Am Sonntagmorgen, 26.07.2020

von Ulrich Nersinger, Eschweiler

Darf man ein Pontifikat „ad acta“ legen? Die Erkenntnisse zu Pius XII. im Archiv des Vatikans

Papst Pius XII. und die Schuldfrage: Warum schwieg der Papst so lange zu den Morden an den Juden in Nazi-Deutschland? Oder konnte er so gar Schlimmeres verhindern?

© Eleonora Patricola / Unsplash

„Papst Pius XII. ist gestorben. Der geachtetste und verehrteste Mensch dieses Jahrhunderts und einer der größten Päpste der Kirche, ist heute in die Ewigkeit eingegangen.“

Mit diesen Worten vermeldete Radio Vatikan am 9. Oktober 1958 gegen 4.00 Uhr in der Früh den Tod von Pius XII., der seit 1939 das Oberhaupt der Katholischen Kirche war. In der Ewigen Stadt spricht das beim Hl. Stuhl akkreditierte Diplomatische Korps dem Kardinalskollegium seine Anteilnahme aus und bezeichnet Papst Pius XII. als den,

„…den wir als den Größten unserer Zeitgenossen verehren und schätzen.“[1]

Die Trauer ist groß. Beileidsbekundungen treffen aus aller Welt ein.
Auch aus Israel. Von dort schreibt Außenministerin Golda Meir diese Zeilen an den Vatikan:

„Als während der zehn Jahre des nationalsozialistischen Terrors das furchtbarste Martyrium unser Volk traf, da hat sich die Stimme dieses Papstes zugunsten der Opfer erhoben.“[2]

Noch am Todestag Pius’ XII. bekennt der damalige Oberrabbiner von Jerusalem, Isaak Herzog, er beweine den Tod dieses Papstes.

Der Papst, der die Nazis unterstützte?

Worte, die aus heutiger Sicht verwundern dürften. Pius XII. – war das nicht der Papst, der schwieg angesichts der Gräueltaten der Nationalsozialisten? Der passiv blieb und seine Stimme nicht erhob im Hinblick auf die Judenverfolgung?

Das ist heute, über 60 Jahre nach dem Tod Pius XII., die wohl am häufigsten geäußerte Meinung zum Pontifikat dieses Papstes. Von der durchweg positiven Sicht auf das Leben und Wirken Pius XII., wie sie 1958 bestand, scheint jedenfalls wenig geblieben. Die Wende ereignete sich gut fünf Jahre nach dem Ableben des Pontifex.

Im Februar 1963 führt ein Berliner Theater, die „Freie Volksbühne“, ein Stück des Schriftstellers Rolf Hochhuth auf. Das Schauspiel „Der Stellvertreter“ thematisiert das Verhalten Pius’ XII. zum Schicksal des jüdischen Volkes im II. Weltkrieg. Es wirft provokant die Frage auf: Warum schwieg der Papst zu den Judendeportationen? Folgte der Stellvertreter Gottes auf Erden etwa einem politischen Kalkül? Gab er diplomatischen Erwägungen den Vorrang?

Durch das Theaterstück wurde der kürzlich verstorbene Hochhuth weltberühmt. Das Drama löste heftige Kontroversen aus. Manche behaupteten, Kräfte aus dem kommunistischen Ost-Europa hätten am Stück mitgewirkt. Ein ehemaliger Securitate-General, der Rumäne Ion Mihai Pacepa, wird später angeben, östliche Geheimdienste, allen voran der KGB, hätten Hochhuth instrumentalisiert.

Dennoch: Das Theaterstück wurde ein Erfolg, später auch verfilmt. Die Nachwirkungen sind bis heute in die Gegenwart zu spüren. In weiten Teilen der jüdischen Welt hat sich die Bewertung Pius’ XII. gedreht. Und auch in der Katholischen Kirche gibt es Stimmen, die einer möglichen Seligsprechung dieses Papstes kritisch gegenüberstehen.

Was verraten die Vatikan-Archive?

Am 2. März 2020 öffnete der Vatikan nun seine Archive zum Pontifikat Pius XII. für die Forschung.

