Wort zum Tage, 08.08.2020

von Joachim Opahle, Berlin

Nur Hände waschen?

„Die Leute, die jetzt schon wieder in die Kirche rennen wollen, sollten lieber die Hände waschen, als die Hände zum Gebet falten….“

Ruft mein Nachbar über den Gartenzaun. Er provoziert mich gern ein wenig, aber er meint es nicht so böse wie es vielleicht klingt. Und: Vielleicht hat er ja auch nicht ganz unrecht. Es gab ja Gottesdienste, die sich im Nachhinein als besondere Corona-Infektionsquellen erwiesen haben.

Etwas Wahres ist auch dran, dass es Gläubige gibt, die keine Lust auf besondere Hygienemaßnahmen haben; die sich für unsterblich halten und dazu neigen, Warnungen in den Wind zu schlagen.

Was ich aber ganz falsch finde, ist der Gegensatz zwischen Beten und Hygiene, als schließe das Eine das Andere aus. Immerhin ist ja in den zurückliegenden Monaten mehr als deutlich geworden, dass der Mensch weder vom Brot allein, noch von den Hygienevorschriften allein leben kann.

Wie seit Jahrzehnten nicht, sind wir alle plötzlich und weltweit wieder mit sehr ernsten und existentiellen Fragen konfrontiert worden: Wie belastend kann sich die räumliche Distanzvorschrift auswirken? Wie bedrückend ist eine drohende Vereinsamung, wenn nicht mal enge Angehörige zu Besuch kommen können, selbst wenn wir sterbenskrank darniederliegen. Und es gab sogar Diskussionen darüber, wer im Krisenfall sterben soll und wer leben darf, falls die Beatmungsmaschinen nicht ausreichen.

Wie reagieren wir seelisch auf diese unsichtbare, aber doch bedrohliche Gefahr für die Gesundheit? Wie nahe ist uns der Tod? Und wie gehen wir mit ihm um?

Es ist nicht einfach, in schwierigen Zeiten aufrichtende Worte und Quellen der Hoffnung zu finden, die nichts dramatisieren und nichts beschönigen. Deswegen ist aber beten für mich nicht sinnlos, sondern im Gegenteil wichtig.

Manche sprechen davon, dass sie Alltagsbegegnungen jetzt viel bewusster erleben als vorher und dass sie dankbarer geworden sind. Wer klug ist, wird aus der Corona-Krise lernen. Zum Beispiel, dass Berufe im Pflegebereich nicht nur systemrelevant sind, sondern lebensrelevant.

Wer gläubig ist, wird darüber hinaus seine Ängste und Hoffnungen im Gebet vor Gott tragen und um Einsicht, Rat und Stärke bitten.

Also: Hände falten oder Hände waschen? Die Antwort kann nur lauten: Beides tun, denn so ergänzen sich Weltklugheit und religiöse Zuversicht.


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Dieser Beitrag wurde am 08.08.2020 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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