Am Sonntagmorgen, 09.08.2020

von Andrea Fleming, München

Die Kraft der Vergebung. In sieben Schritten zur Versöhnung

„Vergebung ist wie eine Rose, deren Duft in der Hand desjenigen bleibt, der sie gibt.“ Diese Redensart verdeutlicht, wie wichtig Versöhnung ist – nicht nur für den, dem vergeben wird. Trotzdem fällt es oft schwer, jemandem etwas zu vergeben. Kann ein Mensch Vergebung lernen?

© Ricardo Esquivel / Pexels

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."

So heißt es im Vater unser. Die Bitte um Vergebung ist im Christentum geknüpft an die Bereitschaft, auch selbst zu vergeben. Aber auch über die christliche Welt hinaus hat sich die Erkenntnis durchgesetzt: Vergebung macht den Menschen frei und ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für gelungene menschliche Beziehungen.

Gerade dort, wo diese Beziehungen gestört oder verletzt sind, zeigt sich, dass die Fähigkeit, einem anderen die mir zugefügten Verletzungen verzeihen zu können, Grundlage ist für die Erneuerung oder Vertiefung der Beziehung.

Der 2016 verstorbene Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut Dr. Konrad Stauss hat sich intensiv mit dem Thema Vergebung und Versöhnung auseinandergesetzt und einen eigenen therapeutischen Ansatz dazu entwickelt.

Nach vielen Jahren der Arbeit war ihm klar geworden, dass ein klar strukturierter Weg nötig ist, damit Versöhnung möglich wird. Im Rahmen meiner Recherchen zum Thema Schuld und Vergebung besuchte ich ihn vor einigen Jahren in seinem Zuhause im Allgäu.

„Mein Ziel ist die Versöhnung, und Versöhnung ist etwas Zwischenmenschliches. Um sich zu versöhnen, muss der Täter sich mit seiner Schuld aktiv auseinandersetzen und das Opfer, der Geschädigte, muss sich mit seiner Verwundung auseinandersetzen und beide müssen in sich wieder in ihren Frieden gekommen sein und erst dann können sie sich zusammensetzen und ein Versöhnungsgespräch führen.

Und da zeigt sich ganz klar: Vergebung als eine Entscheidung - das funktioniert überhaupt nicht! Vergebung ist immer ein Prozessgeschehen, es ist nie eine kognitive Entscheidung.“

Der spirituelle Ursprung von Vergebung

Nachdem Konrad Stauss in seiner Arbeit als Leiter einer psychosomatischen Klinik im Allgäu immer wieder auf Beziehungsstörungen stieß, entwickelte er einen Prozess, der seinen Patienten die Möglichkeit bietet, wichtige innerliche Schritte zu tun, um zu einem Versöhnungs-Geschehen überhaupt fähig zu werden.

Dabei wurde für ihn schnell deutlich, dass Vergebung und Versöhnung einen spirituellen Ursprung haben. Aus diesem Grund suchte er schon früh den Dialog und Austausch zwischen Psychotherapie und Theologie.

Auch wenn er selbst nicht in einem christlichen Kontext aufgewachsen war, sah Stauss das Christentum als eine wesentliche Quelle für die nötigen Ressourcen zu echter Versöhnung:

„Vergebung und Schuldarbeit sind Kernthemen des Christentums. Das ist nicht nur eine liturgische Frage, sondern eine Frage einer innerseelischen Veränderung. Und die Veränderung geht immer über das Herz - eine äußere Verhaltenskorrektur reicht nicht aus.

Das Christentum ist eine absolut therapeutische Religion – da geht’s nur um Beziehung – die Beziehung zu mir, zu anderen und zu Gott - für mich ist das der christliche Mikrochip geworden.“

Groll und Hass gehören dazu

In enger Zusammenarbeit zwischen Theologie und Psychotherapie spielen sich denn auch die sieben Phasen ab, die zu tiefgreifender Vergebung nach dem Konzept von Konrad Stauss nötig sind. Dabei unterscheidet er zwei Bereiche: den profanen und den heiligen Raum.

