Wort zum Tage, 03.08.2020

von Joachim Opahle, Berlin

Kintsugi

Wenn eine wertvolle Tasse zu Boden fällt und zerspringt, werden wir das zwar bedauern. Aber dann werden wir die Scherben zusammenfegen und wegwerfen.

In Japan hat man dazu eine andere Idee. Dort gibt es die Tradition des Kintsugi. Der Begriff ist zusammengesetzt aus den Wörtern „Gold“ und „zusammenfügen“.

Wenn ein schöner Teller oder eine alte Tasse zerspringen, versucht man, die Teile wieder zusammenzukleben mit einem speziellen goldenen Lack. Und zwar so, dass man die Risse hinterher sehen kann. Hinter diesem speziellen Recycling steckt ein ästhetisches Prinzip, das zugleich eine wunderbare Lebensauffassung ist.

Es geht um die Wertschätzung von Fehlerhaftem. Zerbrochenes wird nicht als schadhaft abgewertet. Es ist vielmehr erhaltenswert und gerade weil es schadhaft ist besonders kostbar. Die Goldverbindung, die zwischen den zusammengefügten Teilen sichtbar ist, macht eine zerbrochene Tasse umso interessanter, weil sie den vermeintlichen Makel geradezu hervorhebt.

So wird der Schaden zu einem sichtbaren Teil der Geschichte der Tasse. Erst dadurch wird sie eigentlich wertvoll. Ironischerweise zählen heute einige der in dieser Tradition zusammengefügten tönernen Tassen und Teller zu den teuersten Dingen, die man in Japan kaufen kann.

Japanische Zen-Meister haben betont, dass ein Makel für die vollkommene Wertschätzung notwendig ist. Und zwar deshalb, weil der Mensch um seine eigene Unvollkommenheit weiß und deshalb vom hundertprozentig Perfekten eher abgestoßen wird.

Was ohne Makel ist, das kann irgendwie nicht echt sein. Deswegen vielleicht bezeichnen wir auch das als Kitsch, was zu perfekt oder zu glänzend oder zu naiv daherkommt.

Man muss nicht gleich zum Zen-Buddhisten werden, um die Tradition des Zusammenfügens von Zerbrochenem gut zu finden. Aber, ich meine, sie weist uns auf etwas Wichtiges hin: Brüche gehören dazu – sie machen unser Leben erst echt.

Oder besser gesagt: Wir werden umso mehr zum Menschen, wie es uns gelingt, unsere zerbrochenen Beziehungen immer und immer wieder zu kitten.

Umso schöner ist es dann, wenn die Klebestellen golden schimmern – und so darauf hinweisen, dass Versöhnung etwas sehr Kostbares ist.


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Dieser Beitrag wurde am 03.08.2020 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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