Wort zum Tage, 05.08.2020

von Joachim Opahle, Berlin

Hafen und Horizont

Bei meinem letzten Urlaub in Spanien habe ich einen kleinen Küstenort besucht. Ich habe mich dort lange in einer Hafenkneipe aufgehalten und dabei den Fischern zugesehen, wie sie ihre Bote zur Ausfahrt vorbereiteten.

Ich habe mich gefragt, warum Häfen bei Urlaubern so beliebt sind. In den Katalogen und Hotelprospekten werden sie beschrieben als romantische Orte, in denen Einheimische noch ihrem beschaulichen Handwerk nachgehen, wo Yachten an Kaimauern festgemacht sind und deren Besitzer zum Sehen und Gesehen-Werden einladen.

Der Hafen ist ein Sehnsuchtsort der Seele. Ähnlich wie der Leuchtturm steht er für Heimkommen, für Geborgenheit und Sicherheit. Hier kann man sich festmachen, den Anker werfen. So wie jedes Boot und jedes Schiff einen Heimathafen hat, so wünschen auch wir uns eine Heimstätte für die Seele, einen Ort der Ruhe, wo wir ganz wir selber sein können. 

Aber es ist paradox. Denn zugleich spüren wir ja auch einen Wunsch nach Aufbruch. Immer nur im Hafen liegen ist ja langweilig. Immer lockt zugleich der Horizont. Denn auch er trägt eine Verheißung in sich. Er ist fern und weit - und links und rechts ohne Ende, je weiter wir rausfahren.

Wir sehen nicht, was sich dahinter verbirgt, aber wir ahnen, dass da noch etwas ist, noch etwas sein müsste. Denn dass hinter dem Horizont nichts mehr sein soll, das scheint ganz und gar nicht plausibel.

Deshalb übt der Horizont eine magische Anziehungskraft aus. Er ermuntert dazu, aufzubrechen zu neuen Ufern, zu erkunden, was wir noch nicht kennen.

So ist der Horizont ein Bild für den Glauben. Denn auch hier geht es darum, eine schwer erklärliche Sehnsucht nach mehr zu befriedigen, nach dem Dahinter der Dinge.

Im Grunde wollen wir beides: einen geistigen Hafen, in dem wir Zuhause sind, und einen Horizont, der von Ferne her lockt und daran erinnert, von Zeit zu Zeit den Anker zu lichten und rauszufahren. Weil wir ahnen, dass es vielleicht noch mehr geben könnte, als unsere Augen im Moment wahrnehmen. Und weil wir es dann auch ergründen wollen.

Glauben meint beides: den suchenden Aufbruch und die Zusage Gottes, dass wir in ihm zu Hause sind - wie in einem schützenden Hafen.


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Dieser Beitrag wurde am 05.08.2020 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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