Zunächst arbeitet er mit einigen Elementen aus der Psychotherapie, um seine Klienten dann in eine stärker spirituelle Prozessebene zu begleiten, in der der Therapeut mehr und mehr in den Hintergrund tritt. Der erste Schritt ist immer die Auseinandersetzung mit der Verwundung.

„Christlich gesprochen: Der Vergebungsprozess geht mitten durchs Kreuz durch, er geht nicht dran vorbei. Ich muss mich mit meinen Verwundungen auseinandersetzen - auch emotional auseinandersetzen, das zulassen, zu spüren: Groll und Hass ist eine adäquate, natürliche Reaktion.

Diese negativen Gefühle sollten in Worte gefasst und auch emotional ausgedrückt werden. Wichtig ist in dieser Phase die deutliche Unterscheidung zwischen emotional empfundener Verletzung und dem Schmerz über objektiv erlittenes Unrecht.

„Viele, die in der Opferrolle hängen bleiben, bleiben in der Anklage hängen. Wenn Sie nicht differenzieren zwischen Wut und Schmerz – also was hat weh getan und was war ungerecht – wenn sie das nicht differenzieren, bleiben sie in der Anklage hängen. Und das muss benannt werden. Und die Wut gehört zu der Ungerechtigkeit und der Schmerz gehört zu dem Erlittenen.“

Verstehen bedeutet nicht gutheißen

In der zweiten Phase geht es darum, die Perspektive zu wechseln: Der oder die Betroffene sollte sich in den Täter hineinversetzen, um seine Motive für die Tat nachvollziehen und verstehen zu können. Denn wer versteht, vergibt leichter, hat Stauss festgestellt. Dieses empathische Sich-Einfühlen in den Täter rechtfertigt oder entschuldigt dabei keinesfalls die Tat. Dafür trägt der Täter die volle Verantwortung. Trotz Empathie des Opfers gilt: Unrecht bleibt Unrecht.

Für diese Phase verwendet Stauss gern ein Element aus der Gestalttherapie, die Zwei-Stuhl-Arbeit: Der Täter wird auf einem Stuhl imaginiert und der Klient sitzt ihm auf dem zweiten Stuhl gegenüber. Durch den häufigen Wechsel der Stühle lernt der Klient, die Perspektive des Opfers und des Täters zu erleben.

„Das heißt aber noch lange nicht, wenn ich den verstanden habe, dass ich es gutheiße. Ich kann das verstehen, aber die Verantwortung dafür gebe ich dir zurück, die trage ich nicht. Und hier ist eine ganz klare Abgrenzung: Das gehört zu dir und das gehört nicht zu mir.

Der Täter wird weniger übermächtig, sondern als Mensch mit seinen eigenen Begrenzungen, Schwächen und lebensgeschichtlichen Verwundungen und deren Auswirkungen erlebbar. Der Klient handelt im profanen, säkularen Raum.

Die psychologischen Vorbedingungen für die Vergebung wurden erfüllt: die Auseinander-setzung mit der Wunde, deren emotionale Bearbeitung und die Fähigkeit zur Empathie und zum Perspektivenwechsel.

Briefe schreiben und Perspektiven erkunden

Mit dem dritten Schritt betritt der Klient nun den sogenannten heiligen Raum. Hier gelten spirituelle Gesetzmäßigkeiten. Der Vergebende versucht, eine neue, für ihn oft ungewohnte Perspektive auf den Täter und seine Tat einzunehmen. Er nimmt die Haltung der Barmherzigkeit, der Liebe und Vergebung ein.

„Ich nenne es die Schau des Herzens – jetzt schaue ich mal mit dem Herzen dahin. Und die Methodik ist jetzt Briefe schreiben. Dass ich jetzt aus der Perspektive des Täters einen Brief an mich selber schreibe. Weil dann werde ich gezwungen, mich in den anderen total einzufühlen und das zu formulieren. Und der erste Brief heißt: Die Motivation.“

Es folgen vier weitere Briefe, bei denen der Klient zwischen der Perspektive des Täters und seiner eigenen hin und her wechselt – so entsteht ein imaginäres Zwiegespräch. Der Schreiber benennt die Schuld, die der Täter gegenüber dem Opfer und Gott auf sich geladen hat.

