. Wo ich einfach der sein darf, der ich bin. Mit all meinen Schwächen, Launen und Fehlern. Meiner Lebensfreude und meiner Traurigkeit. Und so sind es immer Menschen, die es gut mit mir meinen und die mir dadurch zum Segen werden. Und mich gerade so ahnen lassen, dass auch Gott es gut mit mir meint. Überall, wo ich solchen Menschen begegne, ist ein Ort, an dem Segen wohnt.

Wenn ich darüber nachdenke, dann fallen mir sogar immer mehr Orte ein, an denen Segen wohnen kann. Kirchen sind darunter, gewiss. Aber nicht nur sie. Es kann auch das Klassenzimmer sein, in dem ein Lehrer mir Mut gemacht und mir gesagt hat: Du kannst das! Es kann das Büro in der Arbeitsagentur sein, in dem der Vermittler in seinen Kunden nie hoffnungslose Fälle sieht, sondern Menschen, die etwas können und für die sich sein Einsatz lohnt.

Es kann das Übernachtungsheim für Wohnsitzlose sein, wo es eine Dusche und warmes Essen gibt und einen Menschen, der Zeit hat und ein gutes Wort. Es kann das Schiff der Seenotretter sein, die einen entkräfteten Flüchtling kurz vor dem sicheren Ertrinken aus dem Mittelmeer ziehen.

Genau genommen gibt es unzählig viele Orte, an denen Segen wohnen kann. Weil es genau dort Menschen gibt, die für andere zum Segen werden. Für mich sind sie die Nachkommen des Abraham, dem einmal gesagt wurde: „Ein Segen sollst du sein.“


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Dieser Beitrag wurde am 31.08.2020 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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