Morgenandacht, 29.07.2020

von Diözesaneremitin Maria-Anna Leenen, Ankum

Vertrauen

In jeder Beziehung gibt es unverzichtbare Basics. Ohne diese Voraussetzungen hat eine Beziehung zwischen Mensch und Gott, zwischen Mensch und Mensch und sogar auch zwischen Mensch und Tier keinen Bestand.

Eine Voraussetzung für gelingende Beziehungen ist das Vertrauen. Es ist eine innere Haltung, ein Verhalten sich selbst und dem anderen gegenüber. Dabei gibt es eine große Bandbreite, eine bunte Palette der verschiedenen Intensitäten dieses Verhaltens.

Ich kann zum Beispiel meinen Mitmenschen generell misstrauen oder ihnen gegenüber einen Vertrauensvorschuss wagen. Manchmal gehört Mut dazu, einem anderen Menschen zu vertrauen, oder einem Weg, der vor einem liegt.

Ich hätte meinen Weg der Gottsuche als Eremitin nie gehen können, wenn ich diesem Gott gegenüber nicht von Anfang des Weges an einen großen Vertrauensvorschuss entgegengebracht hätte. Ohne Vertrauen auf Gott wäre mein Leben des Gebetes in Stille und Zurückgezogenheit auf Dauer nicht möglich.

Die Person Jesu, wie ich sie in der Bibel beschrieben finde, fasziniert mich dabei mit jedem Jahr mehr. Seine Art mit den Menschen umzugehen ist für mich bis heute ungemein anziehend. Ich würde es fast eine Art von Vertrauen bildende Maßnahme nennen, wenn ich von den Gleichnissen lese, die Jesus benutzt hat.

Wenn ich lese, wie er die Jünger beim Sturm auf einem See beruhigt. Oder mir seinen wunderbaren Dialog mit der Frau am Jakobsbrunnen vergegenwärtige. Oft stelle ich mir die beschriebenen Begegnungen von Jesus wie einen Film vor.

Vertrauen muss wachsen. Es kommt nicht einfach so aus dem Nichts herangeflogen. Vertrauen wächst aus der Erfahrung. Es ist ein Prozess, den man startet: Vertrauen wird versucht, bestätigt sich durch die positiven Erfahrungen, wird mehr und intensiver versucht und so weiter.

Ich kann heute von mir sagen, dass ich auf meinem Weg immer wieder diesen Prozess gestartet und weiter intensiviert habe und ich bin bis heute nie enttäuscht worden. Leicht war es allerdings nie. Es ist ja nicht so, dass allein schon der Entschluss als Eremitin zu leben sofort und vollständig dazu führt, dass alles klappt. Ich habe lange suchen müssen, um die erste Einsiedelei zu finden. Und dann musste ich natürlich die ersten Jahre immer wieder ausprobieren.

Wie gestalte ich meinen Tag? Wie verdiene ich das notwendige Geld? Eremiten sind ja für ihren Lebensunterhalt selbst verantwortlich. Das alles mit einem intensiven Gebetsleben und mit der Stille unter einen Hut zu bekommen ist nicht einfach. Es geht nur, wenn ich diesem Gott voll vertraue. Ihm vertraue, dass er mich führt und mir hilft.

Vor allem in den Zeiten, die es natürlich auch in meinem Leben gab, in denen plötzlich alles zu zerbrechen drohte. Dann habe ich lange Zeiten in meiner Kapelle gesessen und immer wieder darum kämpfen müssen, auf ihn zu vertrauen.

Der Weg der Gottsuche geht nur mit Vertrauen, doch er lohnt sich, weil er eine tiefe Zufriedenheit schenkt, die mehr ist als ein gewisses „gut drauf“-Sein. Ich glaube, sehr wichtig ist in solchen Zeiten der Zuspruch von anderen, die zeigen, dass Vertrauen zu wagen keine Schwäche ist.

Mich tröstet es immer, dass auch andere Menschen, die mit mir im Gespräch sind oder die mir in einem Brief von ihrem Glaubensleben erzählen, manchmal um Vertrauen kämpfen müssen. Für mich ist das auch ein Zeichen, dass das Vertrauen keine nebensächliche oder einfache Haltung ist.

Vertrauen kostet Mut und Kraft. Aber es ist auch ein wichtiges, ein unverzichtbares Puzzlesteinchen für das Fundament einer guten und liebevollen Beziehung. Für die Beziehung zwischen Mensch und Mensch, aber auch zwischen Mensch und Gott.


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Dieser Beitrag wurde am 29.07.2020 gesendet.


Über die Autorin Maria Anna Leenen

Maria Anna Leenen, *1956 in Osnabrück, lebt seit 1994 als Diözesaneremitin im Bistum Osnabrück, sie arbeitet als freie Autorin, Schwerpunkte sind Themen aus den Bereichen Spiritualität / Umwelt / Theologie. Zahlreiche Buchpublikationen und Veröffentlichungen. Zuletzt: Ganz weit draußen, Roman, Asslar 2016; nachtstill geplündert, Gedichte, Würzburg 2016; Ziegen wie du und ich, Asslar 2019; Musik meines Lebens, Paderborn 2020. Leenen wurde durch eine tiefe innere geistliche Erfahrung neu auf den Weg des christlichen Glaubens geführt, der zunächst in die katholische Kirche führte, dann in das Klarissenkloster in Münster und danach begann ihr Leben als Eremitin. Ihre Klause St. Anna liegt im Osnabrücker Land zwischen Ankum und Fürstenau. Die Klause St. Anna war ursprünglich ein altes Heuerhaus. 2004 wurde mit Hilfe ihrer Familie und vielen Freunden das Haus wieder bewohnbar gemacht.  Inzwischen gibt es einen Förderverein, der tatkräftig mithilft, die baulichen Renovierungen zu stemmen, die notwendig sind, um die Klause, die seit 2016 im Besitz des Fördervereins ist, für die Zukunft zu erhalten. Das Leben einer Eremitin, einer Einsiedlerin ist immer in erster Linie ein Leben des Gebetes und der Kontemplation in Stille und Zurückgezogenheit. So gestaltet sich der Tag immer im Wechsel zwischen den Gebetsstunden in der Klausenkapelle und der Arbeit am Schreibtisch, in Haus, Garten und Stall, der zurzeit von neun Zwergziegen bewohnt wird.  Kontakt: Auf ihrer Website: www.maria-anna-leenen.de sind weitere Informationen, Videos und Interviews. Eine weitere Website gibt Informationen zum eremitischen Leben in Deutschland: www.eremiten-in-deutschland.de Der Förderverein Klausenkapelle St. Anna e.V. findet sich im Internet unter: www.klausenkapelle.de

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