Am Sonntagmorgen, 23.08.2020

von Gunnar Lammert-Türk, Berlin

Provokanter Weckruf für das Christentum? Vor 120 Jahren starb Friedrich Nietzsche

Er war der Sohn eines lutherischen Pfarrers, rang Zeit seines Lebens mit der Frage nach Gott und stritt mit Kirche und Christentum: Der Philosoph Friedrich Nietzsche erklärte Gott  sogar für tot - und inspierierte viele christliche Denker mit seinen Schriften. 

© Wikimedia Commons / gemeinfrei

„Die christliche Kirche ließ nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. (…)

Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die eine große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist - ich heiße es den einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit.“

(aus: Friedrich Nietzsche: Der Antichrist, 1888)  

So äußerte sich Friedrich Nietzsche in seiner Schrift "Der Antichrist", 1888 verfasst, wenige Monate, bevor er in geistige Umnachtung fiel, aus der er nicht mehr auftauchen sollte.

Er starb vor 120 Jahren am 25. August 1900. Ein letztes Mal hatte er hier zum Schlag ausgeholt gegen das von ihm verabscheute Christentum. Es galt ihm als lebensfeindlich, verlogen und kleingeistig, hervorgegangen aus dem Ressentiment Benachteiligter und wie ein Großteil bisheriger Philosophie und Moralgebäude nicht mehr zeitgemäß.

Die frohe Botschaft besser verstehen Dank Nitzsche

Es muss daher überraschen, dass sich auch christliche Denker auf Nietzsche bezogen und bei ihm sogar Anregung fanden für einen Neuansatz christlicher Welt- und Lebensdeutung. Einer war Albert Schweitzer – wie Nietzsche Sohn eines protestantischen Pfarrers. Im Jahr 1903 schrieb er an seine spätere Frau Helene Bresslau:

„Ich lese Nietzsche: ‚Jenseits von Gut und Böse‘ - diesen großen, schönen Aufruf zum Leben, Bejahung des Lebens, ich höre wunderbar fremdartige Harmonien, mächtige, stolze, lachende, bezaubernde Klänge. (…)

Es ist merkwürdig: ich verstehe die Worte Jesu besser, seit ich dieses große Lachen höre, mit dem er sie ausgesprochen hat. Etwas von diesem Lachen ist in ‚Jenseits von Gut und Böse‘, diesem neuen Testament vom Stolz der menschlichen Natur, den man töten wollte. In Nietzsche war etwas von dem Geist Christi.“

(aus: Albert Schweitzer: Brief an Helene Bresslau, 6. September 1903)

Geradezu schwärmerisch preist Schweitzer Nietzsche. Und sieht sogar eine gewisse Verwandtschaft zwischen dem Philosophen und Jesus Christus. Beide, so klingt es aus seinen Zeilen, seien Anwälte des Lebens und der menschlichen Natur.

Beide waren dies mit einer Art Heiterkeit des Geistes, mit dem großen Lachen, wie Schweitzer es nennt. Das klingt wie nach einer Befreiung von beengenden Zuständen. Die benannte auch der Jesuit Alfred Delp, der 1935 in einer Analyse der Philosophie Heideggers über Nietzsche sagte:

„Sein Gegner ist nicht nur der Geist, das abstrakte Denken, sondern zugleich die bürgerliche Welt, die bourgeoise Gesellschaft, die die Sicherheit als ihre oberste Göttin anbetet, die dem Leben alle Gefährlichkeit nimmt."