In zwei weiteren Briefen geht es um die Reue des Täters und die Bitte um Vergebung für seine Tat. Ist der Klient nun zur Vergebung bereit, stellt er ein sogenanntes „Vergebungszertifikat“ aus. Im Konzept von Konrad Stauss ist dieses Zertifikat ein wichtiger Schritt, um abschließen zu können:

„Ich bin ab heute bereit, demjenigen zu vergeben, und die Last der Nichtvergebung in Form von Groll, Hass und Bitterkeit abzugeben, so gut ich kann und ich will xy vergeben usw. Das nennen wir das sogenannte Zertifikat. Und dann kommt, dass ich am Schluss, in einer siebten Station, meinen Vergebungs-prozess vor das Angesicht Gottes bringe. Wie immer der Gottesbegriff sein mag.

Dieses Vergebungsritual wird bei christlich orientierten Klienten oft in einer Kirche oder Kapelle vollzogen, die in ihrer Architektur den Heiligen Raum symbolisiert. Hier werden die sieben Stationen der Vergebung symbolisch in einem Kreis ausgelegt. Der Klient wird vom Seelsorger oder Psychotherapeuten dabei begleitet. Der Vergebende liest an den einzelnen Stationen die vorher geschriebenen Briefe und das Vergebungszertifikat vor.

Will ich wirklich vergeben?

Am Schluss des Rituals bringt er seine Bereitschaft zur Vergebung in Form eines stillen Gebetes oder Dialogs mit seinem Gott vor dessen Angesicht. In diesem Ritual entfalte sich oft eine tiefe emotionale Dynamik. Die Gegenwart des Heiligen Geistes sei für alle intuitiv erlebbar.

„Da entfaltet sich eine Dynamik von einer Tiefe und einer Kraft, die man dann vielleicht nur theologisch interpretieren kann: Da ist ein Kraftfeld, da wirkt noch etwas mehr mit, als wir selber machen konnten.

Und dann verlässt man diesen Raum wieder auch mit der Entscheidung: Ich will die Vergebung aufrechterhalten. Und das ist dann der letzte Schritt: Die Aufrechterhaltung der Vergebung, weil Vergebung heißt nicht Vergessen und es ist auch ein Ringen und da wird sich dann zeigen, ob die Vergebung wirklich Bestand hat.“

Mit dem Entschluss, die Vergebung aufrecht zu erhalten, bekräftigt der Vergebende sein aktives Bemühen, sich nicht wieder von den alten Emotionen wie Groll und Hass einnehmen zu lassen, sondern sich in diesen Momenten an die Eindrücke während des Vergebungsrituals zu erinnern. So können die alten schmerzlichen Erfahrungen mit der neuen Erfahrung eines gelungenen Vergebungsprozesses überschrieben werden.

Denn natürlich werden die Erinnerungen an die Verletzung nicht ausgelöscht. Groll, Wut und auch Hassgefühle kommen wieder und drohen, den Vergebenden hinunterzuziehen.

Die Schritte der Vergebung nach den Impulsen von Konrad Stauss zeigen eine Art „Langzeitwirkung“. Eine Frau berichtet von einer Begegnung mit ihrem Vater, zu dem die Beziehung vorher gravierend gestört war. Sie schildert, dass sie die Veränderung in der Wahrnehmung ihres Gegenübers nicht nur bei sich selbst beobachtet, sondern auch bei ihrem Vater zu erleben meint:

„Ich hatte sowohl in der vorbereitenden Arbeit wie auch im eigentlichen Vergebungsritual oft das Gefühl, dass enorme Umwälzungen in meiner Seelenlandschaft vor sich gehen. Berge wurden abgetragen, die dort mein ganzes Leben lang gehockt hatten, die für unverrückbar galten. Der Blick auf gänzlich neue Wiesen und Täler eröffnete sich – Perspektiven, die ich nie für möglich gehalten hätte.

