Morgenandacht, 30.07.2020

von Diözesaneremitin Maria-Anna Leenen, Ankum

Weitersuchen

Manchmal, wenn man schon eine gute Wegstrecke hinter sich gebracht hat, kommen einem so gewisse Gedanken. Ist es jetzt nicht genug? Reicht das Erlangte nicht schon? Irgendwann muss auch mal Schluss sein!

In diesen Gedanken steckt durchaus ein Quantum Wahrheit. Denn manche Suche, manche Sehnsucht kann einen auf die schiefe Bahn bringen, auch wenn der Mensch es nicht sofort spürt. Übersteigerter Ehrgeiz, ungebremster Machthunger oder die unstillbare Gier nach Geld, Ansehen und Einfluss können einen Menschen zerstören oder andere Menschen ins Unglück stürzen. Da muss man selber Grenzen setzen oder sich setzen lassen.

Aber: Gibt es eine Grenze bei der Gott-Suche? Ich erinnere mich noch gut an die erste Station auf meinem Weg in die Lebensform einer Einsiedlerin. Vor vielen Jahren war meine erste Einsiedelei mitten in einem Dorf: Es war eine kleine Kapelle mit anschließendem Gemeinschaftshaus, einer Toilette und einer Teeküche. Es war nicht optimal, aber es war ein Anfang.

Damals habe ich auch manchmal gedacht: Das ist doch gar nicht so schlecht. Reicht doch, oder? In langen Stunden des Gebetes habe ich damals versucht offen zu werden für die inneren Regungen und auch für die Ängste, die hochkamen. Ich habe versucht aus all dem herauszuspüren, was richtig ist. Irgendwann fiel die Entscheidung, dort nicht zu bleiben. Gott sei Dank!

Die intensive Suche nach meiner christlichen Lebensform, nach meinem Weg mit Gott wäre dort wahrscheinlich stecken geblieben. Weiter zu suchen ist manchmal ein Risiko. Weiter zu suchen nach dem richtigen Weg, dem richtigen Platz, der richtigen Form ist nicht leicht, sondern eine Herausforderung.

Weiter zu suchen heißt, sich nicht zufrieden zu geben mit dem Gewohnten, mit all dem, was ich aus Gleichgültigkeit, aus Mutlosigkeit und dem Mangel an Phantasie nicht mehr suchen will. Vielleicht auch aus einer Form der Angst heraus, die sich selbst und Gott nichts zutraut. Wer nicht mehr weiter sucht nach Gott, nach dem eigenen Weg mit ihm, bleibt stehen. Dieses Stehenbleiben ist ein Stillstand und nicht zu verwechseln mit der friedvollen Ruhe, die sich einstellt, wenn man seinen Platz in der Welt gefunden hat.

Gerade in der Suche nach Gott kann ein solcher Stillstand fatal werden. Er kann mich verharren lassen in einem defizitären Gottesbild, das mich in meinem Denken und Handeln nach und nach so beeinflusst, dass irgendwann die Botschaft Jesu unwichtig wird. Die Kirchengeschichte ist voll davon, wo Menschen eine Minimalvorstellung von Gott zum Maßstab ihres Handelns machten und dadurch die Liebe zum Nächsten verletzten.

Wer in der Stille lebt und sich bewusst ist, dass alle seine Gottesvorstellungen nur einen Teil von Gott und seinem Geheimnis abbilden, wird vielleicht manchmal zweifeln. Aber er wird wach bleiben, offenbleiben und die faszinierende Anziehungskraft dieses Gottes immer wieder als Antrieb wahrnehmen, sich auf ihn einzulassen. Eine Anziehungskraft, die zum Beispiel aus der überbordenden Vielfalt seiner Schöpfung gespeist wird oder aus der Macht der verzeihenden Liebe, die Gegner zu Freunden werden lässt.

Für mich war dieses Geheimnis Gott und meine Suche danach in all den Jahren als Einsiedlerin immer das größte Abenteuer meines Lebens. Manchmal habe ich zulassen müssen, dass Gott mein Gottesbild veränderte. Als zum Beispiel aus dem Bild des streng richtenden das Bild des bedingungslos liebenden Gottes wurde. Und ich habe begriffen: Dass Gott mich immer wieder lockte und verführte, weiter zu suchen nach ihm. Dabei entdeckte ich neue Facetten bewusst und eine neue Sicht, ein veränderter Blickwinkel geschenkt.

In meiner Geschichte mit Gott war das Weitersuchen oft wie eine zärtliche Aufforderung, nicht stehen zu bleiben. Manchmal war es auch wie ein kräftiger Stoß in die Rippen, um mich wieder wach zu rütteln und aufmerksam zu machen. Das Weiter-Suchen gehört zum Leben immer dazu.


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Dieser Beitrag wurde am 30.07.2020 gesendet.


Über die Autorin Maria Anna Leenen

Maria Anna Leenen, *1956 in Osnabrück, lebt seit 1994 als Diözesaneremitin im Bistum Osnabrück, sie arbeitet als freie Autorin, Schwerpunkte sind Themen aus den Bereichen Spiritualität / Umwelt / Theologie. Zahlreiche Buchpublikationen und Veröffentlichungen. Zuletzt: Ganz weit draußen, Roman, Asslar 2016; nachtstill geplündert, Gedichte, Würzburg 2016; Ziegen wie du und ich, Asslar 2019; Musik meines Lebens, Paderborn 2020. Leenen wurde durch eine tiefe innere geistliche Erfahrung neu auf den Weg des christlichen Glaubens geführt, der zunächst in die katholische Kirche führte, dann in das Klarissenkloster in Münster und danach begann ihr Leben als Eremitin. Ihre Klause St. Anna liegt im Osnabrücker Land zwischen Ankum und Fürstenau. Die Klause St. Anna war ursprünglich ein altes Heuerhaus. 2004 wurde mit Hilfe ihrer Familie und vielen Freunden das Haus wieder bewohnbar gemacht.  Inzwischen gibt es einen Förderverein, der tatkräftig mithilft, die baulichen Renovierungen zu stemmen, die notwendig sind, um die Klause, die seit 2016 im Besitz des Fördervereins ist, für die Zukunft zu erhalten. Das Leben einer Eremitin, einer Einsiedlerin ist immer in erster Linie ein Leben des Gebetes und der Kontemplation in Stille und Zurückgezogenheit. So gestaltet sich der Tag immer im Wechsel zwischen den Gebetsstunden in der Klausenkapelle und der Arbeit am Schreibtisch, in Haus, Garten und Stall, der zurzeit von neun Zwergziegen bewohnt wird.  Kontakt: Auf ihrer Website: www.maria-anna-leenen.de sind weitere Informationen, Videos und Interviews. Eine weitere Website gibt Informationen zum eremitischen Leben in Deutschland: www.eremiten-in-deutschland.de Der Förderverein Klausenkapelle St. Anna e.V. findet sich im Internet unter: www.klausenkapelle.de

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