Wort zum Tage, 07.08.2020

von Joachim Opahle, Berlin

Beim Eremiten

Unendlich viele Serpentinen hat die kleine Straße an der spanischen Küste, die hinauf in die Berge führt. Steil ist der Anstieg, schroff die Felsen links und rechts. Kiefern und Olivenbäume säumen die Wege. Kaum jemand ist zu sehen. Mir kommt es vor, als wäre ich allein hier.

Ich bin unterwegs zu einem Einsiedler. Gut, der alte Mönch lebt längst nicht mehr, aber seine Einsiedelei ist noch da. Eine kleine Kapelle mit Nebengebäude. Der Putz blättert, alles sieht etwas verlassen aus. Aber die Kirche mit ihren dicken Mauern ist offen. Innen kaum Schmuck, nichts was die Augen besonders fesseln könnte. Nur eines ist hier unüberhörbar: die Stille. Eine Stille, wie man sie nur selten finden kann.

Ich habe länger in der Kirche gesessen und an alle möglichen Leute gedacht, die mir etwas bedeuten und mit denen ich in den zurückliegenden Wochen zu tun hatte. Und ich habe mir den Einsiedler vorgestellt, wie er hier tagaus tagein gesessen hat. Hat er die ganze Zeit gebetet? Oder etwas zu Papier gebracht? Hat er Selbstgespräche geführt? Hatte er wirklich mit niemandem Kontakt? Nicht mal mit einem Kanarienvogel? 

Einsiedler, die aus religiöser Motivation heraus alleine leben wollen, gibt es auch heute noch. Zum Beispiel in dem kleinen Ort Lindow, nordwestlich von Berlin, wohnt einer. Ein katholischer Priester. Er lebt allerdings nicht völlig abgeschottet. Sonntags um 10 hält er in der kleinen Kapelle einen Gottesdienst. Auch unter der Woche gibt es Andachten, zu denen sich immer wieder Gäste einfinden.

Eremiten sind etwas Besonderes: Abgekehrt vom Getriebe der Welt widmen sie sich den Dingen hinter der sichtbaren Welt. Zugleich geht von ihnen eine Faszination aus, vielleicht weil wir meinen, sie sind irgendwie näher dran am Himmel und an all den religiösen Dingen. Und: Einsiedler sind als Ratgeber gefragt, weil sie uneitel sind und nicht den eigenen Vorteil suchen. 

Während ich in der Kapelle des Einsiedlers meinen Gedanken nachhing, habe ich mich gefragt, ob ich auch das Zeug zum Alleinleben hätte. Die mich kennen, sagen eher nein. Aber interessant finde ich einen solchen asketischen Lebensentwurf schon. Vielleicht weil ich ahne, dass der Einsiedler in seiner Stille Erfahrungen macht, die ich in meinem Alltagsbetrieb übersehe.

Während der Rückfahrt ist mir doch noch ein Geräusch aufgefallen: Zikaden haben gezirpt und ein südliches Flair verbreitet. Ganz allein war der Einsiedler eben doch nicht.


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Dieser Beitrag wurde am 07.08.2020 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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