(aus: Alfred Delp: Tragische Existenz, 1935)                                       

Nietzsche bringt Sittlichkeit und Persönlichkeit zusammen

Der "Geist", gegen den Nietzsche antrat, war vor allem die bisherige europäische Metaphysik. Die sah auch Delp kritisch, obgleich er Nietzsches bedingungsloser Diesseitigkeit als Katholik nicht zustimmen konnte. Aber dessen Kampfansage an die biedere, selbstgenügsame Bürgerlichkeit unterstützten er und Schweitzer. Gleich Nietzsche wandte sich auch Delp, wie er schrieb, …

„...gegen dieses verharmloste, verbürgerlichte Christentum, das seinen Bekennern tatsächlich oft nicht viel mehr war als eine Versicherungsanstalt für diesseitige und jenseitige Wohlfahrt.“

(aus: Alfred Delp: Tragische Existenz, 1935)

Albert Schweitzer kam mit Nietzsches Schriften als 18-jähriger zu Beginn seines Studiums der Theologie und Philosophie in Berührung. Ihn fesselte das vitale, kraftvolle Element, das Nietzsche dem Menschen und dem Leben zuschrieb. Es stand im Gegensatz zu einer Welt, die als alt empfunden wurde, als erschlafft und flach, mit wenig Anspruch, in dem die Menschen drohten, gesichtslos in der Masse aufzugehen.

Nietzsche hingegen trat für den Wert und die Kraft des Einzelnen ein. Noch 1915, weit nach seiner Studentenzeit, als er schon im Hospital in Afrika tätig war, hob Schweitzer dies in seiner Schrift "Wir Epigonen" hervor:

„Der Individualismus, soweit er nicht in Phrase besteht, erkennt die Gefahr, die dem Einzelnen von der ihn absorbierenden Kollektivität droht. Das Große an Nietzsche ist, daß er die

Zusammengehörigkeit von Sittlichkeit und Persönlichkeit in einer Zeit proklamierte, die jedes Bewußtsein davon verloren hatte.“

(aus: Albert Schweitzer: Wir Epigonen, 1915)                                      

Diese Zusammengehörigkeit, behauptete Nietzsche, lasse sich nicht länger erlangen unter Bezug auf philosophische oder theologische Systeme, in die der Mensch eingeordnet wird. Das ethisch Richtige geschehe auch nicht nur aus rationalem Kalkül, aus Nützlichkeitserwägungen oder als Pflicht.

Das sah Schweitzer ähnlich wie Nietzsche. Wie dieser nahm er die Natur des Menschen zum Ausgangspunkt für die Verbindung von Persönlichkeit und Ethik. Und die, auch hierin stimmten sie überein, ist durch den Willen bestimmt; verstanden als universales Phänomen der Lebendigkeit, die sich im Menschen als Wille zum Leben äußert.

Darin lag für Nietzsche eine grundlegende Welt- und Lebensbejahung, der Schweitzer zustimmte. Die war für beide auch die Grundlage der Ethik. Ethik also nicht als Verzichtshaltung, als Rückzug aus der Welt, sondern als Lebensförderung und Welteinsatz.

Nietzsche und Schweitzer: Was sie trennt und eint

Ihr Ziel für Nietzsche wie für Schweitzer: die Verwirklichung der Natur des Menschen als Vollendung der individuellen Persönlichkeit. Soweit stimmten sie überein, nicht aber in dem, was sie daraus folgerten. Nietzsche erstrebte die Intensivierung des Lebens auf der Basis des Willens zur Macht. Dabei steht dem Stärkeren als dem Lebensvolleren anderes Leben im Weg.

Für Schweitzer hingegen gipfelte die Lebensbejahung in der Berücksichtigung des Lebenswillens aller übrigen Lebewesen. Die Persönlichkeit und das eigene Leben vollenden sich in der Förderung anderen Lebens. Das ist es, was er die "Ehrfurcht vor dem Leben" nannte.

Was Nietzsche und Schweitzer teilten, war nur der Ausgangspunkt. Den formuliert zu haben, machte Nietzsche in Schweitzers Augen zu einem der großen ethischen Denker, ebenbürtig Sokrates und Kant. Für Albert Schweitzer war es Nietzsches Verdienst, erkannt zu haben, …

„…daß der ganze lebendige Mensch Gegenstand der Ethik ist.“

(aus: Albert Schweitzer: Wintersemester-Vorlesung zu: Die Ergebnisse der historisch-kritischen Theologie und der Naturwissenschaft für die Wertung der Religion: 1911/1912)

