Wort zum Tage, 06.08.2020

von Joachim Opahle, Berlin

Hiroshima

In Japan ist es sehr beliebt, aus Papier kleine Figuren zu falten. Origami heißt diese Technik. Ein Blatt Papier wird durch kunstvolle Faltungen so lange bearbeitet, bis ein kleiner Vogel entstanden ist. Diese Origami-Vögel sind schön anzusehen; man kann sie beispielsweise als Mobile aufhängen.

In Hiroshima, wo am heutigen 6. August vor 75 Jahren gegen 8.15 Uhr die erste Atombombe fiel und von einer Sekunde auf die andere mehr als 100.000 Menschenleben ausgelöscht wurden, dort haben die Origami-Vögel eine wichtige Bedeutung.

Sie stehen für die Erinnerung an die Opfer. Sie sind bei den Angehörigen nicht vergessen. Am Jahrestag des Atombombenabwurfs verwandeln sich die Seelen der Toten in einen weißen Origami-Vogel und, nachdem sie vorsichtig in den Fluss gesetzt wurden, trägt das Wasser sie davon. So wurden die Origami-Kraniche weltweit zu einem Symbol der internationalen Friedensbewegung und des Widerstands gegen den Atomkrieg.

Diese Art der Erinnerung an die Verstorbenen ist sehr japanisch. Wie fast bei allen Völkern in Asien ist ihre Spiritualität vor allem in bestimmten individuellen Riten lebendig. An Neujahr zum Beispiel suchen die Menschen wie selbstverständlich den Shinto-Schrein in der Nähe auf und beten dort. Für die Angehörigen, für Glück und Gesundheit.

Für mich als Christ ist beim Nachdenken über die Toten noch etwas anderes wichtig: die Hoffnung, dass die Verstorbenen nicht einfach weg sind, sondern dass sie weiterleben, ja dass sie auch im Tod noch aufgehoben sind bei Gott.

Wie leicht kommt uns bei einer Beerdigung die liturgische Formel über die Lippen: Herr, gib ihr die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihr!

Wer hat sich als Kleinkind nicht davor gefürchtet, als das Dunkel auch für das Allein-Sein oder das Vergessen sein stand. Das Licht steht für das Gegenteil, und in diesem christlichen Gebet für die Hoffnung, dass der Tod eben nicht das Hinabsinken in eine Dunkelheit ist, in das Nichts.

Das ewige Licht ist ein Bildwort für die Hoffnung, dass wir nach dem Tod nicht alleine sind. Der unser Leben gewollt hat, er wird es auch bewahren im irdischen Tod. Am heutigen Gedenktag in Hiroshima gilt diese Hoffnung gerade auch für die unzähligen Opfer der Kriege, die heute schon längst vergessen sind.


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Dieser Beitrag wurde am 06.08.2020 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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