Es wird möglicherweise Einblicke darin geben, was genau Pius XII. zu welchem Zeitpunkt wusste. Wie hatte er auf eingehende Nachrichten reagiert? Gab es möglicherweise geheime Interventionen, übermittelte Protestnoten oder andere Handlungen über die vielfältigen diplomatischen Kanäle des Heiligen Stuhls? Oder hat Pius XII. tatsächlich bewusst Zurückhaltung geübt angesichts der Judenverfolgung und wenn ja, aus welchem Grund?

Eines kann man auch ohne die Öffnung der Archive schon heute sagen: Gänzlich geschwiegen hatte der Papst keinesfalls zum Rassenwahn der Nazis. In einer Radiobotschaft an Weihnachten 1942 beklagte er die Situation…

„…Hunderttausender von Menschen, die ohne eigene Schuld, nur wegen ihrer Nationalität oder Abstammung dem Tode oder Siechtum preisgegeben sind.“[3]

Auch wenn hier der klare Bezug zu Deportation und Vernichtung der Juden erkennbar ist – beim Namen nannte er sie nicht.

Stille Diplomatie?

Blieb Pius XII. in seinem öffentlichen Auftreten möglicherweise deshalb verhältnismäßig zurückhaltend, weil er nicht an den Erfolg von publikumswirksamen Verurteilungen gegen Nazideutschland glaubte? Viele Historiker vermuten genau das und verweisen dabei auf die kircheninterne Karriere Eugenio Pacellis, wie Pius XII. mit bürgerlichem Namen hieß.

Schon kurz nach seiner Priesterweihe schlug er die Laufbahn des Kirchendiplomaten ein, unterrichtete selbst an der Päpstlichen Diplomatenakademie und war 12 Jahre lang als Nuntius der Botschafter des Heiligen Stuhls in Deutschland. Pacelli war darum mit den Verhältnissen in Deutschland bestens vertraut und galt als ein exzellenter Diplomat. Handelte er als Papst im Verborgenen, da er annahm, auf diese Weise wirksamer handeln zu können?

Möglicherweise wurde ihm ein Hirtenbrief der niederländischen Bischöfe vom Juli 1942 zu einem Lehrstück, das ihm öffentliche Proteste von da an als zu großes und unverantwortliches Wagnis erschienen ließ.

Als die Deportation niederländischer Juden anstand, protestierten die katholischen Oberhirten damals von der Kanzel herab gegen dieses Verbrechen. Die braunen Machthaber reagierten umgehend und setzten eine ungeahnte Vernichtungsmaschinerie in Gang. Die Order des Befehlshabers der SS lautete:

„Den Haag, 20. Juli 1942: Betrifft: Evakuierung der christlich getauften Juden. Der Reichskommissar hat folgende Anordnung getroffen: ... Da die katholischen Bischöfe – ohne beteiligt zu sein – sich in Angelegenheiten gemischt haben, werden nunmehr die sämtlichen katholischen Juden noch in dieser Woche abgeschoben. Interventionen sollen nicht berücksichtigt werden. Gezeichnet: Dr. Harster.“[4]

Der hier verantwortlich genannte Wilhelm Harster wurde 1967 in München vor Gericht gestellt. Als er in Verhandlung gefragt wurde, was der eigentliche Grund für diese Todesbefehle gegen die katholi­schen Juden gewesen sei, antwortete er ohne Umschweife: Dies sei die Rache, die Vergeltung für das Verhalten der katholischen Bischöfe gewesen.

Der Papst wollte protestieren

Nicht wenige Experten behaupten, die Reaktion der Nazis auf die öffentliche Intervention der katholischen Bischöfe in den Niederlanden sei ein Schlüsselerlebnis für Pius XII. gewesen.

Auch diese folgende Episode deutet darauf hin: In der Nacht vom 15. zum 16. Oktober 1943 nimmt eine Spezialeinheit der SS in einer verdeckten Razzia über 1.300 Juden in der Stadt Rom fest. Als Pius XII. am Morgen danach von der nächtlichen Aktion erfuhr, ließ er den Botschafter des Deutschen Reiches beim Hl. Stuhl, Ernst von Weizsäcker, zu Kardinalstaatssekretär Maglione einbestellen. 