Delp, Nietzsche und der Übermensch 

Neben Albert Schweitzer ließ sich auch ein weiterer bedeutender christlicher Denker von Nietzsche inspirieren. Der Jesuit Alfred Delp. Auch er machte sich Gedanken über die Natur des Menschen und über das Wesen des gläubigen Menschen. So in der Predigt zum dritten Advent 1944, verfasst in der Haftanstalt Tegel, wo er von den Nationalsozialisten wegen seiner Mitarbeit im "Kreisauer Kreis" gefangen gehalten wurde. Darin heißt es:

„Es gehört zum Wesen des Menschen, über sich hinaus zu müssen, sonst wird er ein geistiger

Bourgeois, dickblütig und stickig und schwerfällig und behäbig. (…) Wer nur Mensch und sonst nichts sein möchte und nicht mehr von sich weiß, als die menschlichen Alltäglichkeiten und alltäglichen Menschlichkeiten, der vegetiert bald nur noch als Untermensch.“

(aus: Alfred Delp: Predigt zum dritten Advent 1944, im Gefängnis geschrieben)

Delp will sagen: Wenn der Mensch sich auf das, was ihn gerade umgibt und angeht, reduziert, liefert er sich allen niederen Regungen in sich und auch allen niederen Einflüssen von außen aus. Er verfehlt seine Natur, die darin besteht, diese Begrenztheit zu überwinden.

Delp nimmt hier deutlich Bezug auf Nietzsches Übermensch. Er meint aber nicht dessen brutale Anmaßung, sondern eine Grundanlage des Menschen. Selbst, wenn sie ihm nicht bewusst ist. 

Den Christen aber ist das Streben über sich hinaus aufgetragen. Sie sind wesensmäßig Unbehauste, von einem Durst, einer Sehnsucht Erfüllte – gerichtet auf etwas, das sie und das gewöhnliche Leben übersteigt: auf die Ordnung, die Gott der Welt gibt und auf die Begegnung mit ihm. Diese zu ihnen gehörende und von ihnen geforderte Differenz bedeutet auch Freiheit und verlangt unter Umständen, für diese Freiheit einzustehen.

Was dem Menschen widerfahren kann, wenn er die Freiheit preisgibt, das schildert Delp mahnend in seiner 1943 verfassten Schrift "Der Mensch und die Geschichte":

„Er gibt sich selbst damit aus der Hand und wird zum Objekt, zum Gegenstand, zur Nummer, zum Rohstoff fremder Entscheidungen und Ordnungen. Er versinkt ins Untermenschliche. (…)

Dann ist die Stunde gekommen, in der der Mensch die Geschichte nicht verraten, in der er ihr aber auch die Freiheit und Gottunmittelbarkeit seines Wesens nicht opfern darf, (…) auch um den Preis der persönlich-geschichtlichen Katastrophe.“

(aus: Alfred Delp: Der Mensch und die Geschichte)                                       

War Gott für Nietzsche wirklich gestorben?

Delp zahlte diesen Preis: Sein Leben endete am 2. Februar 1945, als er in Plötzensee von den Nationalsozialisten hingerichtet wurde. Er wurde so gezwungen, über sich hinaus zu gehen, die christliche Variante des Nietzsche-Gedankens unter Beweis zu stellen.

Das kleinbürgerliche, auf den eigenen Lebensradius fixierte Christentum hatte er da längst hinter sich gelassen. Diese Art von Christsein war es seiner Meinung nach, die Nietzsches Hass und Spott ausgelöst hatte. Dafür hatte er Verständnis, wandte aber ein:

„Er übersteigert seine Reaktion so sehr, daß er alle heroischen Haltungen und Forderungen, die zu einem echten Christentum gehören, übersieht und in maßloser Überheblichkeit jede Transzendenz, jeden Sinn über die Erde hinaus wegwischt.“

(aus: Alfred Delp: Tragische Existenz)                                       

Alfred Delp schaute eher kühl-analytisch auf Nietzsche. Er wollte ermitteln, inwieweit diese nötigen und nützlichen Provokationen lieferte, die die Christen an verschüttete elementare Grundzüge ihres Glaubens- und Lebensvollzugs erinnerten. Aber er hatte durchaus Mitgefühl mit dem Schicksal des Philosophen.

