Morgenandacht, 31.07.2020

von Diözesaneremitin Maria-Anna Leenen, Ankum

Glauben

Für manche Menschen bedeutet der Glaube so etwas wie das Befolgen einer moralischen Hausordnung. Ich habe früher genauso gedacht. Gott, Kirche und Glaube waren völlig irrelevant für mich. Mit diesem Dingen war ich schnell fertig. Gott? Keine Ahnung, ob der existiert und wenn ja, ist es mir egal! Kirche? Uninteressant! Glaube? Nichts für mich!

Heute hat sich meine Sicht darauf um 180 Grad verändert. Unterschwellig beeinflusst hat mich seit meiner Jugend immer schon die Suche nach dem, was für mich und mein Leben wirklich wichtig sein könnte. Vieles, was Spaß machte oder sich zu lohnen schien, hatte allerdings meist ein eher geringes Haltbarkeitsdatum.

Die tiefe Erfahrung, diese blitzartige Erkenntnis, dass Gott existiert und mich persönlich meint, hat mich auf die Spur eines Geheimnisses gebracht. Dieses Geheimnis hinter allen Dingen, das Gott genannt wird. Mit diesem Geheimnis aber lebe ich seitdem und weiß: Damit bin ich noch lange nicht fertig. Obwohl meine Suche nach ihm und seinen Spuren in dieser Welt jetzt schon mehr als dreißig Jahre andauert.

Vielleicht ist das heute meine Interpretation von Glauben: offen zu sein für das, was hinter dem Vorläufigen auftauchen könnte; sensibel zu werden für die klagenden, traurigen Töne, die in den Worten meines Gesprächspartners mitklingen; wahrzunehmen, was unter der Oberfläche dieser Welt unglaublich, unfassbar, ungemein faszinierend vibriert, durchschimmert und mitschwingt und mich beständig lockt, tiefer zu schauen, feiner hinzuhören und intensiver zu spüren, was ist.

Ich lebe seit jetzt 25 Jahren als Einsiedlerin. Ich empfinde es als ein Privileg, so in der Stille leben zu dürfen. Aber es ist noch mehr. Es ist zugleich auch eine Verpflichtung und die starke Herausforderung, sich dem zu stellen, was in der Stille laut werden will.

Für viele scheint sich im Leben einer Einsiedlerin nicht viel Anziehendes zu tun. Immer nur beten und arbeiten und das allein – für viele Menschen nützt da auch die manchmal schöne Landschaft nichts, in der sehr oft eine Einsiedelei steht. Für diese Menschen ist mein Leben unattraktiv, ja sogar sinnlos. Oder sie stellen sich das Leben einer Einsiedlerin oder eines Einsiedlers vor als eine Art von Kuschelecke mit dem lieben Gott.

Endlich Zeit für die Stille, für Entlastung von einem stressigen Alltag und für frommes Gebet. Aber dieses Geheimnis, das Gott genannt werden darf und muss, ist viel mehr. Es ist das größte Abenteuer meines Lebens. Es ist wie ein Fundament, auf dem ich fest stehen kann. Es ist wie ein Lebenselixier, das mir Kraft und Durchhaltevermögen gibt für alle Situationen. Es ist wie der Sauerstoff in der Luft, die uns umgibt und ohne den kein Mensch existieren kann.

Es ist der Sinn hinter allem Tun, aller Arbeit, aller Erholung und auch aller Kommunikation mit den Menschen. Und genauso ist es der Hintergrund aller Freude an dem, was mich umgibt: an Menschen, Tieren, an der ganzen Schöpfung, an diesem Planeten, den ich mit so vielen Menschen bewohnen und gestalten darf.

Es ist ein unendliches Geheimnis, dass bei allem sich darauf-einlassen immer Geheimnis bleibt. In der Stille meiner Einsiedelei wird es immer wieder laut, dieses Geheimnis, dieses Rufen und Locken, diese Herausforderung, nicht nachzulassen. Danach zu suchen, die Spuren dieses Geheimnisses in der Welt, in den Menschen, in der Schöpfung und auch in mir wahrzunehmen. Das ist ein Abenteuer des Glaubens, das mein ganzes Leben bestimmt. Hoffentlich bis zum letzten Tag.


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Dieser Beitrag wurde am 31.07.2020 gesendet.


Über die Autorin Maria Anna Leenen

Maria Anna Leenen, *1956 in Osnabrück, lebt seit 1994 als Diözesaneremitin im Bistum Osnabrück, sie arbeitet als freie Autorin, Schwerpunkte sind Themen aus den Bereichen Spiritualität / Umwelt / Theologie. Zahlreiche Buchpublikationen und Veröffentlichungen. Zuletzt: Ganz weit draußen, Roman, Asslar 2016; nachtstill geplündert, Gedichte, Würzburg 2016; Ziegen wie du und ich, Asslar 2019; Musik meines Lebens, Paderborn 2020. Leenen wurde durch eine tiefe innere geistliche Erfahrung neu auf den Weg des christlichen Glaubens geführt, der zunächst in die katholische Kirche führte, dann in das Klarissenkloster in Münster und danach begann ihr Leben als Eremitin. Ihre Klause St. Anna liegt im Osnabrücker Land zwischen Ankum und Fürstenau. Die Klause St. Anna war ursprünglich ein altes Heuerhaus. 2004 wurde mit Hilfe ihrer Familie und vielen Freunden das Haus wieder bewohnbar gemacht.  Inzwischen gibt es einen Förderverein, der tatkräftig mithilft, die baulichen Renovierungen zu stemmen, die notwendig sind, um die Klause, die seit 2016 im Besitz des Fördervereins ist, für die Zukunft zu erhalten. Das Leben einer Eremitin, einer Einsiedlerin ist immer in erster Linie ein Leben des Gebetes und der Kontemplation in Stille und Zurückgezogenheit. So gestaltet sich der Tag immer im Wechsel zwischen den Gebetsstunden in der Klausenkapelle und der Arbeit am Schreibtisch, in Haus, Garten und Stall, der zurzeit von neun Zwergziegen bewohnt wird.  Kontakt: Auf ihrer Website: www.maria-anna-leenen.de sind weitere Informationen, Videos und Interviews. Eine weitere Website gibt Informationen zum eremitischen Leben in Deutschland: www.eremiten-in-deutschland.de Der Förderverein Klausenkapelle St. Anna e.V. findet sich im Internet unter: www.klausenkapelle.de

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