Morgenandacht, 28.07.2020

von Diözesaneremitin Maria-Anna Leenen, Ankum

Hoffen

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ein bekannter Kalenderspruch, der einem immer dann kräftig auf die Nerven geht, wenn etwas schiefläuft und ein superschlauer Sprücheklopfer Optimismus vortäuschen will. Wir verwenden die Begriffe hoffen oder Hoffnung meistens sehr schnell.

Antwortet zum Beispiel jemand zögerlich auf eine Einladung von uns sagen wir: Aber ich hoffe doch, dass du kommst! Äußern wir die Befürchtung, dass sich eine Situation verschlimmern könnte, sagt unser Gesprächspartner vielleicht: Na, das wollen wir doch nicht hoffen! Manchmal scheint es mir, dass wir das Wort Hoffnung genauso inflationär benutzen wie den Begriff der Liebe. Da stellt sich mir schon die Frage: Was meinen wir damit, wenn wir sagen: Da hoffe ich drauf?

Auf meinem langen Weg der Suche, auf dem ich herausfinden wollte, wo mein Platz und meine Aufgabe in dieser Welt sein könnten, war die Hoffnung wie ein dickes Tau, an dem ich mich entlang hangeln konnte. Auch wenn der Weg schwierig wurde, unter meinen Füßen sich plötzlich ein Abgrund zu öffnen schien oder mir das Ziel aus den Augen zu geraten drohte.

Die Hoffnung, dass die tiefe innere Erfahrung, die mir den Weg zum Glauben an Jesus Christus wie ein Blitz gezeigt hatte, die Hoffnung, dass dieser Anruf Gottes echt und wahr gewesen ist, die habe ich Gott sei Dank nie verloren. Ich habe meinen Platz in der Lebensform der Einsiedlerin gefunden. Es ist ein Leben des Gebetes und der Arbeit allein und in großer Stille. Das Hoffen ist dabei immer wie ein unzerstörbarer Ankerplatz in meinem Leben gewesen.

Fester Bestandteil im Leben einer Einsiedlerin ist das tägliche Lesen in der Bibel. Dieses Leben in der Stille wird komplett bestimmt durch den Wechsel von Gebet, Schriftlesung und Arbeit. Alles in der Regel allein, ohne die stützende Gemeinschaft eines Klosters oder einer Familie. Das Hoffen hat in solch einer Lebensform einen ganz entscheidenden Schwerpunkt.

Für mich war immer klar, dass sich meine Hoffnung nicht allein darauf bezog, ob sich dieser alles verändernde Anruf Gottes auf Dauer und auch im Rückblick als wahr erweist. Wahr im Sinne von tragfähig in allen Situationen des Alltags. Meine Hoffnung zog mit der Zeit Kreise wie ein Kieselstein, der in die Wasseroberfläche eines Teiches eintaucht.

Wenn mein Weg und mein Glaube für mich zum Weg des Lebens in die Fülle führen sollte, was bedeutete das dann für meine Beziehung zu den anderen Menschen? War das belanglos? Geht es in dieser Lebensform nur um das Heil und das Glück meines eigenen Lebens? Diese Fragen haben mich in vielen langen Stunden in der Stille meiner Einsiedelei sehr beschäftigt.

Es war nicht immer leicht und problemlos, denn das Leben einer Einsiedlerin besteht auch aus Arbeit, aus dem Brotberuf, mit dem man seinen Lebensunterhalt erwirtschaftet. Das ist manchmal ein schwieriger Spagat, der sehr belastend sein kann. Ein Wort aus der Bibel hat mir immer wieder deutlich gemacht, was hinter meiner Hoffnung immer stärker auftauchte und das Bild klärte. Da schreibt der Apostel Paulus:

„Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

(Römerbrief 5. Kapitel, Verse 3-5)

In all den Problemen vertraue ich darauf, dass diese Welt, diese Schöpfung, dass dies alles einen tiefen, guten und auf ewig unzerstörbaren Sinn hat. Eine solche Hoffnung kann nur wachsen, wenn ich das wage, worauf alles Positive in der Beziehung zu Gott und zu den Menschen beruht. Wenn ich Vertrauen wage, wenn ich riskiere und immer wieder neu lerne zu vertrauen.


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Dieser Beitrag wurde am 28.07.2020 gesendet.


Über die Autorin Maria Anna Leenen

Maria Anna Leenen, *1956 in Osnabrück, lebt seit 1994 als Diözesaneremitin im Bistum Osnabrück, sie arbeitet als freie Autorin, Schwerpunkte sind Themen aus den Bereichen Spiritualität / Umwelt / Theologie. Zahlreiche Buchpublikationen und Veröffentlichungen. Zuletzt: Ganz weit draußen, Roman, Asslar 2016; nachtstill geplündert, Gedichte, Würzburg 2016; Ziegen wie du und ich, Asslar 2019; Musik meines Lebens, Paderborn 2020. Leenen wurde durch eine tiefe innere geistliche Erfahrung neu auf den Weg des christlichen Glaubens geführt, der zunächst in die katholische Kirche führte, dann in das Klarissenkloster in Münster und danach begann ihr Leben als Eremitin. Ihre Klause St. Anna liegt im Osnabrücker Land zwischen Ankum und Fürstenau. Die Klause St. Anna war ursprünglich ein altes Heuerhaus. 2004 wurde mit Hilfe ihrer Familie und vielen Freunden das Haus wieder bewohnbar gemacht.  Inzwischen gibt es einen Förderverein, der tatkräftig mithilft, die baulichen Renovierungen zu stemmen, die notwendig sind, um die Klause, die seit 2016 im Besitz des Fördervereins ist, für die Zukunft zu erhalten. Das Leben einer Eremitin, einer Einsiedlerin ist immer in erster Linie ein Leben des Gebetes und der Kontemplation in Stille und Zurückgezogenheit. So gestaltet sich der Tag immer im Wechsel zwischen den Gebetsstunden in der Klausenkapelle und der Arbeit am Schreibtisch, in Haus, Garten und Stall, der zurzeit von neun Zwergziegen bewohnt wird.  Kontakt: Auf ihrer Website: www.maria-anna-leenen.de sind weitere Informationen, Videos und Interviews. Eine weitere Website gibt Informationen zum eremitischen Leben in Deutschland: www.eremiten-in-deutschland.de Der Förderverein Klausenkapelle St. Anna e.V. findet sich im Internet unter: www.klausenkapelle.de

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