Als der Kardinal dem Gesandten klar machte, dass der Papst öffentlich Protest erheben wolle, beschwichtigt von Weizsäcker. Er werde in Berlin zu Gunsten der verhafteten Juden intervenieren – doch er warnt, auf keinen Fall, unter keinen Umständen, dürfe es zu einem offiziellen Protest kommen. Dann nämlich sei alles verloren. Letztendlich gelingt es, die Freilassung einer Reihe von Juden zu erwirken und jede weitere Deportation zu verhindern. Das Gros der verschleppten Juden aber wird aus den Vernichtungslagern nicht nach Rom zurückkehren.

Wie der Papst Juden rettete

Als Italien 1943 kapitulierte und die deutsche Wehrmacht Rom besetzt hatte, begann eine der dunkelsten Zeiten in der Geschichte der Ewigen Stadt. Luftangriffe, Versorgungsengpässe und politische Verfolgung prägten das tägliche Leben der Römer. Heute weiß man: Nur eine Institution bot Hoffnung und Hilfe: der Heilige Stuhl. Papst Pius XII. öffnete die vatikanischen Besitzungen und kirchlichen Häuser in Rom und ließ sie zu Zufluchtsstätten für Verfolgte werden: für Gegner des Regimes und Widerstandskämpfer. Aber im Besonderen für jüdische Mitbürger.[5]

Schätzungsweise 80 Prozent der in Rom lebenden Juden wurden auf diese Weise vor der Deportation bewahrt. Auch weit über die Ewige Stadt hinaus, erstreckte sich die Sorge um die Menschen mosaischen Glaubens. Der israelische Diplomat Pinchas Lapide hatte die Zahl der durch die Hilfe Pius XII. und seiner Kirche Geretteten aufgrund jüdischer Quellen auf „mindestens 700.000, wahrscheinlich aber 860.000 Juden“ geschätzt.

Das weiß man aus den Berichten von Überlebenden und Helfern, aber eben nicht nur aus Akten etwa des Vatikans: Weil solche Aktionen - wie viele andere - im Geheimen ablaufen mussten, um zum gewünschten Erfolg zu kommen. So weist beispielsweise der Historiker Andrea Riccardi darauf hin, dass aus Angst vor den Besatzern und ihren italienischen Helfershelfern des Regimes Mussolini galt, schriftliche Aufzeichnungen zu vermeiden. Der Chronist der Kamaldulensermönche von San Gregorio al Celio erzählte Riccardi:

„Es war die vom teutonischen Feind eingeführte und vom verhurten faschistisch-republikanischen Spionagetum unterstützte Herrschaft des Schreckens, die es verbot, irgendetwas niederzuschreiben, das bei einer Durchsuchung – die alles andere als unwahrscheinlich war – gefunden und unter Anklage gestellt werden konnte.“[6]

Was wäre gewesen wenn...

Nachdem 1963 Hochhuths Theaterstück erschien, wurde vor allem der Vorwurf gegen Pius XII. erhoben, er hätte geschwiegen und auf öffentlichkeitswirksame Proteste verzichtet. Die Debatte war entbrannt zu dem Zeitpunkt, als im Sommer 1963 ein neuer Papst gewählt wurde. Der Nachfolger Pius XII., Johannes XXIII., war nach knapp 5jährigem Pontifikat gestorben. 

An der Schwelle zum Eintritt ins Konklave ergriff Kardinal Montini, der Erzbischof von Mailand, die Feder und schrieb diese Zeilen an den Chefredakteur der in London erscheinenden katholischen Wochenzeitschrift „The Tablet“.

„Hätte Pius XII. das getan, was ihm Hochhuth vorwirft, nicht getan zu haben, wäre es zu solchen Repressalien und Ruinen gekommen, dass derselbe Hochhuth nach Kriegsende mit besserer historischer, politischer und moralischer Bewertung ein anderes Drama hätte schreiben können, ein viel realistischeres und interessanteres als jenes von ihm so brav und unglücklich in Szene gesetzte – nämlich das Drama des Stellvertreters, der aus politischem Exhibitionismus oder aus psychologischem Versehen die Schuld hätte, über die schon so sehr gequälte Welt noch größeres Unheil heraufbeschworen zu haben, nicht so sehr zu seinem eigenen als zum Schaden unzähliger unschuldiger Opfer“.[7]

Der Brief Kardinal Montinis trifft in der Redaktion des „Tablet“ am Freitag, den 21. Juni 1963, ein – eine Stunde nach der Wahl des Briefeschreibers zum Oberhaupt der katholischen Kirche, zu Papst Paul VI.

