Wort zum Tage, 04.08.2020

von Joachim Opahle, Berlin

Drei Äffchen aus Nikko

Dutzende von Äffchen klettern am Dachfirst um das Haus. Sie tollen umher und streiten sich, einer wendet sich ab und schaut traurig, während ein anderer ihn tröstet. Die Äffchen sind aus Holz; kunstvolle Schnitzereien an einem Shinto-Schrein, einer religiösen Stätte in Japan. Und sie dürften zu den weltweit meist fotografierten Motiven gehören.

Vor allem die sogenannten „Drei weisen Äffchen“ sind sehr berühmt. Nebeneinandersitzend schauen sie auf die Passanten nieder; einer hält sich die Hände vor die Augen, der zweite vor die Ohren, der dritte vor den Mund: Nichts Böses sehen, nichts Böses hören, nichts Böses sagen – so lautet ihre Botschaft. Die ist weltweit populär und wird interessanterweise ganz unterschiedlich interpretiert.

In der alten chinesischen Legende, die im achten Jahrhundert nach Japan gelangte, hielt man die Äffchen für eine Art Seelenwächter im Menschen. Alle 60 Tage verlassen sie den schlafenden Körper bei Nacht, um der himmlischen Gottheit Bericht zu erstatten über die bösen Taten eines Menschen.

Man erzählt sich, dass manche Leute mit schlechtem Gewissen verzweifelt versuchen würden, in diesen Nächten nicht einzuschlafen, um die drei Äffchen am Verlassen des Körpers und an der Berichterstattung vor dem himmlischen Richter zu hindern.

Nichts Böses sehen, hören und sagen: Das ist im Verständnis der japanischen Shinto-Religion eine freundliche Einladung, das Negative zu meiden. Man soll Übles nicht anschauen, nicht darauf hören und nicht schlecht über andere reden.

In der westlichen Welt hat sich diese ursprünglich positive und mahnende Bedeutung gewandelt. Hier wurde die Geste der drei Äffchen negativ verstanden; sie wurde zu einer bildhaften Anklage gegenüber Menschen, die ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, die bei Unrecht wegschauen oder bei Skandalen schweigen, anstatt mutig ihre Stimme zu erheben.

Es ist im Grunde egal, welcher Interpretation Sie den Vorzug geben. Die drei Äffchen am Shinto-Schrein in der Tempelstadt Nikko, unweit der japanischen Hauptstadt Tokio, bleiben freundliche „Moralapostel“, in denen viel Weisheit steckt: Sie erinnern uns daran, dass es Böses gibt. Und dass man es bekämpfen kann. Denn das Böse ist deswegen so mächtig, weil wir das Gute nicht tun.


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Dieser Beitrag wurde am 04.08.2020 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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