Nietzsches Text "Die Klage der Ariadne" las Delp als Ausdruck der Qualen, die Nietzsche aus seinem Kampf gegen das Christentum erstanden waren. Und beinahe scheint es, als sei sich Nietzsche doch nicht restlos sicher gewesen, dass Gott tot ist, wenn der Philosoph in seinem Text Ariadne, vom Gott Dionysos verlassen, flehen lässt:

„Komm zurück!

Mit allen deinen Martern!

All meine Tränen laufen

zu dir den Lauf!

und meine letzte Herzensflamme

dir glüht sie auf!

Oh, komm zurück,

mein unbekannter Gott! mein Schmerz!

mein letztes Glück!“

(aus: Friedrich Nietzsche: Die Klage der Ariadne)

Gegen ein selbstgenügsames Christentum

Albert Schweitzer war als Student so fasziniert von Nietzsche, dass er ihm auch äußerlich ähnelte: mit Haartracht, Schnurrbart, Stehkragen und dem strengen Blick. Später nahm er zunehmend Abstand von ihm und konstatierte schließlich leicht ironisch:

„Der Trank, den Nietzsche bietet, besteht nur aus Schaum. Groß ist er im Fragen. (…) Als Beantworter seiner Frage aber ist er klein.“

(aus: Albert Schweitzer: unveröffentlichtes Manuskript zur Kulturphilosophie)

Die Antworten mussten Albert Schweitzer und Alfred Delp selbst finden. Was sie auf jeden Fall mit Nietzsche verband, war die Ablehnung eines selbstgenügsamen kleinbürgerlichen Christentums. Sie hätten es wohl nicht ganz so scharf formuliert, aber es könnte sie durchaus amüsiert haben, was Nietzsche über den Alltagschrist seiner Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts schrieb:

„Wenn das Christentum mit seinen Sätzen vom rächenden Gotte, der allgemeinen Sündhaftigkeit, der Gnadenwahl und der Gefahr einer ewigen Verdammnis recht hätte, so wäre es ein Zeichen von Schwachsinn und Charakterlosigkeit, nicht Priester, Apostel oder Einsiedler zu werden und mit Furcht und Zittern einzig am eignen Heile zu arbeiten; es wäre unsinnig, den ewigen Vorteil gegen die zeitliche Bequemlichkeit so aus dem Auge zu lassen. Vorausgesetzt, daß überhaupt geglaubt wird, so ist der Alltags-Christ eine erbärmliche Figur.“

(aus: Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, Erster Band: Das religiöse Leben, 116)

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Mozart – Requiem 1. Introitus

Mozart – Requiem 3. Sequentia. Rex Tremendae

Mozart – Requiem 3. Sequentia. Lacrimosa

Mozart – Requiem 3. Sequentia. Dies Irae


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Dieser Beitrag wurde am 23.08.2020 gesendet.


Über den Autor Gunnar Lammert-Türk

Gunnar Lammert-Türk (Jahrgang 1959) ist freischaffender Journalist und Autor. Er wurde in Leipzig geboren und studierte Germanistik und Evangelische Theologie in Berlin. Nach dem Studium organisierte er Projekte einer Arbeitsfördergesellschaft, die aussortierte Technik für Hilfsprojekte in Osteuropa und der Dritten Welt regenerierte. Es folgte die Leitung einer Beratungsstelle für Russlanddeutsche. Darauf war er Autor und Redakteur in der Medienfirma Greenlight. Seit 2003 ist er als freier Journalist und Autor tätig. Von 2004 bis 2007 führte er mit einem Musiker und einem Zauberer Musiktheatershows für Kinder auf. Er verfasst Rundfunkbeiträge, schreibt Texte für Audioführer und Kinderlieder. Veröffentlichungen im Boje Verlag, Schneider Verlag, Xenos Verlag und im Deutschen Theater Verlag. Kontaktg.lammert.tuerk@gmail.com

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