Vieles steht nicht in den Akten

„Quod non est in actis non est in mundo – Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt.“

Dieser alte Rechtsgrundsatz stammt aus der Antike und geht auf einen Ausspruch von Marcus Tullius Cicero zurück. Diese Maxime scheint der aktuellen Beschäftigung mit dem Pontifikat Papst Pius’ XII. ihren Stempel aufzudrücken.

Die Archive des Vatikans beherbergen ein gewaltiges Konvolut von Dokumenten zu dieser ereignisreichen Epoche der Kirchen- und Weltgeschichte.

Seit März können Historiker aus aller Welt nun unbegrenzt Einblick nehmen in die Akten zu Pius XII. Doch vermag das, was man „schwarz auf weiß“ besitzt, die ganze Dramatik und Wahrheit des Pontifikates von 1939 bis 1958 wiederzugeben, vor allem die Ereignisse des II. Weltkriegs?

Recherchen außerhalb der Archivbestände zeigen, dass durch die Umstände der Zeit vieles, das geschah, oft keinen Niederschlag auf Papier fand und damit „non est in actis“, nicht in den Akten anzutreffen ist. Von daher kann das Pontifikat Pius’ XII. nicht „ad acta“, zu den Akten, gelegt werden. Es lässt sich nicht auf das geschriebene Wort reduzieren.

Die Forschung wird Jahre dauern und dann, so vermuten viele Experten schon jetzt, die Causa im Fokus der Öffentlichkeit ein weiteres Kapitel aufschlagen – in der Wertung von Geschriebenem und Nichtgeschriebenem, in der Frage nach subjektiver und objektiver Wahrheit, im Abwägen der Verweigerung oder des Eingestehens politischer Opportunität.

Wer sich für Kriminalgeschichten interessiert, wird manchmal mit „cold cases“, ungelösten Fällen, konfrontiert. Ist der Fall des Pacelli-Papstes in der Gefahr, zu einem solchen „cold case“ zu werden? Oder kann ein ideologiefernes und innovatives Forschen dies verhindern?

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden.

Musik:

Daniel Hope – Fratres for violin, string orchestra and percussion

Daniel Hope – Spheres

Daniel Hope – Spheres

Daniel Hope – Echorus


[1] Ex Exterarum Civitatum Legatis apud Sanctam Sedem, in: AAS 50[1958], 799-800

[2] Zitiert in: Päpstliches Komitee für Geschichtswissenschaften (Hrsg.), Opus Iustitiae Pax – Eugenio Pacelli, 1876-1958, Regensburg 2009, 187

[3] Radiomessagio Con sempre nuova freschezza, 24 dicembre 1942, in: AAS 35[1943], 9-24

[4] Zitiert in: Kempner, R. M. W., Edith Stein und Anne Frank, Zwei von Zehntausend, Freiburg im Breisgau 1968, 92

[5] Hierzu: Nersinger, U., Dunkle Wolken über Rom. Pius XII. und die Ewige Stadt 1943-1944, Audio-CD, Verlag Petra Kehl 2010

[6] Riccardi, A., Der längste Winter. Die vergessene Geschichte der Juden im besetzten Rom, Darmstadt 2017, 321

[7] The Tablet, 217, 29 June 1963, 1


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Dieser Beitrag wurde am 26.07.2020 gesendet.


Über den Autor Ulrich Nersinger

Ulrich Nersinger, geb. 1957, studierte Theologie, Philosophie und Christliche Archäologie in Deutschland, Österreich und Rom. Er gilt als Kenner der Päpste und ihrer Welt / des Vatikans,  schreibt u.a. für den „Osservatore Romano“, den „Schweizergardisten“ sowie das „Vatican-Magazin“ und war auf EWTN und Bibel.TV in zahlreichen Sendungen zu römischen Themen zu sehen. Kontakt: u.nersinger@gmail.com

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