18. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Elisabeth auf Amrum

Predigt von Pastor Dieter Lankes

Liebe Schwestern und Brüder,

wie naiv ist dieser Jesus eigentlich?

„Gebt ihr ihnen zu essen!“

– so die Parole des heutigen Evangeliums. Es handelt sich da nicht mal eben um eine Hand voll unverhoffte Gäste, die plötzlich vor der Tür stehen und ich mit Schrecken feststellen muss, dass der Kühlschrank mal wieder nicht viel zu bieten hat, nein: von 5.000 Männern ist die Rede, Frauen und Kinder gar nicht mitgezählt. Und für diese große Zahl stehen gerade mal fünf Brote und zwei Fische zur Verfügung. Am Ende ist der Hunger gestillt und die Reste füllen zwölf Körbe.

„Gebt ihr ihnen zu essen!“

Das sagt Jesus heute auch uns. Freilich müssen wir es auch im übertragenen Sinne verstehen. Wir wissen alle, dass es neben dem leiblichen Hunger auch einen großen seelischen Hunger gibt. Ich wehre mich aber dagegen, immer gleich die Augen vor der konkreten Not zu verschließen und die Geschichte im übertragenen Sinne zu deuten.

Wie können wir die Geschichte von der Speisung der 5.000 auf die Situation übertragen, in der die Menschheitsfamilie heute steht? Weltweit sind 800 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht. Mehr als zwei Milliarden Menschen leiden unter Mangelernährung und ihren Folgen: verminderte Leistungsfähigkeit, verringerte Widerstandskraft gegen Krankheiten, langfristig schwere körperliche und geistige Schäden.

Dabei werden weltweit eigentlich genug Nahrungsmittel produziert, um alle Menschen satt zu machen. Die traurige Wirklichkeit aber ist, dass weltweit jährlich 1,3 Milliarden Tonnen Nahrungsgüter weggeworfen werden.

„Gebt ihr ihnen zu essen!“

Viele sagen: Was kann ich denn bewirken, wenn ich mich entschließe zu teilen, während andere den Welthunger ignorieren und nur an sich denken? Was ich gebe, ist doch allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein.

Liebe Schwestern und Brüder, da sind wir ganz nah am heutigen Evangelium.

„Gebt ihr ihnen zu essen!“

Mit diesen Worten lenkt Jesus den Blick seiner Jünger auf ihre eigenen Ressourcen. Wenn er sie auffordert, selbst den Leuten zu essen zu geben, höre ich mit:

„Ihr habt selbst etwas zu bieten, ihr selbst seid dazu fähig.“

Er spricht ihnen damit Kompetenz zu, und fordert sie gleichzeitig auf, diese auch zu nutzen.

Und tatsächlich fangen die Jünger an, ihre eigenen Möglichkeiten wahrzunehmen und auszuloten – wenn auch mit dem Ergebnis, dass das, was sie haben, nicht reicht:

„Wir haben nur fünf Brot und zwei Fische bei uns.“

„Nur“ – d.h. sie trauen dem nicht, was sie beitragen können. Was ja auch nur zu verständlich ist angesichts der großen, ja unmöglich erscheinenden Aufgabe, die sich ihnen stellt. So viele Menschen müssen ja schließlich gesättigt werden.

Dieses Gefühl, dass das, was ich zu bieten habe, nicht reicht, ja nicht einmal der Rede wert ist, kennen wir selbst doch nur allzu gut. Wie oft denken Menschen, denken wir auch heute:

„Ich kann es nicht“.

„Ich schaff es nicht“.

„Das, was ich beizutragen habe, ist nichts wert und lächerlich wenig“.

So über sich selbst zu sprechen zeugt von wenig Selbstvertrauen. Die Folge ist dann, Verantwortung von sich wegzuschieben.

Doch das lässt Jesus nicht zu.

„Gebt ihr ihnen zu essen!“

Setzt euch ein, überlegt euch Lösungen, packt mit an. Teilt und teilt aus! Nicht nur Brot und Fisch, nicht nur Geld und Ressourcen kann man teilen – auch Ideen und Talente, auch mich selbst als Person kann ich einbringen. Was ich bin und was mich ausmacht, kann ich in den Dienst der Gemeinschaft stellen.

Und was macht Jesus? Er nimmt die Gaben, schaut zum Himmel hinauf und spricht den Lobpreis. Damit weitet er den Blick der Jünger erneut. Hat er sie zuerst zu sich selbst zurückgebracht, so lehrt er sie nun, den „Blick nach oben“ zu tun und Gott seinen Teil an dem ganzen Geschehen zuzutrauen und zu hoffen, ja, damit zu rechnen, dass er das dazu gibt, was ich mit meinen menschlichen und begrenzten Möglichkeiten nicht machen kann.

Zwei Botschaften hat Jesus den Jüngern damit vermittelt, liebe Schwestern und Brüder: Die erste:

„Du hast mehr zu geben, als du glaubst!“

Die zweite:

„Du musst nicht alles selbst vollbringen. Du darfst auch Gott einen Teil überlassen.“

Dann bricht Jesus die Brote und gibt die Gabe, die sie ihm anvertraut haben, gewandelt zurück. Wahrgenommen, wertgeschätzt und gesegnet. Es ist immer noch das Wenige, das sie meinten teilen zu können und nicht der Rede wert schien, es aus der Hand zu geben. Aber jetzt wissen sie, dass es wertvoll ist und sie werden sogar sehen, dass es mehr als genug ist. Wenn wir teilen, muss keiner hungern.

Und Jesus hat es ja gebrochen und durchscheinend gemacht auf eine größere Wirklichkeit, auf Gott hin. Nun entfaltet es, weil es geteilt und an viele weitergegeben wird, seinen letzten, tiefen Sinn. Es macht satt und reicht für viele.

Also, haben wir Mut und geben wir ihnen zu essen!

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 02.08.2020 gesendet.





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