20. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarre Pfaffstätten in Niederösterreich

Predigt von Pater Walter Ludwig

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 15, 21-28)

In jener Zeit zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her! Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an  war ihre Tochter geheilt.

Liebe Schwestern und Brüder!

Vielleicht sind auch Sie überrascht, ja sogar irritiert von dem Evangelium, das wir gerade gehört haben: Da begegnet uns Jesus anders, als wir ihn normalerweise kennen: nicht gütig und offen für die Menschen, sondern unzugänglich, und diese arme Frau, die für ihre Tochter bittet, weist er hart zurück.

In der Wiener Kirchenzeitung ist über dieses Evangelium gesagt worden, es hätte einige harte Nüsse zu knacken. Ja, ich glaube, dass auch Jesus hier eine harte Nuss zu knacken hat: Deshalb möchte ich jetzt mit Ihnen diese Nüsse betrachten und bearbeiten.

Schauen wir uns die Situation genauer an: Jesus ist mit seinen Jüngern im heidnischen Gebiet: nicht mehr in Israel, sondern nördlich davon, im heutigen Libanon, gar nicht weit von Beirut, das vor zwei Wochen durch eine gewaltige Explosion so schwer beschädigt worden ist. In diesen immer schon umkämpften Landstrich, in dem Juden und Nichtjuden scharf voneinander getrennt waren, dorthin zieht sich Jesus zurück.

Man merkt in diesem Abschnitt des Evangeliums, dass er erschöpft ist, dass er Ruhe braucht, Abstand. Immer wieder hören wir, dass sich Jesus zurückzieht, um mit seinem Vater allein zu sein. Ganz im Willen seines Vaters, in der Gegenwart Gottes zu leben, das ist es, was Jesus wollte.

Und da kommt diese heidnische Frau, die wohl ziemlich auffallend gewesen sein muss. Sie bittet und klagt und schreit so laut hinter Jesus her, dass es den Jüngern zuviel wird. Sie sagen zu ihm: Bring sie doch zum Schweigen, aber nicht weil sie Mitleid mit ihr gehabt hätten, sondern ganz einfach, weil sie lästig war.

Aber zuerst antwortet Jesus überhaupt nicht, dann sagt er: für heidnische Bitten bin ich nicht zuständig, und dann bezeichnet er sie sogar mit dem bis heute schimpflichen Ausdruck: Hunde. Warum das alles? Warum reagiert Jesus so ungewohnt?

Ich glaube, dass Jesus hier in einem Zwiespalt war: Auf der einen Seite sieht er sich im Gehorsam seinem Vater gegenüber, dessen Auftrag es ist, das Volk Israel zu Gott zurückzuführen. Er sagt, ich bin nur zu denen gesandt, die Gott schon kennen, als den, der Heil und Leben schenkt.

Und auf der anderen Seite berührt ihn wohl auch die Not dieser armen Frau, die für ihre Tochter bittet.

Den Umschwung bringt erst die so schlagfertige und vertrauensvolle Antwort der Frau. Sie sagt Jesus: Ja, du hast schon recht! Eigentlich haben wir kein Anrecht darauf, dass uns geholfen wird. Wir sind – Hunde! Aber Jesus, denk doch daran, dass auch die Hunde im Haus nicht leer ausgehen. Wenn an den Tischen die Kinder essen, dann fällt etwas herunter, also bitte: gerade diese Brotkrümel, die hätt ich gern!

Von dieser Antwort und diesem Vertrauen lässt sich Jesus bewegen. Er lässt sich bewegen, sein Denken zu ändern! Er lernt in dieser Situation, dass er der Heiland ist nicht nur für das Volk Israel, sondern für alle Menschen. Von diesem Moment an gibt es keine Trennung mehr zwischen Juden und Nichtjuden. Es ist bezeichnend, dass dies im Matthäusevangelium gesagt wird, weil sich dessen Verkündigung gerade an die Juden wendet. Und heißt es am Ende: Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern!

Wir müssen dieser Frau unendlich dankbar sein, dass sie Jesus zum Umdenken gebracht hat. Sie hat ihre Not so deutlich gezeigt, dass er gar nicht anders konnte, als zu sagen: Ja auch dir will ich helfen. Weil du so großes Vertrauen hast, schenke ich dir das Heil! So lösen sich die harten Nüsse auf: durch Geduld und Vertrauen.

Drei Dinge können wir aus der Begegnung zwischen Jesus und der kanaanäischen Frau lernen:

Das erste ist: Wir dürfen hartnäckig sein in unseren Bitten. Wahrscheinlich haben auch wir schon öfters erlebt, dass wir gebetet haben und den Eindruck hatten, dass Gott schweigt, dass er nichts zu uns sagt, ja dass er uns sogar zurückweist. Im vergangenen März, beim großen Segen am Petersplatz hat Papst Franziskus daran erinnert, dass die Jünger Jesus schlafend erlebt haben, bis sie ihn mit ihren Bitten aufgeweckt haben. So geht es hier auch: Die Frau weckt mit ihrer Bitte das gute Herz Jesu. Wir dürfen also bei unseren Gebeten und Bitten hartnäckig sein und leidenschaftlich.

Dann das zweite: Ich glaube, dass wir auch etwas lernen für unseren Umgang mit Menschen, die am Rand stehen. Auch das kennen wir, dass wir von Bettlern auf der Straße angegangen werden, und dass wir uns dann entweder schweigend abwenden oder ihnen anstandshalber ein paar Cent hinwerfen. Ich habe es oft erlebt: wenn ich mit Bittstellern zu reden beginne und ihnen auf Augenhöhe begegne, wenn ich ihre Schicksale erfahre, dann kann ich mit ihnen und von ihnen etwas lernen für mein eigenes Leben. Was Jesus gelernt hat, das lernen auch wir: diese Menschen sind unsere Schwestern und Brüder, und wir haben nicht das Recht, sie abzuspeisen oder an den Rand zu schieben.

Und das dritte, vielleicht das schwerste: Wir müssen auch als Kirche noch viel deutlicher auf die Menschen zugehen, die am Rand stehen. Auch dazu lädt uns Papst Franziskus ein. Er sagt: Mir ist eine „verbeulte“ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die krank ist, weil sie in sich verschlossen ist und sich aus Bequemlichkeit an die eigenen Sicherheiten klammert. Wenn etwas unser Gewissen beunruhigen soll, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben.

Diesen Sinn und dieses Leben dürfen wir allen Menschen schenken, wie es Jesus heute der Frau im Evangelium getan hat. Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 16.08.2020 gesendet.





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