Bass erstaunt war ich dann bei meinem ersten Treffen mit meinem Vater nach einiger Zeit. Er hatte sich total verändert! Seine sonst so schwer zu ertragenden Charakterfehler waren völlig in den Hintergrund getreten und ich bemerkte so viele kleine, liebenswerte Wesenszüge an ihm. Erstaunlich. Ich konnte neben ihm gehen und einfach eine tiefe, warme Zuneigung spüren zu dem, wie und wer er ist.“

Zur Versöhnung gehören zwei

Doch der Psychotherapeut aus dem Allgäu hat auch Probleme in seiner Arbeit mit den Vergebungsphasen erlebt. Etwa, wenn der Prozess seiner spirituellen Dimension beraubt und nur auf eine psychologische Bewältigungsstrategie verkürzt und damit in seinen Augen instrumentalisiert wird.

Immer wieder wurde Konrad Stauss dadurch bewusst, dass der Therapeut in dieser Arbeit nur Begleiter ist und unterstützend wirkt. Das eigentliche Geschehen liegt in der Hand des Klienten. Ist dieser Prozess aber gelungen beendet, kann auch eine reale Versöhnung mit der Person des Täters geschehen.

„Deswegen ist Vergebung zu 80 Prozent eine rein innerseelische Auseinandersetzung, um frei zu werden. Und dann kommt erst der zwischenmenschliche Prozess der Versöhnung. Vergeben kann ich immer, ich kann auch Verstorbenen vergeben. Das haut hin.“

Für Stauss wurde durch die Arbeit am Thema Vergebung deutlich, dass es hier um eine Entwicklung im Innern eines Menschen geht. Versöhnung dagegen ist ein zwischenmenschliches Geschehen. Zur Versöhnung gehören zwei: Einer, der sie anbietet und einer der sie annimmt.

Raus aus der Opferrolle

Immer wieder hat er als Therapeut erlebt, dass eine Versöhnung mit dem Täter nur dann möglich ist, wenn dieser die Verantwortung für seine Tat übernimmt und sie aufrichtig bereut. Bereuen bedeutet, dass der Täter sich empathisch einfühlen kann, was seine Tat beim Anderen an emotionalem Schaden verursacht hat.

Hier liegt noch eine weitere Etappe vor Menschen, die von der Vergebung zur Versöhnung durchstoßen wollen. Laut Stauss braucht es dazu von Seiten des Opfers eine sogenannte „Vergebungskompetenz“, um sich aus der Opferrolle zu befreien. Und der Täter sollte „Schuldkompetenz“ lernen, um sich ein würdiges Weiterleben nach der Tat zu ermöglichen. Und zwar, ohne die Tat kleinzureden.

So wird es möglich, dass sie sich ihre Zukunft offenhalten und den jeweiligen Wachstumsauftrag annehmen, den beide durch den Versöhnungsprozess erfahren haben.

Konrad Stauss starb unerwartet im Jahr 2016. Sein Konzept der Versöhnungsarbeit bleibt bestehen. Z.B. im „Netzwerk Vergebung und Versöhnung“, dass das Werk von Konrad Stauss weiterträgt.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Ludovico Einaudi – Burning

Ludovico Einaudi – Walk

Ludovico Einaudi - Divenire


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Dieser Beitrag wurde am 09.08.2020 gesendet.


Über die Autorin Andrea Fleming

Andrea Fleming hat in Düsseldorf Ihren Diplomabschluss in Italienisch, Englisch und Deutsch als Literaturübersetzerin gemacht und arbeitet seit 2003 als freie Journalistin. Sie ist freie Mitarbeiterin im Bayerischen Rundfunk, ist für Firmen und Non-Profit-Organisationen in der PR-Arbeit tätig und schreibt für diverse Zeitschriften und Online-Portale. Außerdem arbeitet sie als deutsche Pressereferentin der Fokolar-Bewegung. Kontakt: a.fleming@gmx.de

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